
c. Naturgrundlage der neuen Gtter
Drittens endlich bewahren die alten Gtter nicht nur neben den neuen ihre Stelle, sondern, was wichtiger ist, in den neuen Gttern selber bleibt die Naturgrundlage enthalten und geniet, indem sie, als der geistigen Individualitt des klassischen Ideals gem, in ihnen nachklingt, einer dauernden Verehrung.
α) Dadurch ist man hufig verfhrt worden, die griechischen Gtter ihrer menschlichen Gestalt und Form nach als bloe Allegorien solcher Naturelemente aufzufassen. Dies sind sie nicht. So hren wir z. B. oft genug von Helios als dem Gott der Sonne, von Diana als Gttin des Mondes oder von Neptun als Gott des Meeres sprechen. Solche Trennung aber des natrlichen Elementes, als Inhalts, und der menschlich gestalteten Personifikation, als Form, sowie die uerliche Verknpfung beider, als bloe Herrschaft Gottes ber die Naturdinge, wie wir sie aus dem Alten Testamente her gewohnt sind, drfen wir auf die griechischen Vorstellungen nicht anwenden. Denn wir finden bei den Griechen an keiner Stelle den Ausdruck Der Gott der Sonne, des Meeres usf., whrend sie doch gewi fr dieses Verhltnis, wenn es in ihrer Anschauung gelegen htte, auch den Ausdruck wrden gebraucht haben. Helios ist die Sonne als Gott.
β) Zugleich aber mssen wir hierbei festhalten, da die Griechen nicht etwa das Natrliche als solches schon als gttlich ansahen. Im Gegenteil hatten sie die bestimmte Vorstellung, das Natrliche sei nicht das Gttliche; wie dies teils unausgesprochen in dem enthalten ist, was ihre Gtter sind, teils auch ausdrcklich von ihnen herausgehoben wurde. Plutarch z. B. in seiner Schrift ber Isis und Osiris kommt auch auf die verschiedenen Erklrungsarten der Mythen und Gtter zu reden. Isis und Osiris gehren der gyptischen Anschauung an und hatten mehr noch als die entsprechenden griechischen Gtter Naturelemente zu ihrem Inhalte, indem sie nur das Sehnen und den Kampf ausdrcken, aus dem Natrlichen hinaus zum Geistigen fortzugehen; spter genossen sie in Rom groer Verehrung und machten ein Hauptmysterium aus. Dennoch meint Plutarch, es wre unwrdig, sie als Sonne, Erde oder Wasser erklren zu wollen. Nur alles dasjenige, was in der Sonne, Erde usf. malos und ohne Ordnung, mangelhaft oder im berma sei, das msse den Naturelementen zugeschrieben werden, und nur das Gute und Ordnungsgeme sei ein Werk der Isis, und der Verstand, der Logos, ein Werk des Osiris. Als das Substantielle dieser Gtter wird deshalb nicht das Natrliche als solches angegeben, sondern Geistiges, Allgemeines, Logos, Verstand, Gesetzmiges.
Bei dieser Einsicht in die geistige Natur der Gtter sind die bestimmteren Naturelemente denn auch bei den Griechen von den neuen Gttern ebensosehr unterschieden worden. Wir haben zwar die Gewohnheit, Helios und Selene z. B. mit Apoll und Diana zusammenzustellen, bei Homer aber kommen sie als voneinander verschieden vor. Dasselbe gilt fr Okeanos und Poseidon und andere.
γ) Drittens aber bleibt in den neuen Gttern ein Nachklang der Naturmchte, deren Wirksamkeit zur geistigen Individualitt der Gtter selbst gehrt. Den Grund fr dieses positive Zusammenschlieen des Geistigen und Natrlichen in den Idealen der klassischen Kunst haben wir schon frher angegeben und knnen uns deshalb hier auf die Anfhrung einiger Beispiele beschrnken.
