
25. Das platonische Staatsideal.
Platons Staat hat seine Bedeutung als eine der groartigsten Schpfungen des philosophischen Idealismus bis heute bewahrt. Nicht ohne eine gewisse Berechtigung hat man in der Hierarchie des christlichen Mittelalters eine Analogie von ihm gesehen oder den modernen Beamtenund Militrstaat mit ihm verglichen (Zeller, Phlmann). Freilich, wie alle Vergleiche, hinken auch diese, namentlich der letztere, bedeutend. Mehr innere Berhrungspunkte bietet der moderne Sozialismus, wie denn auch der erste groe Utopist der neueren Zeit (Thomas Morus) sich auf Platon beruft. Freilich ruht, trotz alles hochgespannten Idealismus, der platonische Staat doch auf hellenischem Grunde. Macht er sich auch einmal - in dem berdies zweifelhaften Staatsmann - ber den Hochmut seiner Landsleute gegenber den unter einen Sammelnamen gefaten Barbaren lustig, so wird doch die Aufhebung der Sklaverei nicht gefordert. Nur soll kein Hellene als Sklave verkauft, keine Griechenstadt zerstrt werden; der weltbrgerliche Fortschritt besteht also darin, dass man mit den Barbaren so verfahren soll, wie jetzt die Hellenen untereinander. Zu einer ganzen Reihe von Bestimmungen hat Spartas Kriegerstaat, der Platons aristokratischem Standpunkte ohnehin politisch sympathisch war, das Vorbild geliefert. Das platonische Staatsideal ist keine phantastische Trumerei, sondern in der ernsten Absicht erdacht, der tatschlichen Zerrttung des griechischen Gemeinwesens aufzuhelfen. Der Philosoph fhlt sich zum politisch-sozialen Reformator berufen.
Realist ist Platon schon gleich in seinen geschichtsphilosophischen Betrachtungen ber den Ursprung und die Entwicklung des Staates (Rep. II, 369 ff.). Dessen wirtschaftliche Grundlage wird unumwunden anerkannt, sein Entstehen aus den ersten konomischen Bedrfnissen heraus geschildert. Die Teilung der Arbeit infolge der fortschreitenden Technik, die Warenerzeugung und der Handel, die Fixierung des Geldes als Tauschwert, die allmhliche Herausbildung einer erwerbenden, kriegerischen und regierenden Klasse wird bereits hier in klarster Weise entwickelt (vgl. dazu auch das Kritias- Fragment).
Reinstem, deshalb aber doch mit tiefster Einsicht in die Natur des wirklichen Staates gepaartem Idealismus entspringt anderseits das Ziel seines Staatswesens: hchste Glckseligkeit aller durch die hchste Tugend, die nur durch die Philosophie wissenschaftlich erkannt und zur Ausfhrung gebracht werden kann. Ein ausgefhrtes Gemlde des platonischen Zukunftsstaates kann hier nicht gegeben werden, noch weniger eine Kritik; wir mssen uns auf eine kurze Skizze, unter Hervorhebung der philosophischen Zusammenhnge, beschrnken.
Wie der Mensch ein Organismus im kleinen, so ist der Staat ein Mensch im groen. Die Grundttigkeiten des einen kehren im anderen wieder. Daher entsprechen den drei Seelenkrften in Platons Staat drei voneinander abgesonderte Stnde:
1. Dem epithymtikon das Volk, die Menge der Ackerbauer, Handwerker und Kaufleute, mit ihrer dem Begehren entspringenden Sorge fr die alltglichen Bedrfnisse. Sie sind die Lohngeber und Ernhrer der beiden anderen Stnde und bilden die wirtschaftliche Grundlage des Staates, ohne indes Anteil an der Regierung zu erhalten; sie werden jedoch von jenen geschtzt und gefrdert. Fr sie bleibt Privateigentum und Familie bestehen. Die Begabten unter ihnen knnen zu den oberen Klassen aufsteigen. Auch sie sind Brger, Freunde und Brder der anderen13.
2. Dem thymoeides entsprechend, haben die Hter (phylakes) oder Helfer (epikouroi) die Aufgabe, den Bestand des Staates nach auen durch Abwehr der Feinde, nach innen durch Durchfhrung der Gesetze zu sichern. Um jede Selbstsucht bei ihnen nach Mglichkeit auszurotten, sollen ihnen Erziehung (s. u.), Frauen und Kinder, ja alles gemeinsam sein. Kein persnliches Interesse soll sie an der Hingabe fr das Ganze hindern. Alles Zueigenhaben wird als bel betrachtet; alle bilden eine groe Familie. Die Frauen sollen im wesentlichen die gleiche Erziehung wie die Mnner erhalten. Die Edelsten und Weisesten der Krieger erheben sich zu der
3. dem logistikon entsprechenden obersten Klasse: der Regierenden (archontes) oder Philosophen. Ihr Beruf ist die Gesetzgebung und berwachung von deren Ausfhrung, vor allem der Erziehung. Sie bekleiden, sobald sie das Los dazu beruft, die hchsten mter und widmen die brige Zeit philosophischer Betrachtung, d.h. den Wissenschaften und der Idee des Guten, die eben in diesem Zusammenhange als der Gipfel der platonischen Ethik erscheint.
