4. Newton


Isaak Newton, am Weihnachstage 1642, nach unserer Zeitrechnung am 5. Januar 1643, in dem Dorfe Woolsthorpe im stlichen England geboren, war als Knabe still und in sich gekehrt und machte in den Schulwissenschaften wenig Fortschritte, erlernte dagegen die gesamte Mathematik fast spielend und erfand schon mit 21 Jahren die Fluxionsrechnung. 1669 Professor in Cambridge, seit 1671 auch Mitglied der Royal Society, verffentlichte er erst 1687 seine groe Entdeckung von der allgemeinen Gravitation, auf die ihn bekanntlich ein vom Baume fallender Apfel zuerst gebracht haben soll, in seinem Werke: Philosophie naturalis principia mathematica. Spter zum Kgl. Mnzmeister ernannt und mit Ehren berhuft, starb er 1727. In den letzten Jahren hatte er sich stark mit mystischen Studien beschftigt.

Kant schreibt in seinem Nachlawerk (Altpr. Monatsschr.XIX, 596): Nun trat Newton auf und, als Philosoph fhrend, trug er eine mit dem Raum selbst identisch verknpfte und blo als sensibeler Raum anzusehende Kraft, Gravitationsanziehung genannt, in das Universum hinein als allgemeine Weltattraktion aller Krper durch den leeren Raum; welchem dynamischen Prinzip er ein anderes, nmlich das einer den Raum erfllenden Abstoung, beigesellete, und zwar a priori nach Prinzipien, weil sonst, wenn nur eine dieser bewegenden Krfte angenommen wird, der Raum leer, mithin gar nicht Gegenstand der Sinne sein wrde. Doch Newtons Bedeutung fr die Geschichte der Philosophie beruht nicht auf seinen naturwissenschaftlichen Einzelentdeckungen, selbst nicht auf jener grten, worin er brigens in seinem Landsmann Hooke (1635-1703) einen Vorlufer besitzt, sondern auf deren methodischer Begrndung. Auch er erscheint zunchst, wie Galilei, als bloer Empiriker. Hypothesen, sagt er am Schlsse seines groen Werkes, bilde ich nicht. Alles nmlich, was nicht aus den Erscheinungen gefolgert wird, ist als Hypothese zu bezeichnen; und Hypothesen, seien es nun metaphysische oder physikalische oder solche von verborgenen Eigenschaften oder mechanische, sind in der Experimentalphilosophie nicht am Platze. In dieser werden die Stze aus den Erscheinungen abgeleitet und durch Induktion verallgemeinert. So hat man die Undurchdringlichkeit, die Beweglichkeit, die Stokraft der Krper, die Gesetze der Bewegungen und der Schwere kennen gelernt. Es gengt ihm, dass die Schwerkraft wirklich existiert und nach den von uns auseinandergesetzten Gesetzen wirkt und zur Erklrung aller Bewegungen der Himmelskrper und unseres Meeres ausreicht Aber diese ngstliche Scheu vor Hypothesen bezweckt bei Newton nur die Entfernung aller unsicheren und unklaren Vorausannahmen aus dem Gebiete der experimentellen Naturwissenschaft oder, wie er nach dem Sprachgebrauch der Zeit sich ausdrckt, der Philosophie. Der Abweisung der substantiellen Formen und verborgenen Eigenschaften gilt der erste Satz seines Werkes. Statt dessen will auch er, wie die Neueren, die Naturerscheinungen auf mathematische Gesetze zurckfhren Daher der Titel seines Werkes: Mathematische Prinzipien der Naturphilosophie. Unsere Absicht ist es, fhrt jener erste Satz fort, die Mathematik auszubilden, soweit sie sich auf Naturwissenschaft (philosophia) bezieht. So will er, trotz jener buchstblichen Verwahrung gegen die Hypothesen, nichts anderes, als was Kopernikus, Kepler, Galilei und Huyghens wollten: nachdem er aus den Bewegungserscheinungen die Naturkrfte gefunden hat, aus diesen Krften, d. i. aus den Prinzipien der Mechanik mittelst mathematischer Stze alle brigen Erscheinungen, zuletzt das ganze Weltsystem, die Bewegungen der Planeten, Kometen, des Mondes und des Meeres ableiten.

