
29. Die Begrndung der formalen Logik.
Wenn Aristoteles in der Regel und mit Recht der Vater der Logik genannt wird, so ist das natrlich nicht so zu verstehen, als ob er etwa die Logik mit einem Male erfunden htte. Diese ist vielmehr im engsten Zusammenhange mit dem wissenschaftlichen Denken berhaupt entstanden: so beispielsweise die Grundbegriffe der Substanz, Gre und Bewegung mit den philosophisch-mathematischen Problemen der Pythagoreer ( 3) und Eleaten ( 6), der des Begriffes selbst mit Sokrates. In Platos Ideenlehre gar ist nicht blo das dialektische Verfahren berhaupt, sondern sind auch die bestimmten Begriffe der Negation, der Hypothese, der Einheit, der Ursache und des Daseins bereits zu reicher wissenschaftlicher Fruchtbarkeit gediehen. Aristoteles aber fat zum erstenmal diese und andere Begriffe in systematischer Formulierung zusammen und begrndet so die Logik als eigene Disziplin. Freilich entnimmt er sie nicht sowohl dem wissenschaftlichen, als vielmehr dem Sprachgebrauche; seine Logik ist im Grunde genommen nur eine, in ihrer Art allerdings groartige, Zergliederung und Systematisierung der Formen des Satzes.
Da alle Erkenntnis in der Verknpfung von Begriffen (logoi, eigentlich Worten!) miteinander zu Urteilen besteht, Urteile aber sich zu Schlssen und Beweisen zusammensetzen, so bildet den Mittelpunkt der aristotelischen Logik die Lehre vom Schlieen und der Beweisfhrung, wie sie in seinem logischen Hauptwerke, der Analytik, d.h. Zergliederungskunst (sc. des Denkens) niedergelegt ist. Die Urteile zerfallen in bejahende und verneinende, ferner allgemeine, partikulare und einzelne usw. (Was die Einzelheiten hier und im folgenden betrifft, so verweisen wir auf jedes Handbuch der Logik, z.B. das von Ueberweg.) Aus zwei Urteilen mit drei Begriffen (z.B. Sokrates, Mensch, sterblich) baut sich der Schlu (Syllogismus) auf. Die Syllogistik zeigt die Regeln, nach denen aus gegebenen Stzen oder Voraussetzungen (Prmissen) andere folgen; von den heute geltenden vier Schlufiguren finden sich die drei ersten bereits bei Aristoteles. Aus Schlssen setzt sich die Beweisfhrung (apodeixis) zusammen. Ihre Aufgabe ist Ableitung des Bedingten aus dem Unbedingten, des Einzelnen aus den allgemeinsten Prinzipien (s. 30), welche letzteren durch die Vernunft (nous) selbst unmittelbar erkannt werden. Ihr oberstes Prinzip ist der Satz des Widerspruchs (a = a und nicht = non a). Umgekehrt wie der Syllogismus oder deduktive (ableitende) Beweis, verfhrt die Induktion (epagg), zu deutsch: Heranbringung, die von dem bekannten Einzelding zu dem erst festzustellenden Allgemeinen hinfhrt, z.B.: Der Mensch hat wenig Galle und lebt lange, das Pferd ebenfalls, das Maultier usw. desgleichen; also sind alle Tiere mit wenig Galle langlebig. Der solchermaen gewonnene Induktionsschlu ist, weil er vom Bekannten und Sinnlich-Wahrnehmbaren ausgeht, fr uns vielfach berzeugender und deutlicher, der Syllogismus aber an sich zwingender und beweiskrftiger. Daher eignet sich ersterer mehr fr den mit dialektischen oder Wahrscheinlichkeitsschlssen arbeitenden, auf die Menge zu wirken bestrebten Redner; wissenschaftliche Gltigkeit kann er nur bei erreichter Vollstndigkeit der Induktion beanspruchen [ist dann aber eigentlich bereits deduktiv, Anm. d. Verf.]. Teils auf dem Beweis, teils auf Induktion beruht die Begriffsbestimmung oder Definition (horismos). Sie will das Wesen (ousia, eidos, to ti esti, to ti n einai) der Dinge begriffsmig bestimmen. Zu einer guten Definition ist die Unterscheidung von Gattungen (gen), und Arten (eid) erforderlich. Die Gattung trennt das Ding von allen andersartigen Dingen, die Art von den brigen Dingen derselben Gattung. Was innerhalb der Gattung am weitesten voneinander entfernt ist, steht in kontrrem, was schlechthin entgegengesetzt ist (verneint wird), in kontradiktorischem Gegensatze.
