
a. Das Ideal als aus freiem knstlerischen Schaffen entsprungen
Indem nun das klassische Ideal wesentlich erst durch solche Umbildung des Frheren zustande kommt, so ist die nchste Seite, die wir daran herausstellen mssen, die, da es aus dem Geiste erzeugt ist und deshalb in dem Innersten und Eigensten der Dichter und Knstler seinen Ursprung gefunden hat, die es mit ebenso klarer als freier Besonnenheit im Bewutsein und Zwecke knstlerischer Produktion hervorbrachten. Gegen dieses Machen scheint nun aber das Faktum zu streiten, da die griechische Mythologie auf lteren Traditionen beruht und auf Auswrtiges, Orientalisches hinweist. Herodot z. B., obschon er in der bereits angefhrten Stelle sagt [II, 53], Homer und Hesiod htten den Griechen ihre Gtter gemacht, bringt dennoch an anderen Orten dieselben griechischen Gtter mit gyptischen usf. in engen Zusammenhang. Denn im zweiten Buche (c. 49) erzhlt er ausdrcklich, des Dionysos Namen habe Melampus den Hellenen gebracht, den Phallus und das ganze Opferfest eingefhrt, doch mit einigem Unterschiede, da Melampus den Dienst des Dionysos wohl von Kadmos dem Tyrier und den Phniziern gelernt habe, welche mit Kadmos nach Botien kamen. Diese entgegengesetzten Aussprche haben in neuerer Zeit, besonders in Beziehung auf Creuzers Bemhungen, Interesse gewonnen, der im Homer z. B. alte Mysterien und alle die Quellen aufzufinden sucht, welche nach Griechenland zusammengeflossen waren, Asiatisches, Pelasgisches, Dodonisches, Thrakisches, Samothrakisches, Phrygisches, Indisches, Buddhistisches, Phnizisches, gyptisches, Orphisches, nebst dem unendlich vielen Einheimischen des speziellen Lokals und anderer Einzelheiten. Diesen vielfachen berkommenen Ausgangspunkten widerspricht es freilich auf den ersten Blick, da jene Dichter den Gttern sollen die Namen und die Gestalt gegeben haben. Beides aber, Tradition und eigenes Bilden, lt sich durchaus vereinigen. Die Tradition ist das erste, der Ausgangspunkt, der wohl Ingredienzien berliefert, aber noch nicht den eigentlichen Gehalt und die echte Form fr die Gtter mitbringt. Diesen Gehalt nahmen jene Dichter aus ihrem Geist und fanden in freier Umwandlung fr denselben auch die wahre Gestalt und sind dadurch in der Tat die Erzeuger der Mythologie geworden, welche wir in der griechischen Kunst bewundern. Doch sind die Homerischen Gtter deswegen auf der anderen Seite nicht etwa eine blo subjektive Erdichtung oder ein bloes Machwerk, sondern haben ihre Wurzel in dem Geiste und Glauben des griechischen Volks und seiner nationalen religisen Grundlagen. Sie sind die absoluten Mchte und Gewalten, das Hchste der griechischen Vorstellung, der Mittelpunkt des Schnen berhaupt, von der Muse selber dem Dichter eingegeben. In diesem freien Schaffen nun nimmt der Knstler eine ganz andere Stellung als im Orient ein. Die indischen Dichter und Weisen haben auch Vorgefundenes zu ihrem Ausgangspunkte: Naturelemente, Himmel, Tiere, Strme usf. oder die reine Abstraktion des gestaltlosen und inhaltlosen Brahman; ihre Begeisterung aber ist eine Zertrmmerung des Inneren der Subjektivitt, die solches ihr uerliches zu verarbeiten die schwere Aufgabe erhlt und bei der Malosigkeit ihrer Phantasie, welche jeder festen, absoluten Richtung entbehrt, in ihren Erzeugungen nicht wahrhaft frei und schn sein kann, sondern ein unbndiges Produzieren und Schweifen im Stoffe bleiben mu. Sie gleicht einem Baumeister, der keinen reinen Boden hat; alte Trmmer halbeingestrzter Mauern, Hgel, vorspringende Felsen hemmen ihn, auer den besonderen Zwecken, nach denen er seine Konstruktion ausrichten soll, und er kann nichts als ein wildes, unharmonisches, phantastisches Gebilde hinstellen. Was er produziert, ist nicht das Werk seiner frei aus eigenem Geiste schaffenden Phantasie. - Umgekehrt geben uns hebrische Dichter Offenbarungen, die der Herr sie sprechen hie, so da hier wieder eine bewutlose Begeisterung, getrennt, unterschieden von der Individualitt und dem produzierenden Geist des Knstlers, das Hervorbringende ist, wie in der Erhabenheit berhaupt das Abstrakte, Ewige wesentlich im Verhltnis zu einem ihm Anderen und uerlichen in die Anschauung und das Bewutsein kommt.
