24. Platons Begrndung der Ethik.


Platons philosophisches Interesse wird mchtig von ethischen Gesichtspunkten beeinflut. Das bewirkt, dass in seiner Naturphilosophie der Zweckgedanke den der Naturgesetzlichkeit, der teleologische den mechanischen eines Demokrit zurckdrngt. Aber auch die Ideenlehre findet ihren letzten Grund in dem sittlichen Bedrfnis des Philosophen, das nur in der Erkenntnis des wahren Wesens der Dinge innere Befriedigung findet. Nur das wahre Wissen ist Tugend, wie umgekehrt die wahre Tugend auf dem Wissen beruht, die Ethik also Wissenschaft (epistm) ist.

Erhebt sich die Ethik des jugendlichen Platon auch ihrem Inhalte nach noch nicht wesentlich ber die seines Meisters Sokrates, so bereitet sich doch schon in den sokratischen Jugenddialogen, und noch mehr natrlich in und mit der Polemik gegen den Sensualismus und Hedonismus der Sophisten die wissenschaftliche Begrndung der Reifezeit vor. Die Einheit der in ihnen (s. 20) errterten Tugenden der Freundschaft, Tapferkeit, Frmmigkeit und Besonnenheit besteht in ihrer gemeinsamen Abhngigkeit vom Wissen, das sich ber sich selber Rechenschaft zu geben hat, ein Wissen des Wissens sein soll (Charmides), und dessen Begriff in Hherem zu suchen ist, als in der bloen Abwgung von Lust und Unlust (Protagoras). Der Strkere kann nur der Bessere oder Einsichtsvollere sein (Gorgias). Die sokratische Lehre tritt hier bereits gelutert von dem schielenden Liebugeln mit Lust und Nutzen hervor, welches in der xenophontischen Darstellung ihr anklebt (Brandis a. a. O. S. 352). Ebenso in dem ersten Buche der Politeia mit Bezug auf den Begriff der Gerechtigkeit, whrend der Meno namentlich nachweist, dass die richtige Vorstellung noch nicht Wissenschaft sei, und von der gewhnlichen, auf der Gunst der Anlagen und Verhltnisse sowie auf der Sitte beruhenden Tugend die philosophische unterscheidet, die in der freien Selbstbestimmung (Kant: Autonomie) auf Grund der deutlichen Erkenntnis des unbedingt Guten und Schnen besteht.

Was ist denn nun Ethik als Wissenschaft? fragen diejenigen Dialoge weiter, in denen die platonische Ethik in ihrer reifsten Gestalt erscheint. Etwa eine Sammlung edler Vorschriften fr unser Handeln? Dazu wrde allenfalls die doxa alths ausreichen. Unser Philosoph fat die Frage vielmehr an ihrem Kernpunkt: Wie ist Sittlichkeit berhaupt mglich? Dass sie mglich ist, steht ihm unverbrchlich fest. Aber worauf grndet sie sich? Was gewhrleistet ihre Wahrheit und unbedingte Gltigkeit? Die Antwort kann nach dem, was wir bereits von der allgemeinen Begrndung der platonischen Philosophie ( 21) wissen, nicht anders lauten als: in der von dem philosophischen Eros erzeugten Idee. Platons Ethik findet ihre Begrndung in seiner Ideenlehre. Wie kann aber eine Idee als bloe Vorstellung Gewiheit beanspruchen? Nicht zum wenigsten um dieser skeptischen Frage zu begegnen, die ihm von seiten der Sophistik und des auflsenden Zeitgeistes berhaupt entgegentreten mute, stattet der Philosoph die Ideen mit allen jenen Eigenschaften des ewigen, unwandelbaren Seins aus, die wir ( 21) kennen gelernt haben, und die ihnen in den Augen der blo an die Vorstellung rumlichen Seins Gewohnten den Anschein abgesonderter starrer Substanzen geben muten: whrend in Wahrheit doch eine strkere Realitt gar nicht zu ersinnen ist als die, welche das denkende Bewutsein verleiht.

