Machtspruch. (Redende Knste) Ein Satz, der sich durch eine vorzgliche Kraft der Wahrheit oder durch besondere Gre auszeichnet oder auch von der Zuversichtlichkeit, womit der Redner ihn vortrgt, Strke oder Gewissheit bekommt. Cicero hat die in der Rede hervorstechenden Gedanken Lichter, lumina Orationis genannt; die Machtsprche knnten Blize fulgura Orationis genannt werden. Von dieser Art ist der Ausspruch des Stoikers Hierokles: die Wollust fr den letzten Endzweck halten, ist eine Lehre fr H. [s. Aul. Gell. Noct. L. IX. c. 5.] Diese wenigen Worte zeigen uns die Lehre der ausgearteten Epikurer*) in einem Lichte, das uns ihre vllige Falschheit und Niedertrchtigkeit anschauend erkennen lsst. Von dieser Art ist auch das Wort des Philosophen Bias: als einige nichtswrdige Kerle, mit denen er sich auf der See befand, bei entstandenem Sturm zu beten anfingen, ruft er ihnen zu: Schweigt ihr! damit die Gtter nicht merken, dass ihr da seid. [Diogenes Laertius]
Der Charakter der Machtsprche besteht demnach in Wahrheit oder Gre, mit ungemeiner Krze und Nachdruck verbunden. Sie bewirken ohne Veranstaltung, berzeugung und Bewunderung und man fhlt sich dabei so mchtig ergriffen, dass man nicht anders denken oder empfinden kann. Sie gehren deswegen unter die hchsten und wichtigsten Schnheiten der Beredsamkeit und Dichtkunst, weil sie wichtige und zugleich dauerhafte Eindrcke machen. Was man erst durch langes Nachdenken wrde erkennt oder nach langem Bestreben wrde gefhlt haben, kommt uns dabei pltzlich und wie durch ein Wunderwerk in das Gemt. Sie sind als kostbare Juweelen anzusehen, sowohl durch den Glanz ihrer Schnheit als durch innerlichen Wert, hchst schtzbar.
Man sieht wohl ein, dass nur die grten Geister fhig sind, solche Machtsprche zu tun; Kpfe denen nach langem und grndlichem Nachdenken die wichtigsten sittlichen Wahrheiten in der hchsten Klarheit so gelufig worden, dass sie dieselben mit dem vollesten Nachdruck auf die einfachste und krzeste Art sagen knnen; Seelen die durch lange bung ihrer sittlichen Krfte, sie zu einer Hhe gebracht haben, wo ihnen leicht wird, was anderen starke Anstrengung kostete.
Wenn der Redner ein Mann von Ansehen ist, fr dessen Denkungsart wir zum voraus eingenommen sind, so hat ein Machtspruch, dessen Wahrheit wir nicht einsehen, in seinem Munde die Kraft uns zu berreden. Die Denker selbst unterstehen sich kaum an den Aussprchen, die groe Mnner mit vllig zuversichtlichem und entscheidendem Ton vortragen, zu zweifeln; aber fr andre, selber wenig denkende Kpfe, macht das Vorurteil des Ansehens, sie vllig zu unzweifelhaften Wahrheiten. Ein solcher Mann darf nur, um alle seine Zuhrer von einer gewissen Klasse pltzlich gegen eine Meinung einzunehmen, ihrer mit Verachtung erwhnen. Wenn er z.B. einen Satz etwa so anfinge: Es hat Narren gegeben, die dieses oder das geglaubt haben; so kann sicher sein, dass der grte Teil seiner Zuhrer sich nun nicht getraut, diese Sache zu glauben. Solche Machtsprche gehren unter die Kunstgriffe zur berredung. Hingegen werden sie auch den denkenden Kpfen, wenn der Redner selbst ein Mann von zweifelhaftem Ansehen ist, nur lcherlich. Darum sollen junge Redner und Schriftsteller, deren Ansehen noch nicht feste gesetzt ist, vornehmlich in Sachen, die noch einigem Zweifel unterworfen, sich solcher Machtsprche, wodurch sie wegen ihres geringen Ansehens mehr verderben als gut machen wrden, sich sorgfltig enthalten.
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*) Der Ausgearteten; denn Epikur war ein wahrer Philosoph, der so niedrig nicht dachte, wie seine spteren Nachfolger, die den wahren Geist seiner Lehre nicht zu fassen vermochten.