In der klassischen Kunst dagegen sind die Knstler und Dichter allerdings auch Propheten, Lehrer, die, was das Absolute und Gttliche sei, dem Menschen verkndigen und offenbar machen; erstens aber ist
α) der Inhalt ihrer Gtter nicht das dem menschlichen Geiste nur uere der Natur oder die Abstraktion der einen Gottheit, wobei nur ein oberflchliches Formieren oder die gestaltlose Innerlichkeit brigbleibt, sondern ihr Gehalt ist dem menschlichen Geist und Dasein entnommen und dadurch das Eigene der menschlichen Brust, ein Gehalt, mit welchem der Mensch frei als mit sich selber zusammengehen kann, indem, was er hervorbringt, das schnste Erzeugnis seiner selbst ist.
β) Zweitens sind die Knstler ebensosehr Poeten, Bildner dieses Stoffs und Inhalts zur frei auf sich beruhenden Gestalt. Nach dieser Seite nun erweisen sich die griechischen Knstler als wahrhaft schaffende Dichter. Alle die vielfachen fremden Ingredienzien brachten sie in den Schmelztiegel; doch sie machten kein Gebru daraus wie in einem Hexenkessel, sondern verzehrten alles Trbe, Natrliche, Unreine, Fremde, Malose in dem reinen Feuer des tieferen Geistes, sie brannten es zusammen und lieen gereinigt die Gestalt hervortreten, mit nur schwachen Anklngen an den Stoff, woraus sie gebildet ward. Ihr Geschft bestand in dieser Rcksicht teils in dem Abstreifen des Formlosen, Symbolischen, Unschnen und Migestalteten, das sie in dem Stoffe der Tradition vor sich hatten, teils in dem Herausheben des eigentlich Geistigen, das sie zu individualisieren und wofr sie die entsprechende uere Erscheinung aufzusuchen oder zu erfinden hatten. Hier zuerst ist es die menschliche Gestalt und die nicht mehr als bloe Personifikation gebrauchte Form menschlicher Handlungen und Begebnisse, welche, wie wir sahen, als die einzig geme Realitt notwendig eintritt. Auch diese Formen findet der Knstler zwar in der Wirklichkeit vor, aber er hat an ihnen gleichfalls das Zufllige und Ungehrige zu tilgen, ehe sie sich dem geistigen Inhalt des Menschlichen, der, seiner Wesenheit nach gefat, zur Vorstellung der ewigen Mchte und Gtter wird, angemessen erweisen knnen. Dies ist die freie, geistige und nicht nur willkrliche Produktion des Knstlers.
