15. Leben, Schriften und Charakter


John Locke wurde in demselben Jahre wie Spinoza (1632) in der Nhe von Bristol geboren. Anders als seine Vorgnger, wuchs der brigens schwchliche Knabe in einer freisinnigen Familie heran; sein Vater nahm auf selten des Parlaments am Brgerkriege teil. Um so mehr fhlte er sich von der grammatisch-scholastischen Bildung, die ihm Westminster und Oxford zu geben suchten, zurckgestoen. Den theologischen Beruf, wie ursprnglich beabsichtigt, zu ergreifen, hielt ihn seine allmhlich freier werdende religise Auffassung ab; er blieb zunchst weiter als Universitts-Angehriger in Oxford. Von Philosophen studierte er neben Descartes auch Gassendi und Hobbes, im brigen - was von Bedeutung fr seine philosophische Richtung geworden ist - nicht Mathematik, sondern Chemie und Medizin; zu seinen Freunden zhlten u. a. der Reformator der Medizin Sydenham und der berhmte Chemiker Boyle, spter auch Newton. Im Jahre 1665 war er eine Zeitlang einer englischen Gesandtschaft an den brandenburgischen Hof nach Kleve zugeteilt. Ein Jahr darauf wurde er mit dem Wigh-Minister Lord Shaftesbury bekannt, dessen wechselvolle politische Schicksale er seit 1667 treulich teilte, und dessen Hause er (darin verwandt seinem Antipoden Hobbes) zwei Generationen hindurch als Freund, Sekretr, Hausarzt und Erzieher seine Dienste geleistet hat. Die Jahre 1675-79 brachte er in Frankreich, 1683-88 mit seinem in Ungnade gefallenen Lord in Holland, der Zuflucht der Unterdrckten, zu. Hier verfate er seine Briefe ber Toleranz, die jedoch erst von 1689 an (anonym) erschienen. In diesem Jahre kehrte er, infolge der Revolution von 1688, die seinen Freund und Gnner Wilhelm von Oranien zum Knig von England erhob, in die Heimat zurck. Von jetzt ab beginnt seine reiche literarische und ffentliche Ttigkeit. Ein eintrgliches Staatsamt, das ihm bertragen wurde, gab er wegen Krnklichkeit auf, wirkte jedoch eifrig und einflureich weiter im Sinne der neuen liberalen Regierung. Er war unvermhlt geblieben und starb 1704 auf dem Landgut einer befreundeten Familie, wo er seine letzten Lebensjahre meist zugebracht hatte.

In dem ffentlichen Wirken Lockes, dem ein sanftes Gemt, groe Freundschaftsfhigkeit und warme Religiositt sowie eine aufrichtige Wahrheitsliebe nachgerhmt wird, tritt vor allem sein Kampf fr persnliche, wirtschaftliche, religise und politische Freiheit hervor. In der Verfassung, die er 1669 fr die nordamerikanische Kolonie Sdkarolina entwarf, war der Grundgedanke der, dass Religion nicht Sache des Staates sei. Selbst Gtzendienern msse das Staatsbrgerrecht zugestanden werden, nur nicht - Atheisten! hnlich uert er sich in seinen Toleranzbriefen, die zugleich eine Verteidigung des Theismus enthalten. Seine theologische Hauptschrift Von der Vernunftmigkeit des Christentums, dargestellt nach der Schrift (1695) fat das Christentum in erster Linie als Religion der Liebe auf, wie er denn auch mit Qukern gern verkehrte, hufig in der Bibel las und mit dem frommen Newton fters theologische Probleme diskutierte.

In politischer Beziehung ist Locke sozusagen der Vater des modernen Liberalismus geworden. Seine beiden Abhandlungen ber die Regierung (1690) waren nach Bayle das Evangelium des Tages. Seine pdagogischen Ansichten legte er in den 1693 erschienenen Gedanken ber Erziehung nieder. Seine Aufstze ber das Mnzwesen sind als Vorlufer der englischen Nationalkonomie nicht unwichtig.

Lockes philosophisches Hauptwerk ist der schon 1675 begonnene, aber erst 1687 vollendete und erst 1690 vollstndig (in vier Bnden) erschienene Essay on human unterstanding. In der Vorrede erzhlt der Verfasser, dass eine ergebnislos verlaufene philosophische Disputation mit fnf oder sechs Freunden ihn auf den Gedanken gebracht habe, allen derartigen Spekulationen msse vorerst einmal eine Untersuchung ber den Ursprung und die Grenzen des menschlichen Verstandes vorausgehen. Demgem behandelt Buch II des Werkes den Ursprung der Vorstellungen aus der Erfahrung, Buch IV die verschiedenen Arten und die Grenzen der Erkenntnis. Die beiden anderen Bcher, die von der Kritik der angeborenen Ideen (I) und dem Einflu der Sprache auf das Denken (III) handeln, scheinen erst spter hinzugefgt zu sein. Lockes Hauptwerk ist zwar leichtfalich und klar, aber - zum Teil wohl infolge der stckweisen, oft unterbrochenen Ausarbeitung - auch recht breit geschrieben. Die Hauptgedanken kann man auch schon aus der kleineren nachgelassenen Schrift On the conduct of unterstanding kennen lernen, die ursprnglich wohl ein Kapitel des greren Werkes werden und spter Vorurteile gegen das letztere zerstreuen sollte, brigens nicht ganz vollendet worden ist.

Anfangs bekmpft, gewannen Lockes Ansichten bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts einen immer wachsenden Einflu, auerhalb Englands namentlich in Frankreich, hier besonders durch Voltaire; sein Einflu auf die philosophische Denkweise seiner Landsleute ist noch heute zu spren. Seine smtlichen Werke sind seit 1714 in England fters, am vollstndigsten 1777 (von Bischof Law), zuletzt 1853 (9 Bnde), die philosophischen 1854 und 1877, das Hauptwerk, der Essay, in mustergltiger Ausgabe von A. C. Fraser (Oxford 1894, 2 Bde.) herausgegeben worden. Die neueste und beste der zahlreichen deutschen bersetzungen des letzteren (darunter auch eine von Schultze bei Reclam) ist die von C. Winckler in der Philos. Bibl. (1911 ff.). Auerdem ist die nachgelassene Schrift von J. B. Meyer in der Philos. Bibliothek (1883), die pdagogische Schrift in der Pdagog. Bibliothek, Leipzig 1872, und sind die politischen von H. Willmanns, Halle 1908, bersetzt worden.

 

Literatur: ber Lockes Leben handelt ausfhrlich Fox Bourne, Life of Locke, 2 Bde., London 1876. Seine Persnlichkeit im Rahmen der Zeit zeichnet: Fechtner, Locke, ein Bild aus den geistigen Kmpfen Englands im 17. Jahrh. Stuttgart 1898. Derselbe, Lockes Gedanken ber Erziehung, 2. Aufl. Lpz. 1908.


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Seite zuletzt aktualisiert: 27.10.2006 
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