Szene. (Schauspielkunst) Wir nehmen hier das Wort nicht in der abgeleiteten Bedeutung fr einen einzelnen Teil des Drama, den man sonst Auftritt nennt;1 sondern verstehen dadurch den Ort, wo die Handlung des Schauspiels vorfllt. In diesem Sinne hat das Wort eine weitere oder engere Bedeutung, da es entweder das Land und den Ort oder insbesonder den Platz anzeigt, nmlich, ob die Handlung unter freiem Himmel auf einen ffentlichen Platz oder in einem Hause vorgeht. Wir wollen jenes die allgemeine, dieses, die besondere Szene nennen.
Im Trauerspiel, das seinen Stoff meistenteils aus der Geschichte nimmt, ist die allgemeine Szene schon durch den Inhalt des Stcks bestimmt. Die Komdie aber, deren Inhalt erdichtet ist oder die doch meistenteils erdichtete Personen whlt, trifft auch eine Wahl ber die allgemeine Szene. Sie ist nicht gleichgltig; denn auch hier muss nicht nur die Wahrscheinlichkeit beobachtet werden, dass die Sitten der Personen und das was geschieht, dem Ort angemessen seien; sondern auch zur Tuschung und zur Wirkung des Stcks kann die Szene das ihrige beitragen.
Verschiedene Dichter lassen die allgemeine Szene der Komdie vllig unbestimmt und der Zuschauer hat die Wahl, in welches Land und in welche Stadt er sich in der Einbildung versetzen wolle. Dies scheint mir ein Mangel zu sein. Wer ein Mhrchen oder eine Parabel erzhlt, hat eben nicht ntig zu sagen, wo man sich die Sache, die sich nirgend zugetragen hat als geschehen vorstellen soll. Aber die Komdie kann uns schon durch den Ort, wo sie vorgefallen ist, zum voraus interessieren, besonders wenn wir den Ort kennen oder ihn zu kennen wnschten: und wenn uns die dort herrschenden Sitten schon bekannt sind; so kann die bereinstimmung dessen, was wir in der Vorstellung sehen, mit dem was wir bereits wissen, viel zur Wahrscheinlichkeit beitragen. Wenn die Komdie nicht blo belustigen oder nicht blo allgemeine allen Menschen gleichntige Lehren geben, sondern auf die besonderen Sitten der Zuhrer Einfluss haben soll; so muss die Szene nicht in fremde Lnder verlegt, sondern in der Nhe genommen werden.
Aber eine genauere berlegung erfordert die Wahl der besonderen Szene und die Sache verdient hier die Anregung um so mehr, da nicht selten betrchtliche Unschicklichkeiten ber diesen Punkt vorfallen. Ich sehe zwar wohl, dass man wegen der groen Schwierigkeit der Sache, nicht alles so sehr genau nehmen kann: doch kann ich, so nachgebend ich auch zu sein mir vornehme, mich nicht enthalten, etwas sehr widriges und unnatrliches dabei zu empfinden, wenn ich sehe, dass ein Vorzimmer oder ein Flur des Hauses, der ein allgemeiner Durchgang fr Bediente und Fremde ist, bisweilen zu geheimen Beratschlagungen gebraucht wird; oder wenn in einem Privathause so mancherlei Personen, die dahin nicht gehren, durcheinander laufen oder sich so begegnen, wie nur auf ffentlichen Pltzen gewhnlich ist. Wenn das, was ber diese Materie zu sagen ist, ausgefhrt werden sollte; so msste man sich in eine nhere Betrachtung aller Geheimnisse der dramatischen Kunst einlassen. Wir wollen von dem wesentlichen des Drama nur so viel anfhren als ntig ist, um das was zu der Wahl der besonderen Szenen gehrt, zu beurteilen.
Ich glaube guten Grund zu haben aus der Beschaffenheit der griechischen Trauerspiele zu schlieen, dass ihre Verfasser sich zur Hauptmaxime gemacht haben, eine bekannte wichtige Handlung, so wie sie an einem bestimmten Ort hat vorfallen knnen, auf eine dem Zweck ihres Trauerspiels geme Weise zu schildern. Nach der allgemeinen Wahl der Materie scheint ihre erste Sorge auf die Wahl einer schicklichen Szene gerichtet gewesen zu sein; da sie es fr ein Grundgesetz hielten, diese Szene durchaus unverndert beizubehalten, konnte ihnen nicht einfallen etwas vorzustellen oder dem Zuschauer etwas von der Handlung sehen zu lassen, das an einem anderen Orte vorgefallen. Gehrte etwas, das ausserhalb dieser einzigen unvernderlichen Szene vorgefallen war, notwendig mit zur Handlung, so wuten sie die Erzhlung oder die bloe Erwhnung desselben, wenn diese schon hinlnglich war, den auf der Szene erscheinenden Personen, auf eine schickliche Weise in den Mund zu legen. Nun ging also ihre Hauptbemhung darauf, wie sie diese einzige unvernderliche Szene, die gleichsam der Pol war, nach welchem sie ihre Fahrt einrichteten, wrdig anfllen knnten. Dass sie Genie genug dazu gehabt haben, liegt am Tage.
