
28. Einleitendes, insbes. Verhltnis zu Platon.
Einteilung des Systems.
Auch fr Aristoteles ist das letzte Ziel der Philosophie Erkenntnis des Seienden und Allgemeingltigen, und gleich seinen beiden Vorgngern Sokrates und Plato ist auch er davon berzeugt, dass nur auf dem Wege begrifflicher Erkenntnis wahres Wissen (Wissenschaft) mglich sei. Aber strker als die gemeinsame Grundlage tritt, wenigstens gegenber Plato, die Verschiedenheit hervor. Plato beginnt als Kritiker der Erkenntnis; Aristoteles geht ganz dogmatisch von der natrlichen vulgren Vorstellungsweise der Dinge aus, die nur der logischen Bearbeitung bedrfe. Auf die philosophische Grundfrage: Wie ist das Seiende zu denken? Was heit Substanz? antwortet Aristoteles: Das Sein kann weder in der bloen Materie gesucht werden, die das Geistige nicht zu erklren vermag, noch in dem reinen Gedanken des Allgemeinen (Plato), sondern liegt in dem Einzelding, insofern es durch das Allgemeine bestimmt wird. Platos Interesse war in erster Linie ein erkenntnistheoretisches, auf die Gewiheit des Erkennens, die Geltungsart des Seins gerichtetes; dasjenige des Aristoteles ist ein genetisches: er will die in den Sinnendingen wirkenden Ursachen auffinden und erklren. Dazu schienen ihm die platonischen Ideen nicht geeignet, und er unterzieht deshalb (besonders in Metaphysik I, VI, XII) die Ideenlehre seines Lehrers einer sehr abflligen Kritik. Sokrates habe sich mit Recht auf den Satz beschrnkt: Soviel Naturdinge, soviel Gattungsbegriffe (eid) von ihnen; Plato aber habe auerdem fr jedes Ding noch eine Idee verlangt. Nach ihm gebe es z.B. drei verschiedene Himmel: den sinnlich wahrnehmbaren, den mathematisch verstandenen und die Himmelidee; ebenso drei verschiedene Menschen: den Einzelmenschen dort, die Gattung Mensch (autoanthrpos) und einen dritten Menschen (tritos anthrpos), dessen Idee die beiden ersteren nachgebildet seien. Es mag sein, dass Aristoteles zu solchen Betrachtungen durch Stze oder Auslegungen einzelner Platoniker veranlat worden ist. Die Lehre des Meisters (s. 21 ff.) hat er hiernach in ihrem feinsten Kerne nicht verstanden. brigens ist ihm auch offenbar unrichtige Darstellung des Tatschlichen nachzuweisen: so, wenn er sagt, Plato habe inkonsequenterweise keine Ideen von knstlichen Erzeugnissen, Verhltnissen, Attributen usw. angenommen, whrend jedem Platokenner als Beispiele fr Ideen die Weberlade im Kratylos, das Sofa (klin) und das Kunstwerk berhaupt in der Politeia, die Gleichheit im Phdo gelufig sind.
Gegenber dem Begrnder des Idealismus glaubt Aristoteles einen mchtigen Fortschritt zu tun, indem er das Wesen der Dinge nicht abgesondert von den ueren Gegenstnden, sondern in ihnen sucht, das Eine (hen) nicht neben den Vielen (para ta polla), sondern in den Vielen (kata tn polln) findet. Gewi ist sein, vielleicht von den rztlichen Vorfahren ererbter, realistischer Tatsachensinn anerkennenswert und hat ihn zu mannigfaltigen und wichtigen Einzelentdeckungen gefhrt; aber eine haltbare kritische Grundlegung fehlt. Dahin gehrt auch seine Unterschtzung des Wertes der Mathematik als wissenschaftlichen Denkmittels, whrend er einer berschtzung der formalen, namentlich der klassifizierenden Logik zuneigt.
Da das philosophische System des Aristoteles so ziemlich alle Gebiete des damaligen Wissens mit Ausnahme der Mathematik umfat, ist die Behandlung und Einteilung des gewaltigen Stoffes nicht ganz einfach, zumal der Philosoph selbst keine feststehende Gliederung einhlt, sondern bald der in der Akademie blich gewordenen und von ihr auch auf die anderen Philosophenschulen bergegangenen Einteilung der Philosophie in Logik, Physik und Ethik folgt, bald eine theoretische, praktische und poietische, d.h. auf das technische und knstlerische Gestalten (poiein) des Stoffes gerichtete, Wissenschaft unterscheidet. Wir halten uns im allgemeinen an die in der obigen (S. 121 f.) bersicht seiner Schriften befolgte Anordnung und behandeln zuerst 1. die Logik, die als allgemeine Theorie des wissenschaftlichen Verfahrens gleichsam die Einleitung zu der 2. dann folgenden ersten Philosophie oder Metaphysik enthlt, 3. seine Natur- und Seelenlehre, 4. die auf letzterer ruhende praktische Philosophie: Ethik und Politik, und endlich 5. deren poietischen Anhang: Rhetorik und Kunstlehre.
Literatur: Den besten berblick geben noch immer die betr. Partien der groen Werke von Brandis und Zeller. Auerdem zu erwhnen: F. Biese, Die Philosophie des Aristoteles, 2 Bde., 1835-42; Teichmller, Studien zur Geschichte der Begriffe, 1874; Prantl, Geschichte der Logik im Abendlande, Bd. I; Grote, Aristotle (unvoll.), 2 Bde., London 1872; Bonitz, Aristotel. Studien, Wien 1862-67. Stilistisch am reizvollsten und inhaltlich auerordentlich anregend Th. Gomperz, Griechische Denker, Bd. III (1909), der fast nur von Aristoteles handelt. Streng systematisch A. Grland, Aristoteles - Kant. Eine Untersuchung ber die Idee der theoretischen Erkenntnis. Gieen 1909. In der Frommannschen Sammlung eine kurze zusammenfassende Schilderung (136 S.) von H. Siebeck, S. Aufl. 1902.