Sittlich

Sittlich. (Schne Knste) Bezeichnet zwar alles, was zu den Sitten gehrt, aber das Wort wird auch besonders im Gegensatz des Leidenschaftlichen gebraucht, so wie die Griechen das . ... von dem pa... unterschieden haben und in diesem Sinn haben wir es an vielen Stellen dieses Werks gebraucht. Demnach ist das Sittliche in Werken des Geschmacks das, was uns Vorstellungen von Sitten, von Gesinnungen, Gemtsart, Handlungsweise und Maximen erweckt, insofern sich dabei keine merklich starke Leidenschaften uern; oder berhaupt, was uns den Menschen in einem ruhigern Gemtszustand vorstellt. Es gibt also sittliche Schilderungen, sittliche uerungen, eine sittliche Schreibart, wie es eine pathetische gibt.

  Das Sittliche rhrt mit weniger Kraft als das Leidenschaftliche; es kann nie erschttern, nie das Herz zerreien, noch in heftige Bewunderung setzen. Aber man wrde sich sehr irren, wenn man daraus schlieen wollte, es habe berhaupt in den schnen Knsten einen geringern Wert als das Leidenschaftliche. Nur auf Menschen von etwas grberen Stoffe, die nicht sehr empfindsam sind, kann man nicht anders als durch das Leidenschaftliche wirken; aber feinere Gemter werden auch durch das blo sittliche, zwar nicht ungesthm, aber doch unwiderstehlich angegriffen. Es geht in der sittlichen Welt, wie in der krperlichen. Wenigdenkende, unachtsame und unwissende Menschen werden nur von auerordentlichen sehr stark in die Sinne fallenden Begebenheiten der Natur, durch Sturm, Donner, Erdbeben, Feuersbrnste und dergleichen, zu einiger Aufmerksamkeit und Empfindung gereizt; weniger in die Augen fallende Dinge als die bewunderungswrdige Ordnung, nach welcher alles, was zur Erhaltung und Fortpflanzung der Geschpfe ntig ist, unvermerkt bewirkt wird, rhren sie nicht; aber Denker, feinere und empfindsamere Menschen, finden in diesen stilleren Begebenheiten einen weit reichern Stoff zum Vergngen und zur stillern Bewunderung als in jenen rauschenden. So ist es auch in dem Reiche des Geschmacks. Eine Komdie, eine Erzhlung oder irgend ein anderes Werk der Kunst, darin blo feinere sittliche Gegenstnde geschildert worden, wie belustigend oder rhrend, wie edel oder wie gro sie auch an sich seien oder wie vortrefflich der Knstler sie behandelt habe, wird Menschen von etwas stumpfen Sinne wenig gefallen; desto mehr Vergngen aber findet der feinere Geschmack darin. So gefllt auch eine feuerige oder pathetische Schreibart dem gemeinsten Leser, aber die blo sittliche, gelassene, wie vortrefflich sie auch sonst sei, hat nur den Beifall der Kenner.

Es ist aber auch leicht zu sehen, dass weit mehr dazu gehrt durch das Sittliche als durch das Leidenschaftliche zu gefallen. Bei diesem ist es oft schon hinreichend, dass man lebhaft empfinde oder einen sehr stark in die Augen fallenden Gegenstand ergreiffe; jenes aber erfordert schon feinere Bemerkungen und folglich auch zum Ausdruck mehr Kenntnis und Kunst. Einem Maler muss es sehr viel leichter sein einen Menschen zu zeichnen, der sich vor heftigen Schmerzen windet und das Gesicht verzerret als einen, an dem man bei ruhiger Stellung und gelassener Mine allerhand sorgsame Gedanken wahrnehmen knnte. Und so ist es mit jedem anderen blo sittlichen Gegenstande beschaffen.

 Das Leidenschaftliche erweckt mehr Empfindung als Gedanken; beim Sittlichen denkt man mehr als man empfindet. Deswegen kann man sich auch mit diesem weit lnger und anhaltender beschftigen als mit jenem. Denn in Gedanken herrscht weit mehr Mannigfaltigkeit als in Empfindungen; und weil sie nicht so stark angreifen als diese, so ermden sie auch weniger.

 Damit wollen wir gar nicht sagen, dass fr die Werke des Geschmacks jeder sittliche Gegenstand, jedem leidenschaftlichen vorzuziehen sei. Es kommt hier auf die Absicht des Werks und auf die Personen an, fr die es bestimmt ist. Ein Redner, der vor der groen Menge spricht, muss seinen Stoff ganz anders whlen und behandeln als wenn er es blo mit feinern denkenden Kpfen zu tun hat; und wenn es darauf ankommt schnell, stark und allenfalls auch nur vorbergehend zu rhren, so muss man ganz anders verfahren als wenn man den Zuhrer auf immer belehren oder berzeugen will. Eine ruhige und sittliche Schreibart, auch ein mndlicher Vortrag von diesem Charakter, schickt sich zu einem ruhigen und sittlichen Inhalt, aber feuerig und leidenschaftlich muss beides sein, wenn der Stoff der Rede stark leidenschaftlich ist. ber das Sittliche der Schreibart des Redners gibt Quintilian einige grndliche Lehren, auf die wir uns Krze halber beziehen.1

 

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1 Inst. L. VI. c 2.


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Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
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