
Siebentes Kapitel.
[Die Wohltat - Geben ist seliger als Nehmen]
Der Geber einer Wohltat scheint fr den Empfnger derselben mehr Freundschaft und Liebe zu hegen als der Empfnger fr den Geber, und man fragt nach dem Grunde dieser paradoxen Erscheinung. Sehr hufig will man sie daraus erklren, dass der eine Glubiger, der andere Schuldner ist. Wie nun bei Darlehensgeschften der Schuldner mchte, dass keiner wre, dem er etwas schuldete, dagegen derjenige, der das Darlehen gewhrt hat, sogar um das Wohlergehen des Schuldners besorgt ist, so, meint man, wnsche auch der Spender einer Wohltat ihrem Empfnger das Leben, um Dank von ihm zu ernten, whrend dieser sich um die Erstattung des Dankes keine Sorge mache. Von einer solchen Deutung der Tatsache wrde ein Epicharmus vielleicht sagen, sie stamme aus bertriebenem Pessimismus, und doch sieht eine Gesinnung wie die bezeichnete der menschlichen Art hnlich. Denn die meisten Menschen haben fr empfangene Wohltaten ein schlechtes Gedchtnis und wollen lieber nehmen als geben.
Aber der Grund der Sache drfte natrlicher sein und mit der Erklrung, die man von dem Glubiger und seinem Schuldner hernimmt, nichts zu tun haben. Denn was der Glubiger gegen den Schuldner fhlt, ist nicht Liebe, sondern der Wunsch, ihn erhalten zu sehen, wegen der Wiedererstattung. Wohltter dagegen sind denen, die ihre Wohltaten empfangen, in Freundschaft und Liebe zugetan, wenn sie ihnen auch gar keinen Vorteil bringen und dazu auch fr die Zukunft keine Aussicht ist. Ganz dasselbe pflegt bei den Knstlern vorzukommen: jeder liebt sein eigenes Werk mehr, als dieses ihn lieben wrde, wenn es eine Seele bekme. (1168a) Am meisten kommt es aber vielleicht bei den Dichtern vor, die in ihre eigenen Dichtungen ber die Maaen verliebt sind und an ihnen hngen, als ob es ihre Kinder wren. Solchen Gefhlen sind nun auch die des Wohltters hnlich. Was ihre Wohltat empfangen hat, ist gleichsam ihr Werk, und das liebt man ja mehr als das Werk den Meister. Davon ist der Grund der, dass das Sein allen Wesen begehrens- und liebenswert ist, und wir insofern sind, als wir ttig sind, nmlich leben und handeln. Durch seine Ttigkeit ist also der Meister gewissermaen das Werk, und daher liebt er das Werk darum, weil er das Sein liebt, eine Liebe, die in der Natur begrndet ist. Denn was er in Mglichkeit ist, zeigt das Werk in Wirklichkeit.
Zugleich ist es fr jemanden, der sich um einen anderen verdient gemacht hat, schn und ehrenvoll, das getan zu haben, und darum hat er seine Freude an dem Gegenstande der das Gef dieses Schnen ist. Fr den Empfnger der Wohltat aber entspringt durch ihren Urheber nichts Schnes, oder doch nur jenes, das mit dem Ntzlichen zusammenfllt, das aber auch weniger genureich und liebenswert ist. Genureich ist an dem Gegenwrtigen die Wirklichkeit, am Zuknftigen die Hoffnung und am Vergangenen die Erinnerung. Am genureichsten aber und in gleichem Grade liebenswert ist das Wirkliche. Nun bleibt aber dem, der gutes getan, sein Werk [wie eine fortdauernde Wirklichkeit], whrend der Nutzen dessen, der das Gute empfangen hat, vergeht. Und die Erinnerung an edle Taten ist genureich, aber die Erinnerung an gehabte Vorteile ist es nicht eben oder doch weniger. Mit der Erwartung aber scheint es sich umgekehrt zu verhalten.
Ferner gleicht das Lieben dem Tun, das Geliebtwerden aber dem Leiden. Daher kommt denen, die sich im Tun berlegen zeigen, das Lieben und der Erweis der Liebe zu.
Endlich liebt jeder das mhsam Erlangte mehr, wie das Geld dem teurer ist, der es erworben, als dem, der es ererbt hat. Nun scheint aber das Erweisen von Wohltaten mhevoll, das Empfangen aber mhelos zu sein. Darum haben auch die Mtter eine grere Liebe zu ihren Kindern als die Vter. Denn die Mutter trifft die grere Mhsal des Gebrens, und sie wei besser, dass die Kinder ihre eigenen sind. Eben dies aber drfte auch den Wohlttern eigen sein.