
2. Philo (Judaeus)
In Alexandrien hatte sich jdisches und griechisches Geistesleben aufs innigste verschmolzen, wovon u. a. die schon zu Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr. begonnene bersetzung des Alten Testaments ins Griechische, die sogenannte Septuaginta, zeugt. Wie sich der alexandrinische Jude in wirtschaftlicher und politischer Beziehung als wichtigen Bestandteil des griechisch-rmischen Weltreichs fhlen konnte, so war sein natrliches, auch noch in die rmische Zeit hinein dauerndes Streben, griechische und jdische Bildung (Philosophie) einander nherzubringen, womglich zu verschmelzen. Alle vereinzelten Bestrebungen dieser Art konzentrieren sich in der Gestalt Philos, eines aus vornehmer, priesterlicher Familie stammenden alexandrinischen Juden, der 40 n. Chr. an der Spitze einer Gesandtschaft die Interessen seiner Stammesgenossen vor Kaiser Caligula in Rom vertrat. Damals war er schon alt; man setzt seine Lebenszeit in die Jahre 25 vor bis 50 nach Christi Geburt.
Wir besitzen noch eine groe Anzahl seiner Schriften, die zum groen Teil in der Form von Kommentaren zu dem Pentateuch gehalten sind. Denn Philo bleibt in erster Linie Jude. Er ist von der hchsten Verehrung fr die heiligen Schriften seines Volkes erfllt und hlt nicht blo den Urtext, sondern sogar auch die bersetzung der Siebzig fr wrtlich inspiriert. Aber er bewundert, neben Moses als grtem Philosophen, doch auch die Weisheit eines Plato und Pythagoras, eines Parmenides und Empedokles, sowie den Begrnder der Stoa. Um nun beides miteinander vereinigen zu knnen, greift er unbedenklich zu dem schon von Aristobul gebten Mittel unbeschrnktester bildlicher Auslegung der alttestamentlichen Schriften.
Es sei unwrdig und aberglubisch, sich beispielsweise Gott mit Fen zum Gehen vorzustellen; der Baum des Lebens bedeute die Gottesfurcht Kain die Sophistik usw. Vielfach, namentlich bei historischen Angaben und bei den jdischen Zeremonialgesetzen, sieht er brigens den wrtlichen und den hheren, bertragenen Sinn als nebeneinander gltig an.
Indes er ist doch von der griechischen Philosophie aufs tiefste berhrt worden, und zwar in erster Linie von Plato. So sind denn, wie namentlich Falter in seiner obenerwhnten Schrift gezeigt hat, wichtige Momente des platonischen Idealismus in Philos Philosophieren enthalten. Das Zeugnis der Sinne gilt ihm als unzuverlssig; das wahre Sein liegt vielmehr im Denken. Deshalb bedarf die reine Vernunft (nous), die das Gedachte schaut, der Wissenschaft, um das Unkrperliche zu erkennen. Das Wesen des Denkens aber ist Einheit. Und so ist das hchste Ziel, wozu sich der Menschen Denken aufschwingen kann, die Erkenntnis des einen, absolut einfachen, gnzlich eigenschaftslosen Seienden, das zugleich das erste und vollkommenste Gut ist. Kurz, der Zentralbegriff der philonischen Philosophie, in dem sein theoretisches wie sein ethisches Interesse gipfelt, ist die Gottheit. Philos Gottesvorstellung ist eine auerordentlich reine und hohe. Gott ist so erhaben ber alles Endliche, dass alle ihm beigelegten Namen und Eigenschaften sein Wesen nicht entfernt zu erschpfen imstande sind. Nicht, was er ist, nur, dass er ist, knnen wir begreifen; daher sein Name Jehovah (Ich bin, der ich war). Er ist das Allervollkommenste, vollkommener selbst als die Ideen des Wahren, Guten und Schnen, zugleich die Ursache von allem, allmchtig und allgtig, im Besitze der reinsten Seligkeit, aber an keinem bestimmten Ort. Wie ist nun aber bei so vlliger berweltlichkeit ein Eingreifen Gottes in die Welt mglich, zumal da seine Reinheit durch die geringste Berhrung mit der Materie befleckt werden wrde? Zu diesem Zwecke hat Gott sich besondere Werkzeuge geschaffen, die bald als Ideen (ideai), bald als bloe Krfte (dynameis) - wie z.B. seine Macht und Gte -, bald aber auch verdinglicht, als dienende Geister dargestellt werden, die ihn in verschiedenen Rangstufen wie ein Hofstaat umgeben, brigens auch besonders frommen Menschen (Abraham) erscheinen knnen. Man sieht die Mischung des jdischen Engel- und Dmonenglaubens mit den als geistige Substanzen aufgefaten platonischen Ideen einer-, den ebenfalls von Gott ausstrmenden Krften der Stoiker (37) anderseits.
