Achtes Kapitel.
[Liebe seiner selbst und anderer]


Man kann auch darber im Zweifel sein, ob man sich selbst am meisten lieben soll oder einen anderen. Gemeinhin hat man fr die, die am meisten sich selbst lieben, nur Tadel und wirft ihnen den Fehler der Eigenliebe vor. Auch scheint der Schlechte alles um seiner selbst willen zu tun, und je nichtswrdiger er ist, desto mehr, und man klagt ihn an, dass er nichts tut, als was ihm Vorteil bringt. Der Rechtschaffene dagegen wird in seinem Tun durch das sittlich Schne bestimmt, desto mehr, je edler er ist, so wie durch die Rcksicht auf den Freund, whrend er das eigene Interesse hintansetzt. Zu diesen Grnden stimmt aber das Verhalten nicht, das die Menschen tatschlich beobachten, und zwar mit Recht beobachten. (1168b) Man sagt wohl, den besten Freund msse man am meisten lieben, aber der beste Freund ist doch derjenige, der, wenn er uns Gutes wnscht, es uns unseretwegen wnscht, auch wenn niemand es erfhrt. Das trifft aber am meisten im Verhltnis des Menschen zu sich selbst zu und dann auch alles andere, was die Freundschaft charakterisiert. Denn es ward schon bemerkt, dass aus dem Verhalten gegen sich selbst jede anderweitige Freundschaftsbettigung erst abgeleitet wird. Hiermit stimmen auch alle Sprchwrter berein, z. B.: eine Seele, unter Freunden ist alles gemeinsam, Gleichsein, Freundsein, das Knie ist einem nher als die Wade. Denn dieses alles gilt am meisten von dem Verhltnis zu sich selbst. Jeder ist sich selbst der beste Freund, und darum soll man auch sich selbst am meisten lieben.

Man mag mit Fug zweifeln, welcher von beiden Ansichten man folgen soll, da jede Grnde fr sich hat. Vielleicht dass man bei diesen und hnlichen Raisonnements unterscheiden und angeben mu, wie weit und inwiefern sie richtig sind. Die Sache lt sich leicht ins Reine bringen, wenn wir den Begriff der Selbstliebe nehmen und uns fragen, was sich beide Seiten darunter denken. Die eine Seite legt die Selbstliebe in tadelndem Sinne denen bei, die fr sich selbst an Geld, Ehre und sinnlicher Lust zu viel beanspruchen. Denn das sind die Dinge, nach denen der groe Haufe begehrt, und um die er sich ereifert und bemht, als wren sie die hchsten Gter, weshalb auch bestndiger Streit um sie ist. Die nun von den genannten Dingen nie genug haben knnen, sind willfhrige Knechte ihrer sinnlichen Lste und berhaupt ihrer Leidenschaften und des vernunftlosen Seelenteils. Das ist aber der Charakter der meisten Menschen, daher man auch die fragliche Bezeichnung von der groen Menge und ihrer Schlechtigkeit hergenommen hat; und so trifft denn die Selbstliebe in diesem Sinne gerechter Tadel. Dass das Volk bei denen von Selbstliebe zu reden pflegt, die in diesem Sinne auf sich bedacht sind, ist nicht zu verkennen. Denn wenn jemand sich immer beeiferte, selbst mehr als alle anderen die Werke der Gerechtigkeit, der Migkeit oder sonst einer Tugend zu ben, und wenn er berhaupt das sittlich Schne immer fr sich in Anspruch nhme, so wrde bei einem solchen Manne niemand von Selbstliebe reden und niemand ihn tadeln. Und doch kann man sagen, dass er diese Eigenschaft noch in hherem Grade besitzt. Beansprucht er doch fr sich das Schnste und Beste, dient mit Willfhrigkeit dem vornehmsten Teil seines Selbst und gehorcht ihm in allem. So wie nun das vornehmste Stck eines Staates oder sonst eines geordneten Ganzen am meisten der eigentliche Staat und das eigentliche Ganze ist, so ist es auch beim Menschen. Und so ist denn auch der am meisten ein Liebhaber seiner selbst, der diesem seinem vornehmsten Teile in Liebe ergeben und willfhrig ist. Auch sprechen wir dem Menschen Selbstbeherrschung zu oder ab, jenachdem die Vernunft in ihm herrscht oder nicht, als wre diese sein eigentliches Sein. (1169a) Und ebenso gilt das am meisten als von uns und freiwillig getan, was wir mit vernnftiger berlegung getan haben. Es ist also unverkennbar, dass dieses, die Vernunft, der Mensch ist, es wenigstens am meisten ist, und der tugendhafte Mann sie am meisten liebt. Daher ist er am meisten ein Liebhaber seiner selbst, freilich nach einer anderen Art als jener schimpflichen, von der die seine so verschieden ist wie das Leben nach der Vernunft von dem Leben nach der sinnlichen Leidenschaft, und wie das Streben nach sittlichen Zielen von dem Streben nach scheinbarem Vorteil.