αα) Im Poseidon liegt, wie in Pontos und Okeanos, die Macht des erdumstrmenden Meeres, aber seine Gewalt und Ttigkeit reicht weiter: er baute llion und war ein Hort Athens; berhaupt wird er als Stdtegrnder verehrt, insofern das Meer das Element der Schiffahrt, des Handels und der Verbindung der Menschen ist. Ebenso ist Apollo, der neue Gott, das Licht des Wissens, der Orakelsprechende, und bewahrt dennoch einen Anklang an Helios als Naturlicht der Sonne. Man streitet zwar darber - wie Voss und Creuzer z. B. -, ob Apollo auch auf die Sonne zu deuten sei oder nicht, aber man kann in der Tat sagen, er sei die Sonne und sei sie nicht, da er nicht auf diesen Naturinhalt beschrnkt bleibt, sondern zu der Bedeutung des Geistigen erhoben ist. Schon an und fr sich mu es auffallen, in welch einem wesentlichen Zusammenhang Wissen und Erleuchten, das Licht der Natur und des Geistes ihrer Grundbestimmung nach miteinander stehen. Das Licht nmlich als Naturelement ist das Manifestierende; ohne da wir es selber sehen, macht es die erhellten, beschienenen Gegenstnde sichtbar. Durch das Licht wird alles auf theoretische Weise fr Anderes. Den gleichen Charakter des Manifestierens hat der Geist, das freie Licht des Bewutseins, das Wissen und das Erkennen. Der Unterschied besteht, auer der Verschiedenheit der Sphren, in welchen dies zwiefache Manifestieren sich ttig erweist, nur darin, da der Geist sich selber offenbart und in dem, was er uns gibt oder was fr ihn gemacht wird, bei sich selber bleibt, das Licht der Natur aber nicht sich selbst, sondern im Gegenteil das ihm Andere und uerliche wahrnehmbar macht und in dieser Beziehung wohl aus sich heraus, aber nicht wie der Geist ebenso in sich zurckgeht, weshalb es die hhere Einheit, im Anderen bei sich selber zu sein, nicht gewinnt. Wie nun Licht und Wissen einen engen Zusammenhang haben, finden wir auch in Apollo als geistigem Gotte noch die Erinnerung an das Licht der Sonne wieder. So schreibt z. B. Homer die Pest im Lager der Griechen dem Apollo zu, der hier in der Sommerhitze als Wirksamkeit der Sonne betrachtet wird. Ebenso haben seine Todespfeile gewi einen symbolischen Zusammenhang mit den Sonnenstrahlen. In der uerlichen Darstellung mssen es dann nher uere Merkmale bestimmen, in welcher Bedeutung der Gott vornehmlich solle genommen werden.
Besonders wenn man der Entstehungsgeschichte der neuen Gtter nachgeht, lt sich, wie dies Creuzer vornehmlich herausgehoben hat, das Naturelement erkennen, welches die Gtter des klassischen Ideals in sich aufbewahren. So finden sich z. B. in Jupiter Andeutungen an die Sonne, und die zwlf Arbeiten des Herkules, sein Zug z. B., auf welchem er die pfel der Hesperiden holt, haben Bezug gleichfalls auf die Sonne und die zwlf Monate. Der Diana liegt die Bestimmung der allgemeinen Mutter der Natur zugrunde, wie die Ephesische Diana z. B., welche zwischen dem Alten und Neuen schwankt, die Natur berhaupt, die Erzeugung und Ernhrung zu ihrem Hauptinhalte hat und diese Bedeutung auch in ihrer Auengestalt, durch die Brste usf., andeutet. Bei der griechischen Artemis dagegen, der Jgerin, welche die Tiere ttet, tritt in ihrer menschlich schnen, jungfrulichen Gestalt und Selbstndigkeit diese Seite ganz zurck, obschon der halbe Mond und die Pfeile noch immer an die Selene erinnern. In gleicher Art wird Aphrodite, je mehr man ihren Ursprung nach Asien hin verfolgt, desto mehr zur Naturmacht; kommt sie ins eigentliche Griechenland herber, so kehrt sich die geistig individuellere Seite des Liebreizes, der Anmut, der Liebe heraus, der es jedoch an einer Naturgrundlage keineswegs fehlt. Ceres hat in derselben Weise die Naturproduktivitt zu ihrem Ausgangspunkte, der sich sodann zu dem geistigen Inhalte fortleitet, dessen Verhltnisse sich aus dem Ackerbau, Eigentum usf. entwickeln. Die Musen behalten das Murmeln der Quelle zur Naturgrundlage, und Zeus selber ist als allgemeine Naturmacht zu nehmen und wird als der Donnerer verehrt, wiewohl bei Homer schon der Donner ein Zeichen des Mifallens oder Beifalls, ein Omen ist und dadurch einen Bezug auf Geistiges und Menschliches erhlt. Auch Juno hat einen Naturanklang an das Himmelsgewlbe und den Luftkreis, in welchem die Gtter wandeln. So heit es z. B., Zeus habe den Herkules an die Brust der Juno gelegt, und fortgeschleudert sei aus der verschtteten Milch die Milchstrae entstanden.