Die oberste, alle brigen in sich zusammenfassende Kraft nennt Philo denn auch mit einem stoischen Terminus den Logos, daneben zuweilen auch die Weisheit (sophia). Der Logos, eigentlich Wort oder Gedanke, ist der Vermittler zwischen Gott und Welt, m. a. W. die Gottheit, insofern sie wirkt und schafft. Es werden ihm die Prdikate: erstgeborener Sohn Gottes, zweiter Gott oder Gott schlechtweg (theos, im Unterschiede von ho theos, dem Gotte, dem Urerzeuger), Paraklet (Trster), Urbild der Welt, Weltseele beigelegt, die wir zum groen Teil in bestimmten neutestamentlichen Schriften (s. u.) wiederfinden. Auch hier findet sich, wie bei den Krften (s. o.), das charakteristische Schwanken zwischen der geistigeren Auffassung des Logos als gttlicher Eigenschaft (= Geist, Vernunft) und seiner Personifizierung. Eine Fleisch- oder Menschwerdung allerdings wrde dem philonischen Logosbegriff widersprechen, schon wegen der Unreinheit aller Materie. Aus dem Chaos hat Gott durch Vermittlung seines Sohnes, des Logos, die Welt erschaffen, und zwar in grtmglicher Vollkommenheit. Die Materie selbst freilich bleibt der Quell aller Unvollkommenheit und bel des Daseins, der Leib der Kerker der Seele.
Die hchste Aufgabe des Menschen ist, gotthnlich zu werden durch den Sieg des Geistes ber das Fleisch (sarx), die gnzliche Ausrottung der Leidenschaften. Im einzelnen haben Philos sittliche Anschauungen vieles (Einfachheit des Lebens, Idee der Menschheit, demokratisch-soziales Staatsideal, Weltbrgertum, Schilderung des Weisen und des Fortschreitenden) mit Plato und noch mehr mit den Stoikern gemein, und mnchische Weltflucht liebt er nicht. Im brigen aber besitzt seine Ethik einen religisen Zug, der weit ber die religisesten unter den Stoikern hinausgeht. Nur durch Gottes Gnade wird der Mensch gerecht. Gott allein wirkt in uns das Gute. Nur der ist wahrhaft gut, der das Gute um Gottes willen tut Alle Weisheit stammt aus dem Glauben; die Wissenschaft ist nur als Hilfsmittel zur Frmmigkeit von Wert. Das oberste Ziel und hchste Gut fr die Menschen ist, Gott nachzueifern, ihm zu dienen, sein heiliger Tempel zu werden; die hchste Seligkeit, hinter der alles Denken und Wollen weit zurcktritt, das Schauen Gottes, das Beharren in Gott, das Sichversenken in die Gottheit, wie es schon die alten Propheten kannten, wobei der Einzelne nichts mehr von sich selbst wei, sondern ganz in Gott aufgeht: die Verzckung oder Ekstase (ekstasis).
So endet Philo, wie es bei jedem Denker zu erwarten steht, der das zum Fundamente macht, womit allenfalls die Krnung des Gebudes erfolgen kann, trotz seiner starken Beeinflussung durch Plato und die Stoiker, im reinsten Mystizismus. Unmittelbare Nachfolger in Alexandrien hat er nicht gefunden, dagegen ist es sowohl fr die Dogmatik des Christentums - wir erinnern an die Logoslehre des vierten Evangeliums und die Briefe an die Epheser, Kolosser, Hebrer - und die gesamte christliche Mystik, als auch fr die letzte Philosophie des Altertums, den gleich zu besprechenden Neuplatonismus, von bedeutendem Einflu gewesen, whrend er das Verstndnis der echten platonischen Ideenlehre ebendadurch getrbt hat. Und ebenso ist er durch die von ihm gebte Methode, religise Urkunden in ein philosophisches System aus- und umzudeuten, ein Vorlufer der mittelalterlichen Scholastik, ja, wenn man will, der gesamten spekulativen Theologie geworden.