Satz; Setzkunst

Satz; Setzkunst. (Musik) Das Erfinden und Ausarbeiten eines Tonstcks wird allgemein das Setzen genannt, weil der Erfinder eines solchen Stckes die Tne, so wie er dieselben in der Harmonie und Melodie empfindet, durch Noten ausdrckt oder setzt. Oft wird dieses auch der Kontrapunkt genannt, weil in ltern Zeiten die Noten bloe Punkte waren und die meiste Arbeit der Tonsetzer darin bestand, dass sie zu einem bekannten einstimmigen Gesange noch andere Stimmen setzten; da sie denn gegen einen vorhandenen Punkt, noch andere zu setzen hatten.1

 Jetzt bezeichnet man durch das Wort Satz bisweilen gar alles, was zu Erfindung und Aufzeichnung eines Tonstcks gehrt; alles, was der Erfinder desselben zu tun hat, um es anderen zur Ausfhrung vorzulegen. Doch scheint es, dass man allgemein dem Worte eine etwas eingeschrnktere Bedeutung gebe und nur die Arbeit dadurch ausdrcke, die nach bestimmten und einigermaen mechanischen Regeln geschieht, durch deren Beobachtung die das Ohr beleidigenden Fehler vermieden werden. Man hrt oft von einem Stck, das, nach einem gemeinen Ausdruck, weder Saft noch Kraft hat, sagen, es sei im Satze richtig, das ist, es sei nichts gegen die bekannten Regeln, nichts dem Gehr anstiges darin. Daher kommt es denn, dass mancher sich einbildet, er verstehe die ganze Kunst Tonstcke zu setzen, wenn er dergleichen Fehler zu vermeiden wei.

 In diesem eingeschrnkten Sinn genommen, ist der Satz fr die Musik, was die Grammatik fr die Sprache. Man kann vollkommen grammatisch, das ist sehr verstndlich, deutlich und rein sprechen, ohne etwas zu sagen, das Aufmerksamkeit verdient; und in der Musik kann man sehr rein setzen und doch ein elendes Tonstck machen. Diese Kunst hat mit allen schnen Knsten das gemein, dass sie erstlich Genie und Geschmack erfordert, um, nach Beschaffenheit der Absicht, das zu erfinden und zu whlen, was dem Werk seine Kraft geben soll und denn die Fertigkeit das erfundene so vorzutragen oder auszudrcken, wie es die mechanischen Regeln der Kunst zu Vermeidung alles Anstoes erfordern. Nur dieser zweite Punkt ist bestimmten Regeln unterworfen, die man, ohne Genie und Geschmack zu haben, lernen und beobachten kann.

 Wenn man also unter dem Worte Satz nur die Kenntnis und Beobachtung dieser Regeln versteht, so ist er eine leicht zu lernende Sache. Kenntnis der Harmonie, der Behandlung der Konsonanzen und Dissonanzen, der Modulation, des Takts und Rhythmus, ist alles, was dazu gehrt. Aber auch dieses wenige nicht blo zu wissen, sondern nach den Regeln auszuben, erfordert, dass man auer der Kenntnis der Re

geln, ein Gefhl derselben habe. Es wre mglich, dass man einem tauben Menschen diese Regeln des Satzes begreiflich machte und dass er in einem geschriebenen Tonstck die Fehler gegen dieselben entdeckte: dennoch wrde er sie bei Auffhrung des Stcks nicht fhlen, noch im Stande sein etwas nach den ihm sehr bekannten Regeln zu setzen.

 Wer demnach den blo mechanischen Satz nicht nur verstehen, sondern zur Ausbung besitzen will, muss doch schon eine groe Fertigkeit haben, Gesang und Harmonie sehr deutlich zu vernehmen, das angenehme und widrige, das wolflieende und das harte darin mit voller Klarheit zu empfinden. Hierzu aber wird noch auer dem feinen Gehr sehr groe bung erfordert. Man wrde vergeblich unternehmen, einem Menschen, der weder singen noch spielen kann, die Regeln des Satzes zur Ausbung beizubringen. Es kann sein, dass er sie fasst und ihre Richtigkeit einsieht; aber ausben wird er sie nie. Dieses Ausben ist in der Tat nichts anders als Gesang und Harmonie, die man empfindet als hrte man sie, so in Noten zu setzen, wie man sie empfindet und danach das, was etwa darin anstig und gegen die Regeln sein mchte, zu verbessern.

