
Sechstes Kapitel.
[Die Eintracht]
Auch die Eintracht scheint eine Art von Freundschaft zu sein, daher sie nicht mit Gleichheit der Ansichten verwechselt werden darf. Denn diese findet sich auch da, wo man sich gar nicht kennt. Auch nennt man eintrchtig nicht alle, die in irgend etwas Beliebigem, z. B. in astronomischen Fragen, bereinstimmen, sondern man bezeichnet eine Stadt als eintrchtig, wenn die Brger ber ihre Interessen einer Meinung sind, dieselben Absichten verfolgen und die gemeinsam gefaten Beschlsse auch zur Ausfhrung bringen. Eintrchtig ist man also in Dingen, die dem Gebiet des Handelns angehren, und zwar in solchen, die wichtig sind und beiden oder allen zukommen knnen; so herrscht z. B. in einer Stadt Eintracht, wenn alle gemeinsam beschlieen, dass die mter durch Wahl zu besetzen sind, oder dass man sich mit den Lakedmoniern verbnden solle, oder wenn die ganze Brgerschaft beschlo, Pittakus solle die Staatsleitung bernehmen, als er auch selbst dazu bereit war. Wenn aber wie bei den Zweien in den Phnizierinnen jeder selbst an der Spitze stehen will, herrscht Zwietracht. Denn das heit nicht eintrchtig sein, wenn beide nur nach demselben trachten, sondern wenn sie es auch in derselben Person verwirklicht sehen wollen, wenn z. B. sowohl das gewhnliche Volk als die Tugendhaften wollen, (1167b) dass die Besten die Herrschaft haben; denn so geschieht allen nach Wunsch.
Man kann wohl sagen, dass die Eintracht Freundschaft unter Mitbrgern ist, und so nennt man sie auch. Denn sie bezieht sich auf die Interessen und auf die Erfordernisse des Lebens. Ihre Verwirklichung findet solche Eintracht unter tugendhaften Menschen. Diese sind eintrchtig mit sich selbst und eintrchtig miteinander, da sie, mchte man fast sagen, jederzeit sich gleich bleiben. Denn die Willensmeinungen solcher Menschen haben Bestand und schwanken nicht gleich den Wassern des Euripus hin und her, und was sie wollen und mit vereinten Krften verfolgen, ist das Gerechte und Heilsame. Schlechte Menschen knnen auf die Dauer so wenig untereinander die Eintracht bewahren als Freundschaft halten, da sie von dem Ntzlichen zu viel und von den Mhen und Leistungen zu wenig haben wollen. Denn da jeder das fr sich begehrt, rechnet er dem Nchsten nach und hindert ihn, fr sich dasjenige zu erlangen, was ihm zukommt. Wo das gemeinsame Interesse keine Pflege erfhrt, mu es ja Schaden leiden. So wird denn Zwietracht unter ihnen die Folge sein, da niemand selbst recht tun, wohl aber den anderen dazu zwingen will.