Fnftes Kapitel.
[Das Wohlwollen]


Das Wohlwollen hat mit der Freundschaft hnlichkeit, ohne doch Freundschaft zu sein. Wohlwollen hat man auch gegen Unbekannte und ohne Wissen des anderen, Freundschaft nicht. Wir haben das schon frher bemerkt. Aber Wohlwollen ist auch nicht Lieben. Denn es tritt ohne die seelische Spannung und die sinnliche Begierde auf, die das Lieben begleitet. Auch entsteht die Liebe erst im vertrauten Verkehr, das Wohlwollen aber kann auch pltzlich hervortreten - (1167a) etwa das fr einen Wettkmpfer, dem man wohl will und den Preis wnscht, ohne doch etwas fr ihn tun zu wollen. Denn wie gesagt das Wohlwollen ist die Geburt des Augenblicks, und die Liebe, die es einschliet, bleibt an der Oberflche. So scheint es denn ein Anfang der Freundschaft zu sein, wie die Freude an dem Anblick einer Person der Anfang der sinnlichen Liebe zu ihr ist. Denn niemand liebt, ohne zuvor an der Erscheinung des Geliebten Gefallen zu finden; wer aber nur an dem uern eines anderen Freude hat, liebt ihn darum noch nicht, sondern das tut er erst dann, wenn er in seiner Abwesenheit sich nach ihm sehnt und nach seiner Gegenwart begehrt. So kann es nun auch zu keiner Freundschaft kommen, ohne dass ein Wohlwollen vorangeht, darum ist aber Wohlwollen noch keine Freundschaft. Denn der Wohlwollende wnscht nur Gutes, hilft aber nicht dazu und bernimmt keine Anstrengungen dafr.

Daher knnte man das Wohlwollen metaphorisch eine unttige Freundschaft nennen, die aber, wenn sie lnger dauert und zur Vertrautheit wird, in wirkliche Freundschaft bergeht, eine Freundschaft nicht wegen des Vorteils oder der Lust, da wegen solcher Dinge kein Wohlwollen entsteht. Denn derjenige, der Wohltaten empfangen hat und zum Dank fr das Empfangene Wohlwollen schenkt, erfllt nur eine Forderung der Gerechtigkeit; und wer jemanden Wohlergehn wnscht, weil er davon Vorteile fr sich erhofft, ist nicht sowohl gegen jenen wohlwollend als vielmehr gegen sich selbst, so wie auch der sein Freund nicht ist, der ihm in eigenntziger Absicht Aufmerksamkeiten erweist. berhaupt wird Wohlwollen wegen irgend einer Tugend und trefflicher Eigenschaft erworben, wenn uns jemand als sittlich gut, tapfer u. s. w. erscheint, wie das bei den Wettkmpfern zutrifft, von denen die Rede war.


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Seite zuletzt aktualisiert: 17.10.2006 
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