Alle unsere Begriffe fallen unter die Hauptgattungen der Aussagen ber das Seiende oder Kategorien, von denen Aristoteles willkrlich bald 8, bald 10 aufstellt. (Die folgenden Beispiele sind aristotelisch.)
1. Substanz (ousia), z.B. Mensch, Pferd
2. Quantitt (poson), z.B. zwei oder drei Ellen lang
3. Qualitt (poion), z.B. wei, literarisch gebildet
4. Relation (pros ti), z.B. doppelt, halb, grer
5. Ort (pou), z.B. auf dem Markte, im Lyzeum
6. Zeit (pote), z.B. gestern, im vorigen Jahre
7. Lage (keisthai), z.B. liegt, sitzt
8. Zustand (echein), z.B. ist beschuht, bewaffnet
9. Ttigkeit (poiein), z.B. schneidet, brennt
10. Leiden (kaschein), z.B. wird geschnitten, wird gebrannt.
Eine wissenschaftliche Begrndung oder Ableitung dieser zehn Kategorien aus einem Prinzip fehlt durchaus; ja zwei davon (7 und 8) kommen nur in den Kategorien und der Topik vor, werden dagegen in den spteren Schriften ausgelassen. Sie entsprechen zum Teil den Wortarten und anderen grammatischen Verhltnissen (z.B. 9 und 10 dem Aktivum und Passivum). Die grundlegendsten sind ohne Zweifel die vier ersten, und von ihnen wieder die wichtigste die Substanz, die uns noch in der Metaphysik begegnen wird.
Die Logik ist Aristoteles' beste und dauerndste Schpfung geblieben. Freilich besitzt Kants Behauptung, dass die Logik seit Aristoteles weder einen Schritt vorwrts noch zurck getan16, nicht zum wenigsten dank Kant selbst, heute keinen Anspruch auf buchstbliche Geltung mehr. Indessen das Gerst der in unseren Schulen seit dem Mittelalter bis teilweise noch in unsere Zeit herkmmlich gelehrten, sogenannten formalen Logik beruht in wesentlichen Teilen, wie namentlich der Syllogistik, immer noch auf Aristoteles; und ein groer Teil der Kunstausdrcke, mit denen die heutige Philosophie zu operieren gewohnt ist, stammt von dem Vater der Logik (vgl. Eucken, Gesch. der philosophischen Terminologie, S. 21 -28). Fr die Praxis der Wissenschaft allerdings war mit diesen Formen und Formeln blo ein Schematismus gegeben, der nur eine autorittsglubige Scheinphilosophie, die nicht neue Wahrheiten erforschen, sondern als vorhanden geltende beweisen wollte, befriedigen konnte und auf seinen wahren Wert beschrnkt wurde, als die Wissenschaft in der Zeit der Renaissance sich auf sich selbst zu besinnen begann. Nach dem Sinne ihres Urhebers ist die Logik die Vorschule zu seiner ersten Philosophie oder Metaphysik.
Literatur: Beste Ausgabe des Organen mit Kommentar die von Th. Waitz, 2 Bde. Leipzig 1844-46. Zum eingehenderen Studium s. die betr. Abschnitte der Werke von Brandis, Zeller und Prantl sowie H. Maier, Die Syllogistik des Aristoteles. 3 Bde. 1896-1900. Zur ersten Einfhrung geeignet auch A. Trendelenburgs einst als Schulbuch viel gebrauchte: Elementa logices Aristoteleae, Berlin 1836, 9. Aufl. 1892.