2. Die athenische Schule. Proklus


Nachdem der alte Glauben im Kampfe gegen das siegreiche Christentum endgltig unterlegen war, wandten sich die Neuplatoniker, statt theosophischer Spekulation und polytheistischer Restaurationsversuche, wieder mehr der gelehrten Ttigkeit, namentlich der Erklrung platonischer und noch mehr aristotelischer Schriften zu, wie wir dies soeben von Dexippus und Themistius bemerkten. Wir finden diese Philosophen des 5. und angehenden 6. Jahrhunderts als Leiter der alten platonischen Schule zu Athen, die noch immer bestand, nachdem die peripatetische, stoische und epikureische seit Jahrhunderten eingegangen waren. Wir erwhnen von ihnen: den jngeren Plutarch (433) und den Alexandriner Syrian, der in einem noch erhaltenen Kommentar zu einigen Bchern der aristotelischen Metaphysik begeistert fr Plato und die Pythagoreer eintritt.

Der bedeutendste aber unter ihnen war ein Schler der beiden letztgenannten, der Syrier Proklus (410-485), der eine merkwrdige Mischung von philosophischem Tiefsinn und drrer Gelehrsamkeit, scharfsinniger Dialektik und kritiklosem Wunderglauben darstellt. Auch er kommentierte platonische Schriften. Doch ist er, wie neuere Untersuchungen (s. die Literatur S. 200) gezeigt haben, nicht der bloe Mystiker, als den man ihn bisher vielfach genommen hat. Er wei mit Platos Hypothesis Bescheid, ja er hat in seinem Euklid-Kommentar eine in platonischem Geiste gehaltene Philosophie der Mathematik gegeben, insbesondere das Ma als die Gleichheit des Ungleichen bestimmt. Die Vernunft berhaupt ist ihm das Ma der gesamten Erkenntnis. Er sucht die Notwendigkeit der Voraussetzung von Plotins Ur-Einem dialektisch zu begrnden und die Weise begriffsmig zu bestimmen, wie es sich in der mannigfaltigen Welt der Erscheinungen darstellt. Die Art, wie er hierbei zu Werke geht, gemahnt einigermaen an Hegels dialektische Methode. Ausgehend von dem plotinischen Grundgedanken der Entfaltung des Einen zum Vielen und dem Zurckstreben des letzteren zur Einheit, nahm er drei Entwicklungsstufen alles Seienden an: das Beharren mon Hervorgehen proodos und Zurckstreben epistroph. Aber dieser an sich wertvolle Entwicklungsgedanke wandelt sich nun in Proklus' Scholastik in ein auf alles Denkbare ausgedehntes System von Dreiheiten, zuweilen abwechselnd mit Siebenheiten, um. An die Stelle wirkender Ursachen treten tote Abstraktionen, an die Stelle eines philosophischen Lehrgebudes ein Labyrinth von phantastischen Gebilden, an die Stelle von Denknotwendigkeit eine mystische Zahlenspielerei, auf die im einzelnen einzugehen verlorene Zeit sein wrde. Daneben tritt eine Verarbeitung der gesamten bisherigen, hellenischen und nichthellenischen, Theologie, einschlielich der Mysterien mit allem ihrem Aberglauben, zu einem schematischen System.

Die Ethik des Proklus fordert, wie die des Jamblich, die von dem hilfsbedrftigen Menschen nur durch alle mglichen bernatrlichen Hilfsmittel zu erlangende, in fnf Stufen erfolgende Erhebung zum bersinnlichen, die natrlich auch hier in dem mystischen Einswerden mit der Gottheit gipfelt.

An Geist, Einflu und Ansehen kam keiner der Nachfolger des Proklus ihm gleich. Dagegen haben sich mehrere derselben, wie der gelehrte Simplicius und der jngere Olympiodor, als tchtige Ausleger frherer Philosophen, namentlich des Plato und Aristoteles, ersterer auch des Epiktet, ausgezeichnet.


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
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