27. Nachwirkungen Rousseaus in Frankreich:
Die Physiokraten. Condorcet. Anfnge des Sozialismus.


Anfangs schien Rousseau nicht durchzudringen. Von den herrschenden Gewalten in Staat und Kirche wurde er angegriffen und verfolgt, anderseits von den Enzyklopdisten als ein Abtrnniger betrachtet: Voltaire hat ihn als einen Erznarren bezeichnet, Diderot ihn den groen Sophisten genannt. Aber nicht lange, - und er schlug durch, weit unmittelbarer und gewaltiger als seine Gegner. Weniger das, was er sagte, - man hat mit Recht darauf hingewiesen, dass seine Erziehungslehre manches von Locke, seine Staatslehre vieles von Althus, Hobbes, Sidney, Pufendorf entlehnt hat - als wie er es sagte, die Glut seines Gefhls, die leidenschaftliche Beredsamkeit des Herzens war es, die die Gemter hinri. Rousseaus Einflu auf seine Zeitgenossen ist, und zwar weit ber die Grenzen Frankreichs hinaus, ein ungeheurer gewesen. Sein ungestmes Drngen nach Natrlichkeit hat auf den mannigfachsten Gebieten des Lebens (Erziehung, Religion, Staat, Kunst) segensreich gewirkt, wenngleich auf unklare Gemter vielfach auch verderblich. Nicht blo die deutsche Sturm- und Drangperiode stellt unter seinem Einflu - der junge Schiller war nur einer von vielen -, sondern auch so bedchtige Denker wie Kant vermochten sich demselben nicht zu entziehen. Auf die Geschichtsphilosophie eines Herder und Fichte hat er nicht unwesentlich eingewirkt, die neuen Erziehungsgedanken (Pestalozzi, Basedow u. a.) gehen zum Teil auf ihn zurck.

Vor allem aber ist Rousseau, obwohl er persnlich sich gegen jeden gewaltsamen Umsturz der bestehenden Ordnung ausgesprochen hatte, zum Philosophen der Franzsischen Revolution geworden. Ihre Schlagworte: Libert! galit! fraternit! sind Rousseauschen Geprges, die Verfassung von 1793, welche die konstitutionellen Ideen von 1791 berwand, ist von Robespierre nach dem Muster des Contrat social entworfen worden. Doch wir haben hier nur einen kurzen Blick auf die von Rousseauschen Gedanken beeinfluten franzsischen Philosophen in der zweiten Hlfte des 18. Jahrhunderts zu werfen. Dazu gehren:

1. die sogenannten

 

Physiokraten,

 

Mnner, die, von gleicher Naturschwrmerei wie Rousseau erfllt, auf nationalkonomischem Gebiete gegenber dem ausgelebten und knstlichen Merkantilsystem, die Herrschaft der Natur, d.h. auf dem Felde des Handels volles Gehenlassen (laissez aller, laissez passer) vertreten, daneben aber ausgedehnte staatliche Frsorge fr die Landwirtschaft verlangen, da die Erzeugnisse des heimischen Bodens die Quelle alles nationalen Reichtums seien. Gehren ihre Theorien auch mehr der Geschichte der Nationalkonomie an, wo sie von denjenigen Adam Smiths ( 21) bald verdrngt oder umgestaltet wurden, so haben doch ihre Hupter, Quesnay und Turgot, beide edle, sittenreine Mnner in einer verderbten Zeit, die physiokratische Lehre auch philosophisch zu begrnden versucht. Insbesondere Turgot hat in seiner Jugend mehrere moralphilosophische Abhandlungen verfat, die freilich mehr schne Gedanken uern als philosophische Durchbildung verraten.

2. Nach anderer Richtung hat

 

Condorcet (1748-94)

 

Rousseausche Ideen weitergebildet. Mathematisch geschult, dann Nationalkonom und Politiker, beteiligte er sich mit Feuereifer an der Franzsischen Revolution, mit der er das Zeitalter der Vernunftherrschaft hereinbrechen sah. Als Girondist von den Jakobinern verfolgt, schrieb er in einem Versteck in den letzten neun Monaten vor seinem Tode ohne alle bibliothekarischen Hilfsmittel die glnzende Skizze eines historischen Gemldes der Fortschritte des menschlichen Geistes. Der Mensch, von Natur gut, ist unendlicher Vervollkommnung fhig. Die Moral hat nur die Aufgabe, ihn ber seine wahren Interessen aufzuklren, ihm sein wahres Glck zu zeigen, das in dem Waltenlassen seiner Vernunft liegt. Das hchste Gut besteht nicht in der Vollkommenheit des einzelnen, sondern in dem sittlichen Fortschritt des ganzen Menschengeschlechtes. Die natrlichen Ungleichheiten des Talentes und des Besitzes knnen durch angemessene Gesetze und Einrichtungen, vor allem eine grndliche Reform der Erziehung, allmhlich verringert werden.