ββ) Wie nun in den neuen Gttern die allgemeinen Naturelemente einerseits herabgesetzt, andererseits erhalten sind, so ist es auch mit dem Tierischen als solchem, das wir frher nur in seiner Degradation zu betrachten hatten. Jetzt knnen wir auch dem Tierischen eine positivere Stellung anweisen. Da jedoch die klassischen Gtter die symbolische Gestaltungsweise abgestreift haben und zu ihrem Inhalte den sich selbst klaren Geist gewinnen, so mu sich jetzt die symbolische Bedeutung der Tiere in demselben Grade verlieren, in welchem der Tiergestalt das Recht genommen ist, sich mit der menschlichen in ungehriger Art zu vermischen. Sie kommt deshalb als blo bezeichnendes Attribut vor und wird neben die Menschengestalt der Gtter gestellt. So sehen wir den Adler neben Jupiter, den Pfau neben Juno, die Tauben in Begleitung der Venus, den Hund, Anubis, als Wchter der Unterwelt usf. Wenn daher auch an den Idealen der geistigen Gtter noch Symbolisches erhalten ist, so wird es dennoch seiner ursprnglichen Bedeutung nach unscheinbar, und die Naturbedeutung als solche, welche frher den wesentlichen Inhalt ausgemacht hatte, bleibt nur noch als Rest und als partikulre uerlichkeit zurck, die nun ihrer Zuflligkeit wegen hin und wieder bizarr aussieht, da ihr die frhere Bedeutung nicht mehr innewohnt. Indem ferner das Innere dieser Gtter das Geistige und Menschliche ist, so wird die uerlichkeit an ihnen nun auch zu einer menschlichen Zuflligkeit und Schwche. In dieser Beziehung knnen wir noch einmal an die vielfachen Liebschaften des Jupiter erinnern. Ihrer ursprnglichen symbolischen Bedeutung nach beziehen sie sich, wie wir sahen, auf die allgemeine Ttigkeit des Zeugens, auf die Lebendigkeit der Natur. Als Liebschaften des Jupiter aber, welche, insofern die Ehe mit Hera als das feste substantielle Verhltnis anzusehen ist, als eine Untreue gegen die Gattin erscheinen, haben sie die Gestalt zuflliger Abenteuer und vertauschen ihren symbolischen Sinn mit dem Charakter von willkrlich erfundenen losen Geschichten.
Mit diesem Herabsetzen der bloen Naturmchte und des Tierischen sowie der abstrakten Allgemeinheit geistiger Verhltnisse und mit dem Wiederaufnehmen derselben in die hhere Selbstndigkeit der geistigen, naturdurchdrungenen und - durchdringenden Individualitt haben wir die notwendige Entstehungsgeschichte als die eigene Voraussetzung fr das Wesen des Klassischen hinter uns, indem sich das Ideal auf diesem Wege durch sich selber zu dem gemacht hat, was es seinem Begriff nach ist. Diese ihrem Begriff geme Realitt der geistigen Gtter fhrt uns zu den eigentlichen Idealen der klassischen Kunstform, welche, dem besiegten Alten gegenber, das Unvergngliche darstellen, denn Vergnglichkeit berhaupt liegt in Unangemessenheit des Begriffs und seines Daseins.