Von allen Ideen die hchste ist die Idee des Guten. Sie ist die hchste Erkenntnis (megiston mathma), die Sonne im Reiche der Ideen. Denn, wie die irdische Sonne alle Krper erst wahrnehmbar macht, so lt die Idee des Guten alle anderen Ideen erst im rechten Lichte erkennen, indem sie sie mit dem ethischen Endzweck durchleuchtet. Und, wie die sichtbare Sonne durch ihre Warme die Sinnendinge werden und wachsen lt, so empfngt alles Seiende seine Realitt und Fruchtbarkeit, kurzum sein Sein (Wesen) von der idea tou agathou, die deshalb hoch ber allem Sein (epekeina ts ousias) gegrndet ist. Das stammelnde Entzcken des Entdeckers wie das berwltigtsein von der Groartigkeit des Gedankens malt sich in der Art, wie der Eingang des siebenten Buchs der Politeia das Hchste zu schildern, unternimmt, was Menschenbrust durchbebt, die Schau des Guten: das Flimmern der Augen, die sich an den berirdischen Glanz der Idee erst gewhnen mssen, nachdem sie, gefesselt an die Hhle des Scheins, so lange nur Schattenbilder geschaut; und wieder die zweite Verwirrung der Augen, wenn sie, noch geblendet von dem Lichte des Gttlichen, das sie geschaut, wiederum herabsteigen zu den Gefangenen der Hhle (d. i. der Welt des Tages, des tglichen Lebens), die, selbst in ewiger Dmmerung lebend, sie nicht begreifen und deshalb verlachen. Das Letzte alles Erkennbaren, nur mit Mhe zu schauen (mogis ophtheisa), heit die Idee des Guten. Von der Idee des Schnen gibt es Abbilder hienieden, von der des Guten nicht; nur ihren Spro߫ (ekgonos) vermag Plato zu schildern. So einsam und unvergleichlich hoch ber allem Sinnlichen thront das Gute, so erhaben ber dem Sein ist das Sollen. Die Idee des Guten berragt sogar noch die Erkenntnis der Wahrheit an Wrde und Kraft (presbeia kai dynamei, Staat 509 B). Ja, so ergriffen ist der Philosoph von seiner Entdeckung, dass ihm in einer berspannung des sittlichen Interesses dieser letzte Zweck sogar als die Ursache (aitia) alles Richtigen und Schnen (517), das letzte Ziel des Denkens zugleich als der erste Anfang des Seins erscheint. In diesem Sinne findet sich die Idee des Guten bei Plato zuweilen auch mit dem Begriffe gleichgesetzt, mit dem der Mensch das Hchste, was er - nicht mehr ausdenken, aber empfinden kann, in ein Wort zu kleiden sucht: dem Begriffe der Gottheit. Abgesehen von aller mythischen Einkleidung aber, hat die Idee des Guten philosophisch die Bedeutung des Unbedingten (anypotheton), von allem anderen Unabhngigen, Freien; nicht im Sinne eines dogmatischen Satzes, sondern einer Tendenz: des Interesses, dass es ein solches, ber allen Menschenwitz Erhabenes, Feststehendes, einen Endzweck geben mchte!

Die in Vorstehendem dargelegte erkenntnistheoretische Begrndung von Platons Ethik bedarf nur noch weniger weiterer Zge zu ihrer Ergnzung. Die Abtrennung vom Psychologischen, die mit dem erkenntniskritischen Charakter der Idee von selbst gegeben ist, braucht nicht nher ausgefhrt zu werden. Damit hngt die an Kant erinnernde schroffe Ablehnung des Lustgefhls (hdon) als sittlichen Bestimmungsgrundes zusammen. Praktisch tritt die scharfe Unterscheidung des Guten vom Angenehmen schon in den ersten Dialogen deutlich hervor. Man braucht nur an das Thema der Apologie oder des Kriton, die Verherrlichung des freiwillig Unrecht leidenden und sterbenden Sokrates, zu denken. Theoretisch wird die Trennung des Guten von der Lust am eingehendsten im Philebos durchgefhrt. Die Lust ist meist mit Unlust gemischt, beruht vielfach auf Tuschung und Irrtum und gehrt nicht der Welt des Seins, sondern des Werdens an; ihre Verteidiger betrachten die Tiere als vollgltige Zeugen (kyrious martyras). Trotzdem wird damit keine Askese oder stoische Empfindungslosigkeit gelehrt. Nur der Phdo redet von einem Sterben des Weisen mitten im Leben, das einigermaen an das neutestamentliche den Lsten und Begierden Absterben erinnert; allein auch dies gilt doch nur als Vorbereitung zu der beseligenden Schau der Ideen und bedeutet keinen vlligen Bruch mit der Welt des Natrlichen und Schnen. Zum hchsten Gute gehren vielmehr, wie Plato am Schlusse seiner Laufbahn (im Philebos) lehrt, auer dem Mae, jenem echt hellenischen Begriffe, die Einsicht und die mit der Freude am Schnen und der Erkenntnis verbundenen reinen Lustgefhle (katharai hdonai), womit das Unhellenische an Sokrates, die Einseitigkeit der Zyniker und das Unsittliche der Cyrenaiker zugleich berwunden ist. Allein als bestimmendes Motiv drfen auch sie nicht auftreten wollen, sondern nur die Idee (das Gesetz) des Guten, das die Seele zu einer inneren Harmonie stimmt, deren Seligkeit aller vergnglichen Lust weit berlegen ist.

