
Vierzehntes Kapitel.
[Die Billigkeit]
Hiernchst ist von der Billigkeit (Epikie) und dem Billigen zu handeln und zu erklren, wie sich die Billigkeit zur Gerechtigkeit und das Billige zum Recht verhlt. Denn bei nherer Betrachtung erscheinen beide weder als schlechthin einerlei, noch als der Gattung nach von einander verschieden; und einerseits loben wir das Billige und den billigen Mann in der Art, dass wir lobend diesen Ausdruck statt gut auch auf anderes bertragen und zu verstehen geben, (1137b) dass das Billigere das Bessere ist, anderseits erscheint es, wenn man sich an die Logik hlt, als ungereimt, dass das Billige Lob verdienen und doch vom Recht verschieden sein soll. Denn entweder ist das Recht nicht trefflich und gut, oder das Billige, wenn vom Recht verschieden, nicht gerecht, oder wenn beide trefflich und gut sind, sind sie einerlei.
Das ist es so ziemlich, weshalb sich fr den Begriff der Billigkeit Schwierigkeiten ergeben. Allein alles ist in gewisser Weise richtig, und von einem verborgenen Widerspruch, den es etwa einschlsse, kann keine Rede sein. Einerseits nmlich ist das Billige, mit einem gewissen Recht verglichen, ein besseres Recht, anderseits ist es nicht in dem Sinne besser als das Recht, als wre es eine andere Gattung. Recht und Billigkeit sind also einerlei, und obschon beide trefflich und gut sind, so ist doch die Billigkeit das Bessere. Die Schwierigkeit rhrt nur daher, dass das Billige zwar ein Recht ist, aber nicht im Sinne des gesetzlichen Rechts, sondern als eine Korrektur desselben. Das hat darin seinen Grund, dass jedes Gesetz allgemein ist und bei manchen Dingen richtige Bestimmungen durch ein allgemeines Gesetz sich nicht geben lassen. Wo nun eine allgemeine Bestimmung zu treffen ist, ohne dass sie ganz richtig sein kann, da bercksichtigt das Gesetz die Mehrheit der Flle, ohne ber das diesem Verfahren anhaftende Gebrechen im unklaren zu sein. Nichtsdestoweniger ist dieses Verfahren richtig. Denn der Fehler liegt nicht an dem Gesetze noch an dem Gesetzgeber, sondern in der Natur der Sache. Denn im Gebiet des Handelns ist die ganze Materie von vornherein so (dass das gedachte Gebrechen nicht ausbleibt). Wenn demnach das Gesetz allgemein spricht, aber in concreto ein Fall eintritt, der in der allgemeinen Bestimmung nicht einbegriffen ist, so ist es, in Betracht dass der Gesetzgeber diesen Fall auer acht lt und, allgemein sprechend, gefehlt hat, richtig gehandelt, das Versumte zu verbessern, wie es auch der Gesetzgeber selbst, wenn er den Fall vor sich htte, tun, und wenn er ihn gewut htte, es im Gesetze bestimmt haben wrde. Daher ist das Billige ein Recht und besser als ein gewisses Recht, aber nicht besser als das Recht schlechthin, sondern als jenes Recht, das, weil es keinen Unterschied kennt, mangelhaft ist. Und das ist die Natur des Billigen: es ist eine Korrektur des Gesetzes, da wo dasselbe wegen seiner allgemeinen Fassung mangelhaft bleibt. Dies ist auch die Ursache davon, dass nicht alles gesetzlich geregelt ist; denn ber manche Dinge lt sich kein Gesetz geben, so dass es hier eines Plebiszites bedarf. Das Unbestimmte hat ja auch ein unbestimmtes Richtma, hnlich wie bei der lesbischen Bauart ein bleiernes Richtma zur Verwendung kommt. Denn wie dieses Richtma sich der Gestalt des Steines angleicht und nicht dieselbe Lnge behlt, so gleicht das Plebiszit sich den besonderen faktischen Verhltnissen an.
So ist denn klar, was das Billige ist, und dass es ein Recht ist, und besser als ein gewisses Recht. Hieraus sieht man aber auch, wer der Billige sei: wer solches Recht will, whlt und bt, (1138a) und wer nicht das Recht zu Ungunsten anderer auf die Spitze treibt, sondern vom Rechte, ob es ihm gleich beisteht, nachzulassen wei, der ist billig und sein Habitus die Billigkeit, die eine Art Gerechtigkeit und kein von ihr verschiedener Habitus ist.