Diejenigen nun, die bemht sind, sich in edeln Taten auszuzeichnen, finden Billigung und Lob bei jedermann. Wrden aber alle um die Wette nach Sittlichkeit streben und bemht sein, das Beste zu tun, so htte nicht nur die Gesamtheit alles, was ihr not tut, sondern es wre auch jeder einzelne fr sich im Besitze der grten Gter, wenn anders die Tugend ein solches hervorragendes Gut ist. Daher soll der Gute die Selbstliebe besitzen, da es ihm selbst und anderen frommen wird, wenn er, von dieser Liebe getrieben, das sittlich Schne vollbringt; der Schlechte aber soll sie nicht besitzen, da er sonst schlimmen Leidenschaften folgen und sich und seine Umgebung in Schaden bringen wird. Demnach besteht fr den Schlechten ein Zwiespalt zwischen Pflicht und Handlung, bei dem Tugendhaften dagegen befindet sich die Handlung mit der Pflicht in Einklang. Denn die Vernunft begehrt in jedem Menschen was fr sie das beste ist, die Vernunft aber ist es, der der Tugendhafte gehorcht.

Aber von dem braven Manne ist es auch wahr, dass er fr seine Freunde und sein Vaterland vieles tut, und, wenn es sein mu, selbst dafr stirbt. Er wird Vermgen und Wrden und alle die viel umworbenen Gter hingeben, um sich dafr was gut und schn ist, zu gewinnen. Er will lieber kurze Zeit die hchste Befriedigung genieen als lange Zeit nur eine mige; lieber ein Jahr voll schner Taten verleben als viele Jahre, wie es sich eben trifft; lieber eine schne und groe Tat verrichten als viele kleine. Das ist wohl der Fall derer, die fr das Vaterland oder die Freunde sterben; denn sie erwhlen fr sich selbst eine Sache von hoher sittlichen Schnheit. Auch Geld wird der rechtliche Mann opfern, damit seine Freunde dadurch mehr gewinnen; der Freund gewinnt dann Geld, er das sittlich Schne, und so teilt er sich selbst das grere Gut zu. Mit Ehren und mtern hat es dieselbe Bewandtnis: er wird dies alles dem Freunde zuwenden, weil es so fr ihn selbst schn und ehrenvoll ist und ihn des Lobes wrdig macht. So wird er denn mit Recht als ein trefflicher Mann erscheinen, da er das sittlich Schne allem anderen vorzieht. Ja, auch Handlungen kann er dem Freunde berlassen, und es gibt Flle, wo es schner ist, den Freund zu einer Tat zu vermgen, als sie selbst auszufhren. In allem Preiswrdigen zeigt sich also der brave Mann als den, der den greren Teil des sittlich Schnen fr sich selber haben will. (1169b) In diesem Sinne also soll man, wie gesagt, Selbstliebe haben, doch so wie der groe Haufe darf man sie nicht haben.


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Seite zuletzt aktualisiert: 17.10.2006 
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