
4. Mark Aurel. Ausgang der Stoa
Die letzte bedeutende Erscheinung unter den Stoikern der Kaiserzeit, zugleich ein Zeichen ihres Einflusses wie der sittlichen Erstarkung der Zeit berhaupt, ist ihr Vertreter auf dem Kaiserthron: Mark Aurel der Philosoph (121-180). Seine Selbstbetrachtungen (Ta eis heauton, An sich selbst) stimmen inhaltlich fast durchweg mit dem berein, was der von dem kaiserlichen Stoiker hochverehrte Sklave von Hierapolis lehrte. Nur macht sich eine mehr spiritualistische, ja zur Mystik neigende Wendung strker bemerkbar. Whrend Epiktet recht ins volle Leben greift und von aller Mystik weit entfernt ist, rt Mark Aurel, sich auf sich selbst zurckzuziehen, mit seinem Genius sich zu besprechen. Er unterscheidet schrfer als seine Vorgnger zwischen Krper und Geist; Gott schaut die Seele rein, ohne krperliche Hlle. Er sehnt sich fters nach der Stunde, wo der Geist diesen Leib aus Staub verlt. So leitet er schon zum Neuplatonismus (Kap. 14 und 15) ber. Indes artet dieser Zug keineswegs in eine Verherrlichung bloer Beschaulichkeit aus; im Gegenteil, zum Ttigsein ist man in die Welt gekommen.
Nur eine Abart der Stoa ist der im 1. Jahrhundert n. Chr. sich wieder erneuernde Zynismus, zu dem wir bereits Epiktet in Beziehung stehen sahen.
Philosophisch ohne Bedeutung, entstand er als eine Reaktion gegen die berkultur des rmischen Kaiserreichs und zeitigte in Mnnern wie Demetrius, zu Senekas Zeit und von diesem sehr gerhmt, sowie dem liebenswrdigen und menschenfreundlichen Demonax zu Athen (um 70-170), den Lucian in einer eigenen Schrift behandelt, einfache, sittlich reine, furchtlos gegen die herrschende Sittenverderbnis auftretende Charaktere, whrend andere, wie der ebenfalls durch Lucian (Wieland) bekannte Peregrinus Proteus, schwrmerischer Art, ein abenteuerliches Leben fhrten, noch andere endlich, wie bereits oben (S. 178) erwhnt, unter dem Deckmantel des Zynismus schmarotzerhaftem Miggang, persnlicher Eitelkeit und ungesitteten Manieren huldigten.
Von Nicht- oder besser Halbphilosophen gehrt in diesen Zusammenhang der bithynische Rhetor Dio Chrysostomus, d. i. Goldmund, dessen populre Sittenpredigten eine gewisse Vorliebe fr den Zynismus zeigen. Der gegnerisch gesinnte, gewandte Satiriker Lucian (vgl. J. Bernays, Lucian und die Kyniker, 1879) beschrnkt sich da, wo er selbst zu philosophieren versucht, unter ausdrcklichem Verzicht auf alle Theorie, auf einige populre moralische Vorschriften. Durchaus als Eklektiker zeigt sich der berhmte Mediziner Galenus aus Pergamum (131-201), der in der Logik Aristoteles, in der Ethik dagegen mehr Plato und der Stoa zuneigt, durch seinen naturwissenschaftlichen Standpunkt auf die Anerkennung der Zuverlssigkeit der Sinneswahrnehmung gefhrt ward, daneben aber zugleich unmittelbare und reine Verstandeswahrheiten annimmt.
Erreicht auch die stoische Schule im zweiten nachchristlichen Jahrhundert ihr Ende, so haben stoische Anschauungen doch auf die philosophische Entwicklung der Folgezeit, sowohl auf die ausgehende antike Philosophie wie auf das christliche Mittelalter, unmittelbar oder mittelbar nachhaltig eingewirkt. Ja, ihr ethischer Kern behlt seinen Wert fr alle Zeiten. Von den brigen Schulen aber sollte eine, wenn auch in vernderter Gestalt, zu neuem Glnze erstehen. Wir kommen damit zu der letzten, wesentlich theosophischen Periode der antiken Philosophie, die sich an den Neuplatonismus knpft. Zunchst haben wir dessen Vorlufer zu betrachten.
Literatur: Watson, The life of M. A. 1884. Renan, M. A. et la fin du monde antique 1882. E. Zelter, Vortr. u. Abh. I, 82-107. Seine Selbstbetrachtungen ed. Stich, 2. Aufl. 1903. deutsch von Wittstock, (Reclam) 1879 und O. Kiefer (Diederichs) 1906.