40. Die sensualistische Erkenntnislehre (Kanonik) und atomistische Naturlehre Epikurs.


1. Kanonik. Die epikureische Erkenntnislehre ist der stoischen verwandt. hnlich wie dort, wird sie nicht sowohl um ihrer selbst willen, sondern vielmehr als Einleitung zur Physik betrieben, sowie diese als Einleitung in die Ethik. Sie soll die Kanones, d. i. Normen der Erkenntnis und Kriterien der Wahrheit, lehren. Im Grunde gibt es fr die Epikureer nur einen Mastab der letzteren; die sinnliche Wahrnehmung. Der Augenschein allein fhrt unmittelbare Evidenz (enargeia) mit sich. Jedem Begriffe mu unmittelbare Wahrnehmung voraufgehen. Werden die Objekte der Wahrnehmung aufgehoben, so wird alles Denken mit aufgehoben. Die durch Ansammlung von Wahrnehmungen entstandenen Phantasievorstellungen und Begriffe (prolpseis, nicht zu verwechseln mit den stoischen prolpseis oder ennoiai), die zu Meinungen (doxai) und Annahmen (hypolpseis) fhren, sind trglicher Natur, insbesondere wenn sie sich auf Zuknftiges oder Unsichtbares beziehen, und nur wahr, wenn direkte Wahrnehmungen fr sie oder wenigstens nicht gegen sie zeugen. Auch die Vernunft erwchst aus der Wahrnehmung und hngt ganz und gar von ihr ab. Mit den verwickelteren logischen Operationen (Schlssen usw.), die einer solchen rein empirischen Wahrnehmungslehre schon durch die bloe Annahme einer Gesetzlichkeit in den Vernderungen einen Sto geben muten, haben sich, wie es scheint, erst die spteren Epikureer, wie Zeno und Philodemus, beschftigt. Epikur selbst scheint ber die gewhnlichste Empirie des gesunden Menschenverstandes nicht hinausgelangt zu sein und von Demokrit nur das sensualistische, nicht das rationalistische Element aufgenommen zu haben. Daher wurde auch der Wert der Mathematik, wie berhaupt gelehrter Forschung, von den Epikureern gering geschtzt.

2. Naturlehre. Vgl. F. A. Lange, Gesch. d. Materialismus I, Kap. 4 und die Dr.-Dissertation von Karl Marx, Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie (1841, zum ersten Male gedruckt im 1. Bd. des Literar. Nachlasses hrsg. von F. Mehring, Stuttg. 1902, S. 63-138).

Epikurs Naturansicht ist nicht selbstndigem naturwissenschaftlichen Interesse entsprungen, sondern durch seine ethische Absicht diktiert, alle bernatrlichen Krfte aus der Welterklrung auszuscheiden, weil sie dem Menschen seine Gemtsruhe rauben und ihn in bestndiger Furcht und trichtem Aberglauben erhalten. (In diesem Sinne formuliert Lukrez sein bekanntes: Tantum religio potuit suadere malorum). Eine solche Weltanschauung fand Epikur am folgerichtigsten durchgefhrt in dem System, das er vielleicht allein genauer kennen gelernt hat: der Atomenlehre Demokrits.

a) Atomismus. Ganz folgerecht kann zwar Epikur seinen Sensualismus doch nicht durchfhren. Ein festes, im Wechsel der Dinge Beharrendes mu es geben, weil sonst aus Nichts Etwas wrde oder Etwas in Nichts verschwnde. Von Ewigkeit her existieren die Atome und der leere Raum. Die Teilung eines jeden Zusammengesetzten, immer weiter fortgesetzt, fhrt zuletzt auf nicht mehr weiter teilbare Urkrperchen oder Atome, als die unzerstrbaren und unwandelbaren Elemente der Dinge. Soweit geht Epikur mit Demokrit. Aber, whrend die Atome diesem nur Voraussetzungen physikalischen Denkens sind, vergrbert Epikur sie sensualistisch. Er hebt ihre Wirklichkeit hervor. Sie sind nur zu klein, um von unseren Sinnen wahrgenommen zu werden, Wahrnehmung an sich knnte sie erblicken. Den Charakter strenger Naturnotwendigkeit, den Demokrits Lehre trgt, zerstrt Epikur dadurch, dass er statt der ursprnglich richtungslosen Bewegung eine durch ihre Schwere bewirkte senkrechte Fallrichtung - eine Art Landregen - der Atome annimmt. Dadurch sieht er sich dann zur Annahme einer willkrlichen Abweichung einzelner Atome um ein Kleinstes von dieser senkrechten Richtung gentigt, um das erste Zusammenprallen erklren zu knnen, aus dem alles weitere folgt. Die bestndige Rcksichtnahme auf die Sinne fhrte ihn zu so ungereimten Behauptungen, wie denen, dass der Mond in Wirklichkeit ab- und zunehme, und dass die Sonne in Wirklichkeit nicht oder doch nicht viel grer sei als die am Himmel sichtbare!

b) Verhltnis zur Theologie. Es kommt Epikur in erster Linie eben nur darauf an, alles natrlich zu erklren. Die Einzelheiten kmmern ihn dabei nicht viel; gewhnlich stellt er fr eine Erscheinung verschiedene Erklrungen auf. Dagegen wird - darin liegt das Wichtige und Bedeutsame seiner Lehre - jede Zweckbestimmung und gttliche Leitung mit Bestimmtheit abgewiesen, eine Vorsehung oder auch nur ein Verhngnis nach Art der Stoiker nicht anerkannt. Gegen die Ausbung der Volksreligion hatten die Epikureer nichts einzuwenden. Den Sitz der als idealisierte Menschen geschilderten - sich nhrenden und griechisch redenden! - Gtter verlegt Epikur in die Intermundien (metakosmia), d. i. leere Rume zwischen den zahllosen Welten, wo sie in seliger Ruhe und vlliger Selbstgenugsamkeit ihr ungetrbtes Glck genieen, unbekmmert um uns Menschen und ohne in die Naturgesetze einzugreifen. Sie stellen so die Verkrperung von Epikurs eigenem Lebensideal sthetischen Selbstgenusses dar.

c) Psychologie. Die menschliche Seele besteht aus einem feinen, durch das ganze Aggregat (athroisma) des Leibes zerstreuten lufthnlichen Stoff, dem ein feuerhnliches und ein unnennbares Element beigemischt ist. Die von diesem Empfindungsorgane (aisthtikon) ausgehende Wahrnehmung wird durchaus materiell gedacht. Sie entsteht dadurch, dass feinste Teilchen von der Oberflche der Dinge ausstrahlen und als deren Abbilder (eidla) in unsere Sinnesorgane eingehen, wie z.B. die Luftstrmungen in unsere Ohren. Von den menschlichen Willensakten wollte Epikur die sonst waltende Notwendigkeit ausgeschlossen wissen, doch findet sich von einer tiefer gehenden psychologischen Untersuchung dieser Frage, wie die Stoiker sie unternahmen, keine Spur. Nach dem Tode lst sich die Seele mit dem Krper in ihre Atome auf. Da dann auch keine Empfindung mehr besteht, brauchen wir den Tod nicht zu frchten. So lange wir sind, ist der Tod noch nicht da, und, wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr.


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