
1. Moralphilosophie
Der Mensch mu handeln, folgern und glauben, obgleich er trotz der sorgfltigsten Untersuchung sich ber die Grundlagen dieser Ttigkeit nicht zu vergewissern, noch die gegen sie erhobenen Einwrfe zu widerlegen vermag; und die Moral und sthetik sind nicht Gegenstnde des Verstandes, sondern des Geschmacks und Gefhls In diesen Stzen spricht Hume selbst seinen moralischen Betrachtungen von vornherein die erkenntniskritische Grundlage ab. Das Kriterium des Verstandes, wie es Clarke oder Wollaston ( 18) angewandt wissen wollten, wird abgelehnt, die Moral rein auf die empirische Grundlage der Psychologie gestellt. Moralische und natrliche Schnheit werden mehr gefhlt als begriffen.
Es gibt nichts an sich Wertvolles oder Verchtliches; alles hngt vielmehr von dem Organismus der menschlichen Gefhle und Leidenschaften ab. Als die Hauptaufgabe der Moralphilosophie betrachtet Hume, hnlich wie Spinoza, eine Physik der Gefhle. Diese sind teils ruhiger teils heftiger Natur. Dem bergewicht, der ruhigen Gefhle, die mit den schwachen nicht einerlei sind, entspricht das, was wir Seelenstrke nennen. Der groe Zweck aller menschlichen Ttigkeit ist das Glck. In dem Erstreben desselben lassen wir uns am besten von der Natur leiten, die uns weise organisiert hat. Den Mastab der sittlichen Billigung oder Mibilligung bildet das Gefhl der Lust oder Unlust, welches die zu beurteilende Eigenschaft oder Handlung in uns erregt. Dies Gefhl der Billigung empfinden wir aber auch dann, wenn dieselbe unser eigenes Wohl nichts angeht, ja unter Umstnden sogar, wenn sie diesem entgegen ist. Neben den Gefhlen der Selbstliebe stehen die der Sympathie, die uns fremdes Leid und fremde Freude, wenn auch in abgeschwchter Form, mitempfinden lassen und uns berhaupt in die Lage der anderen versetzen. Das moralische Gefhl ist demnach von der Rcksicht auf den unmittelbaren oder mittelbaren Nutzen diktiert, den ich und die anderen von der betreffenden Handlung haben werden. Und zwar bestimmt, was uns ntzlich ist, nur das Gefhl; die Vernunft lehrt blo die zu jenem Zweck geeigneten Mittel finden, sowie die Folgen beobachten.
Die Tugenden oder lobenswerten Eigenschaften zerfallen demgem: 1. in solche, die fr uns selbst angenehm sind (Frohsinn, Mut u. a.), 2. fr andere angenehme (Bescheidenheit, Hflichkeit usw.), 3. fr uns ntzliche (Krper- und Willenskraft, Flei, Verstand), 4. fr andere ntzliche (Wohlwollen, Menschenliebe und Gerechtigkeit). Letztere, auch die sozialen Tugenden genannt, sind die hchsten und wichtigsten.
Mit der Lehre von der Gerechtigkeit, die brigens keine schlechtweg natrliche, sondern eher eine knstliche Tugend zu nennen ist, da sie mit der Menschenliebe keineswegs zusammenfllt, hngt Humes staatsrechtliche und politische Theorie zusammen. Der Ursprung der Gerechtigkeit liegt in den Interessen der Gesellschaft begrndet. Nicht zwar durch einen frmlichen ursprnglichen Vertrag, wie Hobbes und Locke meinen, wohl aber durch stillschweigende bereinkunft (Konvention) ist das Recht entstanden, welches den Zweck hat, die Gter, ohne welche die Gesellschaft nicht bestehen knnte, nmlich das Eigentum, den bestehenden Besitz und die Aufrechthaltung des gegebenen Versprechens, zu schtzen. Durch die hinzutretende Regierung wird die Gesellschaft zum Staat. Als die beste Verfassung erscheint Hume diejenige, welche einen erblichen Knig, einen Adel ohne Vasallen und eine geordnete Volksvertretung besitzt. Geschichtsphilosophisch ist er von Montesquieu und noch strker von Voltaire beeinflut, zeigt jedoch seiner khleren Natur nach mehr Tatsachensinn als diese. Auch er glaubt an die Entwicklung der Menschheit zur Freiheit. Er sucht insbesondere aus den seelischen Krften der Menschennatur die gleichbleibenden Formen staatlich-sozialen Lebens abzuleiten. In seinen politischen und nationalkonomischen Ansichten war er der Vorlufer seines Freundes Adam Smith ( 22).