60. Der Universalienstreit oder: Nominalismus und Realismus (Roscelin, Anselm von Canterbury u. a.).


1. In der Einleitung des Porphyrius ( 49) zu Aristoteles' logischen Schriften wird die Frage aufgeworfen, ob die Gattungsbegriffe (genera und species, zusammengefat unter dem Namen universalia), z.B. Eiche, Rind, wirklich d.h. dinglich oder nur in unseren Gedanken vorhanden, ob sie krperlich oder unkrperlich seien, ob sie gesondert von den Sinnendingen oder nur in und an denselben existieren. An diese, dem Mittelalter nur in der lateinischen bersetzung des Boethius vorliegende, Stelle knpfte sich der fast das ganze Mittelalter durchziehende sogenannte Universalienstreit. Die einen (die Realisten) behaupten, indem sie sich dabei auf Plato (von dem freilich damals nur ein Teil des Timus bekannt war!) beriefen, dass die Gattungsbegriffe das Ursprngliche und Wirkliche, sowohl der Zeit wie dem Range nach, also die wahrhaften Dinge (res) seien, welche das Besondere aus sich erzeugten (universalia ante rem). Demgegenber behauptete die andere Partei, die Nominalisten, dass die allgemeinen Begriffe bloe Worte (nomina, voces) oder Abstraktionen (intellectus) des Verstandes seien, whrend in Wirklichkeit nur die Einzeldinge existierten (universalia post rem).

Zwischen beide schob sich spter eine vermittelnde, auf Aristoteles sich berufende Ansicht (sog. gemigter Realismus), wonach die Universalien zwar real existierten, aber nur in oder an den Einzeldingen (universalia in re).

2. Die althergebrachte Ansicht war im allgemeinen der Realismus, den wir denn auch bereits Johannes Scottus vertreten sahen. Demgegenber zeigen sich in der Schule von Fulda schon nominalistische Anfnge, die jedoch grere Bedeutung erst in der zweiten Hlfte des 11. Jahrhunderts durch das Auftreten des Roscelin von Compigne erreichen. Von ihm selbst ist nur ein Brief an seinen Schler Ablard erhalten; das brige wissen wir durch die Schriften seiner Gegner, besonders Ablards und Anselms. R. bildete die nominalistische Doktrin so folgerecht durch, dass er auch die Unterscheidung von Teilen an den Einzeldingen fr eine willkrliche, nur der menschlichen Auffassung und Mitteilung dienliche Zerlegung erklrte. Indessen htte man ihm Stze wie: Es gibt keine Farbe an sich, sondern nur gefrbte Krper, es gibt keine Weisheit an sich, sondern nur weise Menschen, seitens der Kirche wohl noch hingehen lassen. Gefhrlich wurde ihm, dass er den Nominalismus auch auf die Dreieinigkeitslehre anzuwenden wagte. Da die Wirklichkeit nur in den Individuen existiert, so, lehrte er, seien auch die drei Personen der Gottheit drei getrennte Substanzen, also im Grunde drei Gtter. Wegen dieses Tritheismus wurde er von einer Synode zu Soissons 1092 verurteilt und zum Widerrufe gezwungen. - Mit Roscelin erlosch der Nominalismus auf lange Zeit; erst im 14. Jahrhundert (vgl. 68) ist er wieder emporgekommen.

3. Der Realismus feierte einen glnzenden Sieg in Roscelins Gegner Anselm von Canterbury (1033-1109). Sohn eines piemontesischen Edelmanns, Schler und Nachfolger von Berengars Gegner Lanfrank als Abt von Bec, war er zuletzt 16 Jahre Erzbischof von Canterbury und ist als solcher durch seine hartnckige Verfechtung gregorianischer Prinzipien mehrfach mit dem englischen Knigtum in Streit geraten. Auch in Glaubenssachen tritt er unbedingt fr die kirchliche Autoritt ein und ist insofern streng genommen der erste eigentliche Scholastiker. Der Glaube mu der Erkenntnis vorausgehen, dann freilich zu letzterer aufstreben; in diesem Sinne ist sein - brigens Augustin entnommenes - Credo, ut intelligam gemeint. Fr den der wahren Einsicht Unfhigen reicht die bloe demtige Verehrung (veneratio) aus. Die Sinne, so lehrt seine Schrift De veritate im Sinne des Realismus, erkennen das Einzelne, der Geist das Allgemeine; jedes Wesen ist nur dadurch wahr oder gut, dass es an der hchsten Wahrheit oder Gte (Gott) teilnimmt. Seine wichtigsten Lehrstcke sind 1. der ontologische Beweis fr das Dasein Gottes, 2. seine Lehre von der stellvertretenden Genugtuung Christi.

Den ersteren entwickeln, in klarer Zusammenfassung und selbstndiger Wiedergabe augustinischer Gedanken, die beiden Schriften Monologium und Proslogium (Anrede, d. i. an die Gottheit). Das allgemeinste Wesen mu auch das allerrealste (ens realissimum) und allervollkommenste (ens perfectissimum) sein; aus diesem Sein (esse) aber folgt notwendig seine Existenz. Whrend die erstgenannte Schrift diesen Gedanken mehr auf kosmologischem Grunde darlegt, leitet das Proslogium die Existenz Gottes (esse in re) rein aus seinem Begriffe (esse in intellectu) ab.

Die Schrift Cur deus homo? d.h. Warum ward Gott Mensch? sucht die logische Notwendigkeit von Christi Opfertod zum Entgelt fr die Sndenschuld der Menschheit zu beweisen. Voraussetzungen und Beweisgang sind weit mehr juristisch als ethisch. Der Mensch wird gar nicht als sittliches Subjekt gewrdigt, sondern der Sndenfall stellt eine unendliche Beleidigung Gottes dar, die nur durch das stellvertretende Opfer des Gottmenschen geshnt werden kann. Im brigen haben wir auf diese noch heute in orthodoxen Kreisen angenommene Rechtfertigungstheorie, als spezifisch theologisch, nicht weiter einzugehen. Auch die brigen Schriften des einflureichen Kirchenlehrers behandeln meist theologische Themata (Trinitt, Willensfreiheit und Prdestination, Erbsnde u. dergl.). Sein ontologischer Gottesbeweis fand einen scharfsinnigen Bestreiter in dem franzsischen Mnche Gaunilo, spter in Thomas von Aquino.

Zu den extremsten Realisten gehrte nach Ablards Zeugnis Wilhelm von Champeaux ( als Bischof von Chlons s. M. 1121). In Sokrates, soll er behauptet haben, sei die Sokratitt das blo Zufllige, die Menschheit das Substantielle. Die Weiheit wrde existieren, wenn es auch kein einziges weies Ding gbe. Eine vermittelnde Stellung in dem Universalienstreit nahm der berhmte Ablard ein.

 

Literatur: J. Lwe, Der Kampf zwischen Nominalismus und Realismus. Prag 1876. Die Hauptwerke ber Anselm: R. Hasse (Lpz. 1843-52), Ch. de Rmusat (1868) und D. de Vorges, St. Anselm, Paris 1901.


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