
Sechstes Kapitel.
[Distributive Gerechtigkeit]
Da aber der Ungerechte wie das Unrecht die Gleichheit verletzen, so gibt es offenbar auch ein Mittleres zwischen dem Ungleichen. Es ist das Gleiche. Denn bei jeder Handlung, bei der es ein Mehr und ein Weniger gibt, gibt es auch ein Gleiches. Ist demnach das Unrecht ungleich, so ist das Recht gleich, wie brigens auch jedem ohne Beweis einleuchtet. Da aber das Gleiche ein Mittleres ist, so ist also auch das Recht ein Mittleres.
Gleiches kann sich in nicht weniger Dingen finden als in zweien. Nun mu das Recht ein Mittleres, Gleiches und Relatives*) sein, das heit eine Beziehung auf bestimmte Personen haben. Also mu es als ein Mittleres die Mitte zwischen bestimmten Momenten, dem Mehr und dem Weniger, sein; als ein Gleiches mu es ein Gleiches von zweien Dingen, und als Recht mu es ein solches fr gewisse Personen sein. Somit fordert das Recht mindestens eine Vierheit. Denn zwei sind der Personen, fr die es ein Recht gibt, und zwei der Sachen, in denen ihnen ihr Recht wird. Und es mu dieselbe Gleichheit bei den Personen, denen ein Recht zusteht, vorhanden sein, wie bei den Sachen, worin es ihnen zusteht: wie die Sachen, so mssen auch die Personen sich verhalten. Sind sie nmlich einander nicht gleich, so drfen sie nicht gleiches erhalten. Vielmehr kommen Zank und Streit eben daher, dass entweder Gleiche nicht Gleiches oder nicht Gleiche Gleiches bekommen und genieen. Das ergibt sich auch aus dem Moment der Wrdigkeit. Denn darin, dass eine gewisse Wrdigkeit das Richtma der distributiven Gerechtigkeit sein msse, stimmt man allgemein berein, nur versteht nicht jedermann unter Wrdigkeit dasselbe, sondern die Demokraten erblicken sie in der Freiheit, die oligarchisch Gesinnten in Besitz oder Geburtsadel, die Aristokraten in der Tchtigkeit.
Das Recht ist demnach etwas Proportionales. Proportionalitt findet sich nmlich nicht blo bei der aus Einheiten bestehenden Zahl, sondern auch bei der Zahl berhaupt. Proportionalitt ist Gleichheit der Verhltnisse und verlangt mindestens eine Vierheit, worin sie sich finde. Dass die diskrete Proportionalitt sich in mindestens vier Gliedern finden mu, ist klar; aber es gilt ebenso von der kontinuierlichen. (1131b) In ihr wird eins wie zwei verwandt und zweimal gesetzt, z. B. in der Proportion: wie die Linie a zu b, so verhlt sich die Linie b zu c. Hier wird b zweimal genannt, und so bekommt man, wenn man b doppelt zhlt, vier Glieder.
So setzt also auch das Recht mindestens vier Glieder voraus, unter denen dasselbe Verhltnis besteht. Denn die Personen sind nach demselben Verhltnis unterschieden wie die Sachen. Es verhalte sich also wie Glied a zu b, so Glied c zu d, und also auch umgekehrt, wie Glied a zu c, so Glied b zu d. So wird sich denn auch in derselben Weise das Ganze zum Ganzen verhalten, und das ist die Verbindung, die die Zuerteilung vornimmt, und wenn sie die Personen und Sachen so zusammenstellt, so geschieht die Verbindung in gerechter Weise.
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*) Die Klammern um kai pros ti 1131a 16 lassen wir mit Sus. weg.