 Hieraus ist abzunehmen, dass nur derjenige den Satz zu Beurteilung oder Erfindung eines Tonstcks anwenden knne, der es durch ein gutes Gehr und durch bung so weit gebracht hat, dass er einer Seits, wenn er ein geschriebenes Tonstck steht, den Gesang und die Harmonie desselben zu empfinden und wenn er ein Stck hrt, es in Noten zu schreiben, im Stande ist. Folglich muss die Fertigkeit der Ausbung der Musik der Erlernung des Satzes vorhergehen.

 Dieses wird auch berall beobachtet: und hierin zeigen die Meister in der Setzkunst, die verstndige berlegung, die den Schullehrern zu erstaunlicher Quaal und zu unersetzlichem Zeitverlust der Jugend, fast durchgehends fehlt. Sie sind so unverstndig, dass sie der Jugend den Satz, das ist die Grammatik der Sprache lehren, ehe ihnen die Sprache selbst verstndlich ist. Das heit einem, der noch nicht hrt, sondern das Hren selbst nach und nach lernen soll, den Satz der Musik lehren. Wenn man in der Musik so verfhre, so wre die Zeit des Unterrichts eben so verloren als sie es in den Schulen ist.

 Man fngt also in der Musik mit Recht von der Ausbung an. Der knftige Tonsetzer lernt zuerst singen und spielen. Dadurch bekommt er Empfindung von Harmonie und Melodie; lernt einen melodischen Satz ins Gehr fassen, das leichte und schwere desselben empfinden; bekommt ein sicheres Gefhl von Tonarten, von dem was die, entweder zugleich oder nach einander, ins Gehr fallenden Tne harmonisches oder unharmonisches haben; bringt es endlich so weit, dass er viele zugleich klingende Tne einzeln von einander unterscheidet und zu sagen wei, wann auch ein mehrstimmiges Stck gespielt wird, was fr Tne jede Stimme hat. Dieses ist gerade das, was man in Absicht auf eine Sprache nennt, sie knnen, das ist, nicht nur das, was andere sprechen, verstehen, sondern auch seine eigenen Gedanken in dieser Sprache ausdrcken knnen.

 So wie nun in Absicht auf Sprachen und redende Knste, nur der, der eine Sprache wirklich spricht, im Stand ist, so wohl die Grammatik derselben als das, was zur Beredsamkeit gehrt, deutlich zu fassen, so ist es auch in der Musik, wo nur der den Satz lernen kann, dem die Sprache der Musik bereits gelufig worden.

 Und hier zeigt sich noch eine hnlichkeit zwischen der Musik und den redenden Knsten, die Aufmerksamkeit verdient. Mancher der eine Sprache blo aus dem gemeinen Gebrauch gelernt hat, bringt es, ohne weitere Anleitung dahin, dass er ein guter Redner oder Dichter wird. Und so geschieht es auch, dass ein Snger oder Spieler, ohne weiteren Unterricht ein Tonsetzer wird. Solche ungelehrte Setzer, werden allgemein Naturalisten genannt. Hier mssen wir nun der Wichtigkeit der Sache halber anmerken, dass es weit leichter ist in Beredsamkeit und Poesie ein guter Naturaliste zu werden als in der Musik. Der Satz hat eine Menge solcher Regeln, die schwer zu entdecken sind und vielerlei Kunstgriffe, auf die man erst durch mancherlei Erfahrungen gefallen ist. Es ist allemal hchst unwahrscheinlich, dass der beste Naturaliste sie alle entdecken werde. Der Tonlehrer, der sich ein eigenes Geschfte daraus macht, alle vorhandene Regeln des Satzes zu prfen, ihre Grnde zu erforschen, sie auf wenige einleuchtende Grundstze zu bringen, alle Kunstgriffe in den Werken der besten Tonsetzer zu entdecken, ihrem Ursprung und ihrem Nutzen nachzudenken u.s.w. ist im Stande, dem, der die Sprache der Musik versteht, in kurzer Zeit alle Regeln, Knste und Vorteile des Satzes beizubringen, von denen er selbst vielleicht die wenigsten wrde entdeckt haben.