Er kmpft zwar fr Anschauung und Erfahrung und will nur die letztere lehren, aber er begrndet sie nicht durch die sinnliche Wahrnehmung, sondern durch das reine, will sagen mathematische Denken. In Philosophicis mu man von den Sinnen absehen. Daraus, dass man Zeit, Raum, Ort und Bewegung nur nach ihrer Beziehung zum sinnlich Wahrnehmbaren (sensibilia) auffat, entstehen gewisse Vorurteile, zu deren Beseitigung es zweckmig ist, sie in absolute und relative, wahre und scheinbare, mathematische und gewhnliche Gren zu scheiden. Er verwahrt sich ausdrcklich dagegen, dass er durch Ausdrcke, wie Anziehung, Sto߫, Streben gegen den Mittelpunkt die Art oder Weise der Wirkung oder die Ursache oder den physikalischen Grund erklren oder den Zentren, die vielmehr mathematische Punkte seien, wirklich physikalische Krfte zuschreiben wolle: er betrachte diese Krfte nicht physice, sondern blo mathematice, d. i. nach ihrer mathematischen Seite. So sind seine Begriffspostulate (leges), welche die Begriffe der Masse, Ursache, Kraft, Trgheit, Raum, Zeit und Bewegung festsetzen, die Grundbegriffe der modernen Naturwissenschaft, Newton selbst deren erster Systematiken geworden.

Freilich fhrt Newton diese rein mathematische Theorie noch nicht bis zu ihren letzten Konsequenzen durch. Zwar hatte er durch die Erfindung der Fluxionsrechnung die unendlich kleinen Vernderungen in den rumlichen Ausdehnungen und in den Geschwindigkeiten whrend eines Zeitmoments in Rechnung gezogen, so dass nun das Gesetz der Wechselwirkung der Krper unmittelbar mathematisch formuliert werden konnte. Aber sein Begriff des absoluten Raumes enthielt Schwierigkeiten, die, von Berkeley und Leibniz ans Licht gezogen, erst von seinem deutschen Anhnger Leonhard Euler (s. Bd. II) korrigiert wurden. Und gerade seine groe Entdeckung, dass die Bewegungen der Himmelskrper sich durch dieselbe Schwerkraft erklren lassen, die wir als die Ursache des Falles der Krper auf unserer Erde betrachten, verleitete den Mann, der das stolze Wort gesprochen, er erdichte keine Hypothesen, zu der einen Hypothese von einer immateriellen Zentralkraft, die der Materie als Grundeigenschaft anhngt und in die Ferne wirkt.

Damit aber verband sich bei ihm noch eine andere Gedankenreihe. Er hatte eine Physik des Himmels geschaffen. Eine Welt lag vor ihm, ohne Willkr und Wunder, aber auch ohne Zweck und Absicht, rein auf sich selbst ruhend, sich selbst erhaltend. Geriet er damit nicht auf die Bahn des Materialismus und Atheismus, wie der neuen Naturwissenschaft von ihren orthodoxen Gegnern vorgeworfen wurde? In der Tat bedrngte diese Sorge sein aufrichtig frommes Gemt. Da bot sich ihm nun in eben jener Theorie einer fernwirkenden Zentralkraft ein Ausweg zu dem Gedanken, dass die Wechselwirkung der Krper im letzten Grunde auf einem geistigen Prinzip, dem Willen Gottes beruhe, fr den der gesamte Naturmechanismus nur ein Mittel zur Erfllung seiner Zwecke ist. Das Gebiet des Wissens ist hier zu Ende, das Gebiet des Glaubens tritt in seine Rechte. Die mechanische ordnet sich freiwillig der teleologischen Weltanschauung unter. Wir werden diesem Gedanken in der deistischen Aufklrungsphilosophie des 18. Jahrhunderts wieder begegnen. Er gehrt dem Menschen Newton an, nicht dem Begrnder der mathematischen Physik, dem Systematiker der naturwissenschaftlichen Prinzipien. Nur als solcher aber hat er gleich seinen Vorgngern Kepler, Galilei, Huyghens Bedeutung in der Geschichte der Philosophie.

 

Literatur: ber Newtons Methode vgl. Cassirer, Erkenntnisproblem Bd. II, 6. Buch. Steinmann, ber d. Einflu Newtons auf d. Erkenntnistheorie s. Zeit. Bonn 1913. - Sein Hauptwerk: Philosophiae naturalis principia mathematica, 3 Bde. 1687, zweite Aufl. mit einer methodisch wichtigen, lngeren Vorrede seines Schlers. Cotes 1713, 3. Aufl. 1726, deutsch von Wolfers. Berlin 1872.


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