Auch die vier Kardinaltugenden werden mit dieser Dreiteilung in Beziehung gesetzt. Die Haupttugend des dritten oder Nhrstandes ist die Zgelung der Triebe durch Besonnenheit und Selbstbeherrschung (sphrosyn), die des zweiten oder Wehrstandes Mannhaftigkeit (andreia), die des ersten oder Lehrstandes Geistesbildung (sophia). Die dikaiosyn (Gerechtigkeit, Sittlichkeit) endlich in ihrer Vollendung stellt der Idealstaat in seiner Gesamtheit dar; denn nicht das Wohl der einzelnen Klassen, sondern das des Ganzen soll fr ihn bestimmend sein.
Seinem wesentlichen Charakter nach ist Platons Staat Erziehungsanstalt der menschlichen Gesellschaft (wenn auch nur mit Beziehung auf das hellenische Volkstum durchgefhrt) zum hchsten sittlichen Ideal. Freilich wird diese Erziehung im hchsten Sinne nur fr die beiden oberen bezw. den obersten Stand gefordert; indessen wird auch fr den Erwerbsstand die einfache musisch-gymnastische Erziehung verlangt. Jene hhere wird bis ins kleinste geregelt. Schon vor ihrer Geburt ist der Staat fr die Tchtigkeit seiner knftigen Hter und Erhalter besorgt. Die edelsten und krftigsten Mnner sollen sich mit den edelsten und krftigsten Frauen verbinden; der Philosoph scheut zu diesem Zwecke vor starken Eingriffen in das Geschlechtsleben nicht zurck. Nach den drei ersten Jahren rein leiblicher Pflege soll sich die von nun an gemeinsame Erziehung der Jugend, auf dass sie vollkommen harmonische Menschen heranbilde, gleichmig auf die krperliche wie auf die geistige Ausbildung richten. Die letztere erfolgt zunchst durch Mythenerzhlungen, aus denen jedoch alle unsittlichen und unwrdigen Zge (von den Gttern, den Heroen und der Unterwelt) streng ausgeschieden sind; spter durch Lese- und Schreibunterricht. Dem begeisterungsfhigen Alter von 14-16 Jahren werden Dichtkunst und Musik, dem angehenden Jnglingsalter (16. - 18. Jahr) die ernsteren mathematischen Wissenschaften als geistige Kost dargeboten. Alles ppige und Weichliche, Sittenverderbende und Zweideutige aus Musik und Poesie ist zu verbannen, sogar Homer; nur die veredelnde, auf das wahrhaft Gute und Schne gerichtete Kunst soll zugelassen werden, damit ein ernster sittlicher Sinn, eine hohe und reine Gottesvorstellung, eine mutige Verachtung des Todes und der vergnglichen Lebensgter in den jungen Seelen erzeugt werde. Dem musisch-mathematischen Kursus folgt dann vom 18. bis 20. Lebensjahre - hnlich wie bei uns - die kriegerische Ausbildung. Danach tritt eine erste Auslese ein. Die wissenschaftlich minder Begabten bleiben im Kriegerstande, die brigen betreiben nun die Wissenschaften intensiver und in mehr systematischer Form. Whrend dann - zweite Auslese - die minder Vorzglichen unter ihnen zu praktischen Staatsmtern bergehen, widmen sich die Ausgezeichnetsten nach fnf weiteren Jahren der Erkenntnis des Seienden (Ideenlehre, Dialektik) und bernehmen dann ihrerseits hhere Regierungsmter. Haben sie sich in denselben 15 Jahre lang bewhrt, so sind sie im fnfzigsten Lebensjahre reif, unter die Zahl der Herrscher oder Philosophen (s. o.) aufgenommen zu werden.
Mit seinem grozgigen Entwurf eines neuen Staatsideals verbindet Plato (bes. in Staat VIII) eine uerst scharfe, von dem heutigen Sozialismus kaum berbotene Kritik der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung. Schon hier (551 D) findet sich das Wort von den zwei Staaten, dem der Reichen und Armen. Mit den schrfsten Worten geielt er den Mammonismus, das Drohnen- und Spekulantentum, den schwelgerischen Miggang der goldenen Jugend, die notwendig zur Katastrophe fhren mssen. An anderer Stelle wird der gegenwrtige Zustand bereits als der Krieg aller gegen alle bezeichnet (Gesetze I, 626 D). Reformen auf dem Boden des Bestehenden wrden drftige Notbehelfe bleiben und die Mistnde nur verlngern. Eine radikale Umwlzung der Gemter, ein grndlicher Reinigungsproze tut not.