 Es scheint mir um so viel ntiger dieses denen, die sich um den Satz bekmmern, zu empfehlen, da es izt mehr als ehedem, gewhnlich wird, dass bloe Snger oder Spieler sich einbilden, sie knnen zu einer hinlnglichen Fertigkeit im Satze kommen, wenn sie ihn auch eben nicht schulmig gelernt haben. Wir wollen nicht in Abrede sein, dass es nicht hier, wie in anderen Knsten, auerordentliche Genie gebe, die ohne fremden Unterricht zu groer Fertigkeit in Ausbung des Satzes gekommen sind. Aber wie kein verstndiger Mensch aus dergleichen auerordentlichen Fllen und da man ohne eigenes Bestreben sehr reich oder mit aller Vorsichtigkeit um sein Vermgen gebracht wird, die Maxime ziehet, man soll sich keine Mhe geben etwas zu erwerben oder es sei vllig unntze, vorsichtig zu sein, um das seinige zu erhalten; so kann man dieses auch hier nicht tun. Wer den Satz nicht wohl gelernt hat, luft allemal Gefahr, dass er in seinen Sachen bei den angenehmsten, nachdrcklichsten und vortreflichsten Erfindungen, Fehler begehen werde, die anstig sind und die Werke seines Genies verunstalten. Oft merkt auch der Naturalist sehr wohl, dass einem durch bloes Genie ausgearbeiteten Stck etwas fehlt; aber worin der Fehler bestehe oder wie er zu verbessern sei, hindert die Unwissenheit der Regeln ihn einzusehen. Manche Stcke, besonders, wo mehrere konzertierende Stimmen zusammen kommen, erfordern ihrer Natur nach gewisse Kunstgriffe des Satzes, auf die nicht leicht einer von selbst verfllt2. Und auch in anderen Stcken ist es gar nicht selten, dass die schnsten melodischen Gedanken durch eine schlechte oder gezwungene Harmonie, die man aus Unwissenheit der Regeln dazu genommen hat, gar viel verlieren. Je mehr wirkliches Genie man zur Kunst hat, je wichtiger wird es, dass man die Regeln des Satzes auf das genaueste studiere; denn nur dem guten Genie werden sie recht ntzlich.

 Ich kann mich nicht enthalten diesen Artikel mit einer Anmerkung zu beschlieen, die mir mancher bel nehmen wird. Aber die Liebe zur Wahrheit ist bei mir strker als die Furcht getadelt zu werden. Hasse, der mit recht berhmte Hasse, ist gewiss ein Mann von wahrem Genie zur Musik. Aber man merkt in seinen Duetten, besonders, wenn man sie gegen die Graunischen hlt, den Mangel dessen, was Viele unntze Knsteleien nennen. Htte dieser sonst groe Mann den Satz so durchaus verstanden, wie Graun, so wrde er in solchen vielstimmigen Sachen, ihm den Rang eben so streitig machen als er es in Ansehung der Arien tut. Aber in jenen ist er wahrhaftig weit unter ihm; blo weil er nicht alle Knste des Satzes so genau verstand wie Graun. Dieses sei allen jungen Tonsetzern zur Warnung gesagt.

 brigens kann ich mich hier in keine nhere Betrachtung des Satzes einlassen, sondern verweise deshalb auf das Kirnbergerische Werk, das mir in allen besonderen den Satz betreffenden Artikeln zum Wegweiser gedient hat und das, wenn, wie bald zu erwarten ist, der zweite Teil wird hinzugekommen sein, das vollstndigste, grndlichste und zugleich verstndlichste Werk sein wird, das bis dahin ber den Satz geschrieben worden.

 

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1 S. Kontrapunkt

2 Doppelter Kontrapunkt; Duett, Quartet.

 


 © textlog.de 2004 07.09.2026 07:02:42
Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
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