γ) Indem nun drittens die Gtter nicht nur fr sich dastehen, sondern auch innerhalb der konkreten Wirklichkeit der Natur und menschlichen Begebnisse ttig sind, so geht das Geschft der Dichter auch darauf, die Gegenwart und Wirksamkeit der Gtter in dieser Bezglichkeit auf menschliche Dinge zu erkennen, das Besondere der Naturereignisse, der menschlichen Taten und Schicksale, worein die gttlichen Mchte verflochten erscheinen, zu deuten und dadurch das Geschft des Priesters, des Mantis, zu teilen. Wir, auf dem Standpunkte unserer heutigen prosaischen Reflexion, erklren die Naturerscheinungen nach allgemeinen Gesetzen und Krften, die Handlungen der Menschen aus ihren inneren Absichten und selbstbewuten Zwecken; die griechischen Dichter aber blicken sich berall nach dem Gttlichen um und erzeugen, indem sie die menschlichen Ttigkeiten zu Handlungen der Gtter gestalten, durch solches Deuten erst die verschiedenen Seiten, nach denen die Gtter mchtig sind. Denn eine Menge solcher Deutungen gibt eine Menge von Handlungen, in denen sich kundtut, was der eine oder andere Gott sei. Schlagen wir z. B. die Homerischen Gedichte auf, so finden wir dort fast kein irgend bedeutendes Ereignis, welches nicht aus dem Willen oder der wirklichen Beihilfe der Gtter nher erlutert wrde. Diese Auslegungen sind die Einsicht, der selbstgeschaffene Glaube, die Anschauung der Dichter, wie Homer sie denn auch hufig in seinem eigenen Namen ausspricht und sie zum Teil nur seinen Personen, den Priestern oder Helden, in den Mund legt. Gleich im Anfang der llias z. B. hat er selber schon die Pest im Lager der Griechen (l, v. 9-12) aus dem Unwillen des Apollo ber Agamemnon, der dem Chryses die Tochter nicht freigeben wollte, erklrt und lt dann weiterhin (l, v. 94 bis 100) dieselbe Deutung durch Kalchas den Griechen verkndigen.
In der hnlichen Weise berichtet Homer im letzten Gesnge der Odyssee (als Hermes die Schatten der entseelten Freier zur Asphode-loswiese geleitet hat und sie dort den Achilleus finden und die brigen Helden, die vor Troja gekmpft hatten, und endlich auch Agamemnon zu ihnen heranwandelt), wie dieser (Odyssee, XXIV, v. 41-63) den Tod des Achilleus schildert: Den ganzen Tag hatten die Griechen gekmpft und trugen erst, als Zeus die Streitenden getrennt, den edlen Leichnam zu den Schiffen und wuschen ihn, hufig weinend, und salbten ihn. Da erschallt auf dem Meere ein gttliches Getse, und die erschreckten Acher wrden in die hohlen Schiffe gestrzt sein, wenn sie nicht ein alter und vieles wissender Mann, Nestor, zurckgehalten htte, dessen Rat auch frher schon der beste erschienen. Er erklrt ihnen die Erscheinung, indem er sagt: Die Mutter kommt aus dem Meer mit den unsterblichen Meergttinnen, um ihrem gestorbenen Sohne entgegenzugehen. Auf dieses Wort verlie die Furcht die grogesinnten Acher. Jetzt nmlich wuten sie, woran sie waren: Menschliches, die Mutter, die Trauernde, kommt ihm entgegen, ihrem Auge, ihrem Ohr begegnet nur, was sie selber sind; Achill ist ihr Sohn, sie selbst voll Klage; und so fhrt denn auch Agamemnon, zum Achill gewendet, in seiner Schilderung mit Beschreibung des allgemeinen Schmerzes fort: Um dich her aber, sagt er, standen die Tchter des Meergreises, weheklagend, und legten die ambrosischen Kleider an; die Musen auch, die neun zusamt, wechselnd in schnem Gesnge, klagten, und da wurde wohl keiner trnenlos gesehen der Argeier, so rhrte der hellstimmige Gesang.
Vor allem aber hat mich in dieser Beziehung eine andere Gttererscheinung in der Odyssee jedesmal angezogen und beschftigt. Odysseus auf seiner Irrfahrt, unter den Phaken bei den Kampfspielen von Euryalos geschmht, weil er sich geweigert hatte, am Wettkampf im Diskuswerfen teilzunehmen, antwortet gereizt, mit finsteren Blicken und derben Worten; dann steht er auf, ergreift die Scheibe, grer und schwerer als die der brigen, und schleudert sie weithin ber das Ziel. Einer der Phaken bezeichnet die Stelle und ruft ihm zu: Auch ein Blinder kann den Stein sehen: er liegt nicht gemischt unter den anderen, sondern weit voraus; in diesem Wettkampf hast du nichts zu frchten, kein Phake wird deinen Wurf erreichen oder besiegen. So sprach er, aber der viel duldende, gttliche Odysseus freute sich, einen wohlgewogenen Freund zu sehen in dem Wettspiel (Odyssee, VIII, v. 159-200). - Dies Wort, das befreundete Zunicken eines Phaken legt Homer als das befreundete Erscheinen der Athene aus.