3. Wieder andere Denker sahen das Heil in einer mehr oder minder starken Umwandlung der gesamten Wirtschaftsordnung: die politische Gleichheit, die Rousseau fordert, ist nicht mglich ohne die wirtschaftliche. In die Zeit Rousseaus *) fallen die

 

Anfnge des theoretischen Sozialismus

 

in Frankreich (vgl. Andr Lichtenberger, Le socialisme au XVIIIe sicle. Paris 1895), wenn wir von dem Testamente J. Mesliers (S. 144) und den frheren I 324 erwhnten utopistischen Schriften absehen. Sind sie auch nicht unmittelbar von Rousseau beeinflut, so sind sie doch in hnlichem Geiste gedacht.

a) 1755 erschien anonym der Code de la nature (neu herausgegeben bezeichnenderweise erst wieder 1841, als sich aufs neue sozialistische Ideen zu regen begannen), dessen Autorschaft man lange Zeit Diderot zugeschrieben hat. Der wahre Verfasser war ein Abb Morelly, ber dessen Lebenslauf nichts Nheres bekannt ist, und der schon zwei Jahre vorher einen utopistischen Staatsroman (La Basiliade) verffentlicht hatte. Sein Gesetzbuch der Natur ist der erste in Frankreich gemachte Versuch, den Kommunismus philosophisch zu begrnden. Vergeblich ist alles Diskutieren ber die beste Regierungsform, wenn man die Axt nicht an die Wurzel alles bels, das Privateigentum, legt. Die aus dem Einzelbesitz hervorwachsende Habsucht ist die Grundlage aller Laster.

Deshalb soll in Morellys Idealstaat niemand etwas auer den Dingen des tglichen Gebrauchs zu eigen besitzen. Jeder Brger soll nach seinem Alter, seinen Krften und Gaben zum gemeinsamen Nutzen beitragen, whrend er auf Kosten des Gemeinwesens unterhalten und beschftigt wird. Kein Tauschhandel noch Verkauf, sondern Verteilung aus ffentlichen Magazinen nach dem Bedrfnis. Gemeinsame Erziehung bis zum 14., auerdem Landarbeit fr alle vom 20. - 25. Lebensjahre. Die Grundlage dieses Zukunftsstaates ist eine rein moralisch-metaphysische, die von Gott fr die Menschen bestimmte natrliche Ordnung der Dinge; wie denn auch eine staatlich approbierte Moral und Metaphysik in den Schulen des Zukunftsstaates gelehrt werden soll.

b) Nicht so weit als der Code de la nature geht der durch ihn bereits beeinflute Mably (1709-1785), ebenfalls Abb und lterer Stiefbruder Condillacs, in seiner Abhandlung De la lgislation (1776). Ihm schwebt das alte Sparta als Ideal vor. Ein Staat ist nur dann glcklich, wenn seine Brger frei und tugendhaft sind. Die wahren d.h. sozialen Tugenden aber ruhen auf der von Natur und Vernunft gleichmig gewollten Gleichheit der Menschen. Nun ist freilich gegenwrtig eine vollkommene Gleichheit und Gemeinschaft der Gter nicht wiederherzustellen; aber gute Gesetze, wie Aufhebung des Privaterbrechts, Gleichstellung der Stnde, Gesetze gegen den Aufwand, und eine streng moralische Erziehung knnen die bel der bestehenden Ordnung erheblich eindmmen. Eine prinzipielle Begrndung fehlt auch hier.

Noch weniger philosophische Bedeutung kommt den whrend der Revolutionszeit hervortretenden, historisch und politisch sehr interessanten Anstzen zu sozialistischen und kommunistischen Theorien (von Babeuf, St. Just und anderen) zu.

 

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*) Rousseau selbst hat zwar in seinem zweiten Diskurs den bekannten Ausspruch getan, der erste Begrnder der Ungleichheit sei derjenige gewesen, der ein Stck Land einzunte, der dreist genug war zu sagen: Dies gehrt mir! und Leute traf, die einfltig genug waren, es ihm zu glauben, und daran den Satz geknpft, dass die Frucht allen, die Erde niemand gehre, hat aber fr seine Zeit keine Konsequenzen aus diesem Gedanken gezogen.


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