Elftes Kapitel.
[Freundschaft in Glck und Unglck]


Bedarf man aber der Freunde mehr im Glck oder im Unglck? In beiden Lagen werden sie gesucht, da die Unglcklichen Hilfe brauchen und die Glcklichen Gesellschafter und solche, denen sie Gutes tun knnen. Denn das ist dem Tugendhaften ein Bedrfnis.

Notwendiger also ist der Besitz von Freunden im Unglck, weil man da die ntzlichen Freunde braucht, sittlich schner aber im Glck, weil man da nach trefflichen Menschen sucht, da es wnschenswerter ist, diesen Wohltaten zu erweisen und mit diesen zu verkehren. Denn die bloe Gegenwart der Freunde ist angenehm, auch im Unglck, da die Bekmmerten sich erleichtert fhlen, wenn die Freunde ihren Schmerz teilen. Daher knnte man auch zweifeln, ob die Freunde gleichsam die Last mittragen, oder ob vielmehr ihre angenehme Gegenwart und die berzeugung von ihrer Teilnahme den Schmerz verringert. Ob nun die Erleichterung daher rhrt oder einen anderen Grund hat, stehe dahin; genug, dass sie tatschlich eintritt. Doch drfte die Wirkung, die von der Gegenwart der Freunde ausgeht, gemischter Art sein. (1171b) Einerseits ist schon der Anblick der Freunde, besonders fr den von einem Migeschick Betroffenen, erfreulich und angenehm und eine Art Gegenmittel gegen den Kummer. Denn der Freund trstet uns durch Miene und Wort, wenn er das Geschick dazu hat, da er unseren Charakter kennt und wei, was uns angenehm und unangenehm berhrt. Andererseits aber mu es uns weh tun, wenn wir den Freund ber unsere Migeschicke bekmmert sehen. Niemand will gern einem Menschen, den er lieb hat, Anla geben, sich zu betrben. Darum scheuen es mannhafte Naturen, den Freund zum Teilnehmer ihres Kummers zu machen, und wenn sie nicht sehen, dass sie durch eine kleine Betrbnis des anderen einer eigenen groen Betrbnis entledigt werden, so ertragen sie es nicht, dass die Freunde ihretwegen Leid haben sollen, und berhaupt suchen sie weinerliche Naturen von sich fern zu halten, weil sie selbst nicht zum Weinen und Klagen veranlagt sind. Weiber jedoch und weibische Mnner haben Freude an dem Mitgeseufze anderer und lieben sie als wahre Freunde und mitleidige Seelen. Man soll sich aber gewi in allem den besseren Menschen zum Vorbild nehmen. Im Glck dagegen verschafft uns die Gegenwart der Freunde einen angenehmen Umgang und gibt uns das Bewutsein, dass sie an dem Guten, was wir besitzen, ihre Freude haben.

Deshalb scheint sich die Regel zu empfehlen, dass man die Freunde zur Teilnahme an seinem Glck bereitwillig und ungesumt herbeirufe, da es sittlich schn ist, wohlttig zu sein, jedoch nur zgernd zur Teilnahme an seinen Migeschicken, da man den Freunden von den beln so wenig als mglich mitteilen soll, daher der Ausspruch:

 

Genug, dass ich unglcklich bin.

 

Am ersten noch darf man sie in solchen Fllen in Anspruch nehmen, wo sie uns mit geringer Mhe einen groen Dienst erweisen knnen. Dagegen drfte es schicklich sein, ungerufen und ungesumt zu den Freunden hinzugehen, wenn sie von Migeschicken betroffen worden sind denn es ist Freundespflicht, wohl zu tun, besonders denen, die in Not sind und uns nicht darum gebeten haben, was fr beide Teile wrdiger und seliger ist . Sind aber unsere Freunde in glcklichen Umstnden, so gehe man gern zu ihnen, wenn man ihnen dienlich sein kann; denn dazu hat man den Freund; aber nur ungern und langsam, wenn es gilt, Wohltat anzunehmen. Denn geflissentlich Nutzen von anderen ziehen, ist nicht schn. Den Schein der Sprdigkeit mu man aber freilich vermeiden, wenn man Freundeshilfe ablehnt; freilich kommen Flle vor, wo man es nicht vermeiden kann, ihn zu erwecken.

Die Gegenwart der Freunde erscheint also in allen Lebenslagen als begehrenswert.


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Seite zuletzt aktualisiert: 18.10.2006 
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