32. Die aristotelische Ethik.


Auch in der Ethik verlt Aristoteles die von seinem groen Vorgnger so glcklich eingeschlagene erkenntnistheoretische Bahn. Er fragt nicht nach der Idee des Guten, nach einem Sittlichen an sich und seinem Geltungswert. Seine Ethik ist nicht auf die Erkenntnis des einen, ewigen, unvernderlichen Ideals gerichtet, sondern auf die Einsicht in das dem Menschen erreichbare Gute (prakton agathon), das nach Geschlecht, Stand, Beruf, Volk verschieden, ein anderes fr Mann, Weib und Sklaven ist. Es ist nicht zu begreifen, meint er Eth. Nicom. I 4, was die befreundeten Mnner (Platoniker) mit ihrem Ding an sich (auto hekaston) sagen wollen. Gesetzt auch, es gbe ein Gutes an sich, so wre es doch fr den Menschen weder ausfhrbar noch erreichbar; nur ein solches aber wird gesucht. Es ist nicht erfindlich, wie der Weber oder der Dachdecker fr seine Kunst aus dem Wissen des Guten an sich Nutzen ziehen oder, wie der der bessere Arzt oder Feldherr sein soll, der die Idee selbst geschaut hat. Das Gute ist vielmehr, so beginnt die nikomachische Ethik, in jeder Kunst und jeder Handlung das, wonach alles hinstrebt, also der Zweck des betreffenden Dinges: fr die Heilkunst die Gesundheit, fr die Kriegskunst der Sieg, fr die Wirtschaftslehre der Reichtum usw. Als Mastab gilt also die bloe Ntzlichkeit. Denn unser Ziel ist nicht Erkenntnis, sondern Handeln. Nicht der Theorie halber, nicht, damit wir wissen, was die Tugend ist, sondern damit wir tchtige Leute werden, treiben wir Ethik (II 2, 1). Aristoteles verzichtet demnach von vornherein darauf, eine Ethik als Wissenschaft zu begrnden - man msse sich auf diesem Gebiete vielmehr, im Gegensatz zu Mathematik und Metaphysik, mit Wahrscheinlichkeiten zufrieden geben -, er begngt sich mit empirischen Begriffsbestimmungen und anregenden moralphilosophischen Betrachtungen.

Ein Gutes allerdings gibt es, das von allen Menschen um seiner selbst willen begehrt wird: die Glckseligkeit (eudaimonia), der oberste aller Zwecke, das hchste aller Gter. Aristoteles denkt nun freilich hoch genug, um sie nicht im Sinnengenu oder im bloen Besitz von Reichtum, Ehren und anderen ueren Gtern zu erblicken, sondern in der vernnftigen oder tugendhaften Ttigkeit der Seele. Allein schon in dem, was als Erfordernis zu dieser letzteren bezeichnet wird, zeigt sich, dass die Selbstndigkeit des Sittlichen aufgegeben ist. Es gehren dazu: 1. die Entwicklung zur vollen Reife des Mannes (nicht Weibes!), 2. gewisse uere Gter wie Gesundheit, Wohlhabenheit, schne Gestalt, wenigstens als Befrderungsmittel, 3. das Leben mit anderen im Staate. Nicht das Gute ist eben mehr das Ziel seiner Ethik, sondern die guten Personen.

Die Vorzge der Seele, welche jene vollkommene Ttigkeit (energeia) hervorrufen, bestehen in solchen des Denkens und des Wollens. Daraus ergibt sich die Einteilung der Tugenden in dianotische und ethische (Denk- und Charakter-) Tugenden. Die hheren sind die ersteren: Vernunft, Wissenschaft, Weisheit, Kunst und praktische Einsicht. In dieser, auch theoretisch als Abgrenzung des rein Menschlichen vom Animalischen wertvollen, Auffassung liegt zwar eine berechtigte Reaktion gegen die Wissensverachtung der Zyniker, aber auch etwas von dem Dnkel des von der gemeinen Masse sich vornehm abschlieenden Gelehrten. Eigentlich denkselig sind nur die Gtter und von den Menschen die Theoretiker (hoi therountes); fr die groe Menge der gewhnlichen Menschen hegt Aristoteles weniger Interesse. - Die vom 2. bis 6. Buche der Nikomachischen Ethik beschriebenen ethischen Tugenden sind: Mannhaftigkeit, Migkeit, vornehmer Sinn, Selbstndigkeit, richtige Selbstschtzung, Milde, Wahrhaftigkeit, Frhlichkeit, Freundschaft und Gerechtigkeit. Und zwar bildet jede dieser Tugenden die richtige Mitte (mesots) zwischen zwei zu vermeidenden Extremen, z.B. die Tapferkeit zwischen Feigheit und Tollkhnheit, die Migkeit zwischen Wollust und Stumpfsinn, die Freigebigkeit zwischen Geiz und Verschwendung. Worin das Mittlere seinen Mastab finde, wird nicht genauer begrndet, sondern nur auf die praktische Einsicht verwiesen. Die ethischen Tugenden werden definiert als diejenigen Willens- oder Gesinnungs-(thos) Beschaffenheiten, welche die unserer Natur angemessene Mitte einhalten, gem einer vernnftigen Bestimmung (logos), wie sie der Einsichtige, geben wird. Es sind eigentlich nur Versittlichungen des sinnlichen Teils unserer Seele, dauernde Fertigkeiten (hexeis) in der Beherrschung der Affekte, hervorgebracht durch jene den Innersten Kern von Aristoteles' Ethik bildende vernnftige Bettigung der Seele, die von selbst zur Tchtigkeit (Tugend, aret) und zum Glcke fhrt. Die vollkommenste der ethischen Tugenden und zugleich die Grundlage des staatlichen Lebens ist die Gerechtigkeit (Eth. Nic. Buch V); als austeilende Gerechtigkeit verteilt sie Ehre und materiellen Nutzen nach der Wrdigkeit, als ausgleichende gibt sie bei Rechtsgeschften und Strafvergehen jedem das ihm Zukommende.

Einen hervorragenden philosophischen Wert vermgen wir allen diesen Errterungen, welche die Ethik auf Psychologie und Anthropologie grnden, nicht zuzuerkennen. Dagegen zeugen Aristoteles' ethische Schriften an vielen Stellen von reicher Welt- und Menschenkenntnis, sowie von feiner psychologischer Beobachtung. Besonders eingehend wird neben der Gerechtigkeit die Freundschaft, die sich bei unserem Philosophen schlielich zu einer Art Nchstenliebe erweitert, behandelt (Buch VIII und IX). Beide Tugenden zusammen sind die sittliche Grundlage alles menschlichen Zusammenlebens in der Familie und im Staate. So bildet die Ethik nur eine Einleitung in die Politik, als deren Teil sie einmal geradezu bezeichnet wird.

 

Literatur: Die genaueren Titel der Schriften von Hartenstein, Trendelenburg, Luthardt (Vergleich mit der christlichen Ethik), Ueberweg (Vergleich mit Herbart und Kant) u. v. a. s. bei Ueberweg I, Anhang S. 88 f. Vgl. auch Th. Gomperz a. a. O. S. 189-245. - Von erklrenden Ausgaben wird besonders gerhmt die englische von Burnet, The Ethics of Aristotle, London 1900. Die nikomachische Ethik ist in modernes Deutsch bertragen von A. Lasson, Jena 1909, auerdem in der Phil. Bibl. bersetzt von E. Rolfes, Leipzig 1911.


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Seite zuletzt aktualisiert: 01.11.2006 
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