
Dreizehntes Kapitel.
[Beschrnkung der Rechtssphre auf den Menschen]
Die Leute meinen nun, es stehe bei ihnen, Unrecht zu tun, und deshalb sei es auch leicht, gerecht zu sein. Aber dem ist nicht so. Der Frau des Nachbars beiwohnen, seinen Nchsten schlagen, ihm mit der Hand das geschuldete Geld geben ist leicht und steht in des Menschen Gewalt, aber aus einem festen Habitus heraus so zu handeln, ist nicht leicht und steht nicht ohne weiteres in des Menschen Gewalt.
Desgleichen meint man, Recht und Unrecht zu kennen sei keine besondere Weisheit, da es nicht schwer sei, zu verstehen, wovon die Gesetze reden. Aber das ist ja nur mitfolgend das Recht: Recht an sich ist, was in konkret bestimmter Weise getan und zugeteilt wird. Und hier immer das Richtige herauszufinden, erfordert mehr als z. B. die medizinischen Heilmittel zu kennen. Denn auch hier ist es leicht, die Wirkung von Honig, Wein und Nieswurz, vom Brennen und Schneiden zu kennen; aber zu wissen, wie und bei wem und wann man alles dieses anwenden mu, damit es der Gesundheit diene, ist gerade so schwer, als Arzt zu sein.
Eben darum meint man auch, der Gerechte sei ebensogut imstande, Unrecht zu tun, weil der Gerechte ebensogut, ja, noch besser, die einzelnen Handlungen der Ungerechtigkeit ausfhren knne; ebensogut knne er einem Weibe beiwohnen und Schlge austeilen, als der Mutige den Schild wegwerfen, dem Feinde den Rcken kehren und Hals ber Kopf davon laufen knne. Aber feige sein und Unrecht tun heit nicht eben Handlungen der Feigheit und Ungerechtigkeit begehen auer mitfolgend, sondern sie aus einem bestimmten Habitus heraus begehen, grade so wie Arztsein und Heilen nicht heit schneiden oder nicht schneiden, Arzneien geben oder nicht geben, sondern es in konkret bestimmter Weise tun.
Das Recht hat seine Stelle unter Wesen, die an den Gtern schlechthin teilhaben und davon ein Zuviel und ein Zuwenig haben knnen. Es gibt Wesen, die kein Zuviel davon haben knnen, und dies sind vielleicht die Gtter, und wieder Andere gibt es, unheilbar Schlechte, denen kein Teil davon ntzt, sondern alles schadet, und endlich gibt es solche, denen sie innerhalb bestimmter Grenzen ntzlich sind. Darum ist das Recht eine menschliche Angelegenheit.