In einem besonderen Abschnitte (B. V, 471 ff.) errtert Platon die Mglichkeit der Verwirklichung seines Ideals. Sein Staat ist ein Urbild, das, wie jede Idee, von der Erfahrung nie ganz erreicht werden kann, aber doch annhernd; denn seine Forderungen entsprechen der Natur der Dinge. Freilich mu sich, wenn anders er Bestand haben soll, das Volksleben mit einem vllig neuen sittlichen Geiste erfllen; denn Staatsverfassungen wachsen nicht auf den Bumen, wie die Eicheln, sondern wurzeln in der Sinnesart der Brger. Dazu soll eben die neue Erziehung, die er selbst in seiner Akademie zu verwirklichen suchte, helfen. Ein neues Geschlecht mu erst heranwachsen. brigens werden sich die jetzigen Erwachsenen durch die segensreichen Wirkungen des neuen Staates, so hofft Platos Optimismus, unschwer fr ihn gewinnen lassen. So ist denn sein bekannter Satz: Nicht eher wird ein Aufhren der bel in den Staaten, ja beim Menschengeschlecht berhaupt eintreten, ehe die Philosophen zur Regierung kommen oder die jetzigen Knige und Machthaber wahrhaft und grndlich philosophieren (V, 473 D), durchaus ernst gemeint. Aber seine Hoffnungen auf Dionys schlugen fehl, und sein Vaterland versank in immer grere Zerrttung, Schmach und Schwche. So mute er denn seine Hoffnung, eine hnliche politische Macht, wie einst der Bund der Pythagoreer in Grogriechenland, zu gewinnen, zu Grabe tragen. Dennoch versiegt sein Idealismus nicht. Gegen Ende seines Lebens entwirft er in den Gesetzen (Nomoi, Leges) die Grundzge eines zweitbesten Staates, der, den bestehenden Verhltnissen angepat, mehr Aussicht auf Verwirklichung zu bieten schien14.
Plato denkt ihn sich als eine Kolonie im Inneren Kretas, von wesentlich agrarischem Charakter. Statt der Philosophen regiert ein Verein der Einsichtigsten und Bewhrtesten nach geschriebenen, aber fortzubildenden Gesetzen. An Stelle der Ideenerkenntnis tritt ein mathematisch-musischer Kurs und eine geluterte Staatsreligion, an Stelle der Aufhebung von Familie und Privateigentum eine sorgfltige berwachung der Ehen und des huslichen Lebens und eine - wohl nach altspartanischem Muster getroffene - Teilung des Staatsgebietes in 5040 gleiche Landlose. Indessen sind mit dieser greren Demokratisierung des Staatswesens doch - im allgemeinen von den Historikern der Philosophie zu wenig beachtete - Fortschritte verbunden. Die starre Trennung der Stnde ist gemildert, die Kluft zwischen Herrschenden und Beherrschten fast geschlossen, die Regierenden sind an strenge Gesetze gebunden, der ideale Wert der wirtschaftlichen Arbeit wird strker gewrdigt, der Volksbildung aller Klassen, auch der weiblichen Jugend, grere Aufmerksamkeit geschenkt. Ja, was besonders merkwrdig und erst von Natorp (a. a. O. Anm. 24) mit voller Deutlichkeit hervorgehoben worden, ist, diese Demokratisierung fhrt dahin, dass der Halbkommunismus der Republik hier, wenigstens in der Idee, zur vollen wirtschaftlichen Gemeinschaft aller Brger (zu denen freilich die unfreien Landarbeiter nicht gehren!) erweitert wird. Jeder soll sein Ackerlos, ja sich selbst und sein Vermgen als Gemeingut des ganzen Staates ansehen. Ein gemeinsames Besitzen und Bebauen des ffentlichen Grund und Bodens wre noch zu gro fr das jetzige Geschlecht und die Art, wie es aufwchst und erzogen wird; es wre, zusammen mit der Gemeinschaft der Frauen, Kinder und aller Habe, ein Ideal vielleicht fr Gtter und Gttershne, von dem er nicht wei, ob es irgendwo existiert oder dereinst kommen wird (Leg. V, 739 Cf.).
Damit haben wir die Grundzge von Platos Philosophie zur Darstellung gebracht. Seine Theologie, d.h. seine mehr oder weniger freie Umbildung der orphisch-dionysischen Geheimlehren von Seele, Erlsung und Jenseits, die von einzelnen neueren Darstellern (z.B. Windelband in seiner zu 20 genannten Monographie) in den Vordergrund gerckt wird, ziehen wir absichtlich nicht in den Kreis dieser Darstellung. Wo die Predigt beginnt, hrt die Philosophie auf.
Literatur: K. F. Hermann, Die historischen Elemente des platonischen Staatsideals, 1849. - E. Zeller, Vortrge u. Abh. I, 62-81. - R. Phlmann, Geschichte des antiken Kommunismus und Sozialismus I, 269 bis 581. - Natorp, Platos Staat und die Idee der Sozialpdagogik Berlin 1895 (jetzt auch in desselben: Ges. Abhandlungen zur Sozialpdagogik. Bd. I, 1-36).