Bei dieser Gelegenheit sei noch ein Wort ber das Verhltnis des Guten zum Schnen, der Ethik zur sthetik eingeflochten. Von der Knstlernatur unseres Philosophen sollte man erwarten, dass die sthetik, deren eigenstes Feld das Schauen und Erzeugen des Kunstwerkes in der Idee bildet, einen greren Raum in seiner Philosophie eingenommen htte. Gewi: den Charakter des schauenden Zeugens, im Gegensatze zu der bloen Nachahmung, hat er, wie den anderen Ideen, so nicht zum wenigsten der Idee des Schnen zugesprochen, und der Begriff der von den Begierden und Leidenschaften und der damit verbundenen Unlust geluterten reinen Lustgefhle kommt auch der Kunst zugute. Sie bedeuten die fr den wahren Kunstgenu und das echte Kunstschaffen unentbehrliche Idealisierung des Gemts. Der Eros, das liebende Verlangen, ist auch die Wurzel aller Kunst. Aber trotz seines feinen Kunstempfindens hat der Dichter-Philosoph die sthetik nicht selbstndig, wie Wissenschaft und Ethik, hingestellt, sondern der letzteren untergeordnet. Von der Glut seines sittlichen Enthusiasmus getrieben, wohl auch in an sich berechtigter Opposition gegen die sittliche Laxheit der Sophisten und den religisen Anthropomorphismus der alten Dichter (Staat III), hat er das Schne ins Gute sich flchten lassen. Das Gute ist ihm an und fr sich schon schn. Erst durch Kant sollte sich die reinliche Scheidung beider und damit die Begrndung einer selbstndigen sthetik vollziehen. Vgl. brigens K. Justi, Die sthetischen Elemente in der platonischen Philosophie, Marburg 1860 und H. Cohen, Kants Begrndung der sthetik (Berlin 1889), S. 6-12 u. .

Indes Platon war auch in der Ethik nicht blo Systematiker. Er hat seine Idee des Guten nicht blo als glnzende Lichtgestalt in himmlischen Hhen geschaut, sondern sich auch, wie jeder echte Idealist, fr ihre Verwirklichung, soweit eine solche mglich, auf Erden interessiert. Wohl mchte der aus der dunklen und dumpfen Hhle der Alltglichkeit zum Sonnenglanze der Idee Emporgestiegene sein Leben am liebsten im ewigen Anschauen dieses Glanzes zubringen, aber er mu hinunter, um auch Jenen Armen am Geiste zu verknden, was er geschaut, ob er auch von ihnen verlacht werde. Damit wird die reine (theoretische) Ethik zur angewandten, der Kernbegriff der ersteren, die Idee des Guten, zum Kernbegriff der letzteren, der dikaiosyn (besser als die wrtliche bersetzung Gerechtigkeit, gibt den Sinn wohl unser Sittlichkeit oder Rechtschaffenheit wieder). Auch bei der Feststellung dieses Begriffs zeigt sich die unserem Philosophen von seinem Meister Sokrates her berkommene kritische Selbstbesinnung. Die dikaiosyn deren Wesen zu erjagen ist, befindet sich (wie Fausts Mtter) an einem dunklen, unzugnglichen und schwer erforschbaren Orte; aber dennoch mssen wir uns dahin aufmachen. Sie berragt und fat als hchste und allgemeinste die brigen drei Kardinaltugenden zusammen: die Einsicht (phronsis) oder Weisheit (sophia), die Mannhaftigkeit (andreia) und die Besonnenheit (geistige Gesundheit, Selbstbeherrschung, sphrosyn). Das Eigenartige Platons besteht nicht sowohl in der Aufstellung dieser vier Grundtugenden, als in ihrer Ableitung aus den Seelenkrften (s. 23, Schlu). Dem begehrlichen Teil des Menschen (epithymtikon) entspricht die ihn regelnde sphosyn, dem mutigen (thymoieides) die Mannhaftigkeit oder Willenskraft, dem vernnftigen (logistikon) die Weisheit oder Einsicht. Der sie alle beherrschende Begriff der dikaiosyn aber fhrt hinaus ber die Grenzen der Individual-Ethik. Das sittliche Leben kann sich - ein echt griechischer Gedanke - voll verwirklichen nur im Abbild des Menschen im Groen, d. i. im Staate. So vollendet sich die Sittenlehre bei Platon, im Gegensatz zu Sokrates, zur Staatslehre, die Pdagogik wird, wie berall da, wo sie einen groen Zug genommen hat (Pestalozzi, Fichte), zur National- und Sozialpdagogik, die individuale zur sozialen Ethik.


 © textlog.de 2004 06.09.2026 13:34:21
Seite zuletzt aktualisiert: 29.10.2006 
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