Hingegen kommt es mir vor, dass die Neueren nach einer anderen Grundmaxime verfahren. Nicht die besondere Szene ist der Pol, der ihren Lauf leitet; sondern die Handlung, die Charaktere, und berhaupt das, was sie vorzustellen sich schon vorgenommen haben. Nach diesem Bedrfnis muss die Szene, so oft es ntig ist, sich verndern. Wir haben so gar Stcke, die keine Haupthandlung haben, wo der Dichter sich zur Grundmaxime gemacht hat, um den Charakter seiner Hauptperson recht zu schildern, aus seinen Taten von mehreren Jahren, das heraus zu suchen, was zu der Schilderung dient.2 Kurz bei den meisten Neueren hat die Betrachtung der Szenen gar keinen Einfluss auf die Wahl des besonderen in der Materie, sondern diese ziehet die Szenen nach sich; da bei den Alten, die Szene jenes nach sich zog.
Es ist hier der Ort nicht zu untersuchen, welche von diesen beiden Arten zu verfahren, die beste sei. Nur im Vorbeigange bemerken wir, dass die letztere fr die Gemchlichkeit des Dichters, bequemer als jene sei und dass sie auch weniger Erfindungskraft erfodere. Denn es ist ungleich leichter, aus der Geschicht eines Menschen das herauszusuchen, was seinen Charakter ins Licht setzt; oder wenn die Geschicht es nicht darbietet, etwas in dieser Absicht zu erdenken, wenn man durch die Szene nicht gebunden wird; als solche Sachen gerade fr diese schon bestimmte Szene, die fr die ganze Handlung dieselbe bleibt, auszudenken. Dieses beiseite gesetzt, merken wir hier nur so viel an, dass die Behandlung, nach der Maxime der Neuern, die bestndige Vernderung der Szene notwendig mache. Wird dieses gehrig beobachtet, so ist dann der Dichter, so bald man nur die Grundmaxime seines Verfahrens gut geheien hat, (und sie ist wirklich als eine besondere Art, gar nicht zu verwerfen) nicht mehr zu tadeln.
Nun kommt aber noch eine dritte Behandlungsart vor, welche sich eigentlich an gar kein Grundgesetz mehr bindet. Weder die Szene, noch die Natur der Handlung, noch die Charaktere bestimmen die Wahl des Einzelnen; sondern der Dichter nimmt von der Handlung alles mit, was ihm einfllt, wenn er nur glaubt, dass es dem Zuschauer von irgend einer Seite her gefalle. Da kommen Zeit und Ort gar nicht mehr in Betrachtung. Der Dichter hat, ohne die geringste Rcksicht, dass jedes, was geschieht, notwendig eine gewisse Zeit erfodere und an einem schicklichen Orte geschehen msse, seine ganze Handlung so eingerichtet, wie es etwa bei einer bloen Erzhlung geschieht, da weder Zeit noch Ort der Handlung Einfluss auf die Erzhlung haben knnen. Aus einem solchen Verfahren, das nun freilich fr den Dichter die wenigsten Schwierigkeiten hat, entstehen denn die hufigen Unschicklichkeiten in Ansehung der Szenen. Der Dichter denkt: Sei es, wie es wolle, jetzt mssen die Leute nach meinem Plan dieses tun und so sprechen. Die Zeit sei dazu hinlnglich und der Ort schicklich oder nicht, daran hab ich mich nicht zu kehren. So gnzlich htte man doch schwachen oder gemchlichen Dichtern zu gefallen, das Drama nicht von allen Banden losmachen sollen, weil zuletzt zwischen der Dramatischen und Epischen Kunst kein Unterschied mehr bleibt.
Wie wohl diese Beobachtungen aus der verschiedenen Art, wie die Alten und Neuen die Tragdie behandeln, gezogen sind, so ist es leicht alles auch auf die Komdie anzuwenden. Man wird berhaupt daraus abnehmen, dass der Dichter sich schlechterdings nach der Szene zu richten habe, es sei nun, dass er sie unvernderlich durch die ganze Handlung beibehalte oder vielfltig abndere. Dieses schliet denn freilich manchen Einfall, den er bei Ausarbeitung seines Stckes hat als unbrauchbar aus, so gut er sonst auch sein mchte. Aber eben darum weil er ein Dichter ist, ein Dichter aber Genie und Erfindungskraft haben muss, fordert man von ihm, dass er anstatt des hier unschicklichen, was ihm eingefallen ist, etwas eben so Gutes, das sich zugleich fr diesen Ort schickt zu erfinden wisse.
Diejenigen, die den Dichter gern von gar allen Banden befreien und seiner Einbildungskraft vllig freien Lauf lassen mchten, (und diese Kezerei reit bei uns immer mehr ein) bedenken nicht, dass dadurch zuletzt alle Kunst aufgehoben wird und dass man auf dem Weg, den sie so sehr anpreisen, wieder auf die autoschediasmatischen Werke, die der Kunst vorhergegangen sind zurck kommt.3 Wenn der Dichter von allen Zwang frei sein soll, so muss man ihn auch von dem Vers erledigen, der ihm unstreitig Zwang antut.
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1 S. Auftritt.
2 Hievon ist das krzlich herausgekommene Stck, Gz von Berlichingen die neueste Probe. Ich habe nichts gegen den Wert solcher Stcke, die man piees a tiroir nennen knnte, zu erinnern. Nur muss man sie nicht fr Muster der Tragdie berhaupt ausgeben, sonst geht die Kunst des Sophokles ganz verloren; denn wre der Verlust doch grer als der gnzliche Mangel solcher Trauerspiele der neuesten Art.
3 S. Dichtkunst. S. 253 .