Neuntes Kapitel.
[Zusammenfassende Definition von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit]


So wre denn erklrt, was das Unrecht und was das Recht ist. Aufgrund der gegebenen Bestimmungen sieht man nun auch, dass die Ausbung der Gerechtigkeit die Mitte ist zwischen Unrecht tun und Unrecht leiden. Jenes heit zu viel, dieses zu wenig haben. Die Gerechtigkeit ist aber nicht in derselben Weise eine Mitte wie die brigen Tugenden, doch ist sie es insofern, als sie die Mitte herstellt, whrend die Ungerechtigkeit die Extreme hervorbringt.

(1134a) Nherhin ist die Gerechtigkeit jene Tugend, kraft deren der Gerechte nach freier Wahl gerecht handelt und bei der Austeilung, handele es sich nun um sein eigenes Verhltnis zu einem anderen oder um das Verhltnis weiterer Personen zu einander, nicht so verfhrt, dass er von dem Begehrenswerten sich selbst mehr und den anderen weniger zukommen lt und es beim Schdlichen umgekehrt macht, sondern so, dass er die proportionale Gleichheit wahrt, und dann in gleicher Weise auch einem anderen mit Rcksicht auf einen Dritten zuerteilt.

Die Ungerechtigkeit ist umgekehrt jenes Laster, das freiwillig ungerecht handeln und ungerecht austeilen macht. Das Ungerechte liegt aber in einem der Proportionalitt zuwiderlaufenden Zuviel und Zuwenig des Ntzlichen oder Schdlichen. Darum ist die Ungerechtigkeit gleichzeitig ein Zuviel und ein Zuwenig, weil sie nmlich auf das Zuviel und das Zuwenig gerichtet ist, so zwar, dass sie fr sich selbst ein Plus des schlechthin Ntzlichen und ein Minus des Schdlichen vorsieht, bei Anderen aber im Ganzen gleich ungerecht verfhrt, nur dass es vom Zufall abhngt, wie auf beiden Seiten das richtige Verhltnis verletzt wird. Beim ungerechten Hergang liegt das Zuwenig im Unrechtleiden, das Zuviel im Unrechttun.

So viel sei denn gesagt ber die Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit und die Natur beider, und ebenso ber Recht und Unrecht im allgemeinen.


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