8. Galilei
(1564-1642).


Galileo Galilei wurde am 15. Februar 1564 zu Pisa geboren, wo er auch studierte und von 1589 an lehrte. Seit 1592 Professor der Mathematik zu Padua, wohin ihm die Zuhrer aus allen Lndern zustrmten, machte er eine Reihe glnzender astronomisch-physikalischer Entdeckungen, von denen wir nur die mit Hilfe des von ihm selbst verbesserten, kurz zuvor in Holland erfundenen Fernrohres erfolgte Auffindung der Jupitertrabanten und die Entdeckung der Planetenphasen (1610) erwhnen. Durch sie wurde die kopernikanische Lehre besttigt, zu der sich Galilei bald auch ffentlich bekannte. Die einzelnen Phasen des deshalb 1632 gegen ihn eingeleiteten Inquisitionsprozesses sind oft genug dargestellt worden. Vor dem tragischen Schicksale Brunos blieb er bewahrt dadurch, dass er sich schlielich zur Ableugnung seiner Lehre verstand. Einiges aus der berlieferung ist durch die neueren Untersuchungen als hchstwahrscheinlich legendenhaft nachgewiesen: so die berhmten Worte eppur si muove, in die er nach Ableistung des erzwungenen Eides ausgebrochen sein soll, wie auch die Nachricht von seiner im Gefngnis erduldeten Folterung. Die grte Folter fr den greisen Gelehrten war jedenfalls die, dass ihm fr die neun noch brigen Jahre seines Lebens (bis 1642) in den wichtigsten Fragen der Mund geschlossen war, whrend seine Augen erblindeten.

Galilei war Mathematiker und Astronom, Physiker und Philosoph, Beobachter und Experimentator in einer Person. Wir haben hier nur die methodisch-philosophische Seite seines Wirkens zu schildern, die er zwar nicht in besonderen erkenntnistheoretischen Bchern dargelegt hat, die aber sein ganzes wissenschaftliches Forschen durchdringt. Die in dieser Beziehung wichtigsten seiner Schriften sind: 1. Der Goldwger (Il Saggiatore), 1623; 2. der Dialog ber die beiden Weltsysteme (sc. das ptolemische und kopernikanische) 1632, der ihm die Verfolgung der Inquisition zuzog (deutsch von E. Strau Leipzig 1892); 3. die 1638 erschienenen Untersuchungen ber zwei neue Wissenschaften, nmlich die Mechanik und die Lehre von den Ortsbewegungen (in Holland gedruckt!).

Auch Galilei erscheint zunchst als echter Vertreter der Renaissance: in seinem Gebrauch der Muttersprache, seiner Opposition gegen die Autoritt des Aristoteles (an den er nur zu Anfang seiner Wirksamkeit angeknpft hat), seinem Drngen auf Natur und Erfahrung. Nur Blinde bedrfen des Fhrers im offenen und ebenen Lande. - Studiert den Aristoteles, aber gebt euch nicht ganz und gar seiner Autoritt gefangen, oder nennt euch nicht Philosophen, sondern Historiker und Gedchtnisknstler. Kommt mit Grnden, nicht mit Texten und Autoritten, denn wir haben es mit der Welt unserer Sinne, nicht mit einer Welt von Papier zu tun. - In den Naturwissenschaften, deren Folgerungen wahr und notwendig; sind, knnen tausend Demosthenes und tausend Aristoteles nicht der Sache zum Trotz wahr machen, was falsch ist.

Hiernach knnte Galilei als reiner Empirist erscheinen. Und in der Tat lobt er an Aristoteles gerade, dass er die sinnliche Erfahrung dem Vernunftschlu vorausgehen lasse. Er habe sich - anders als die zeitgenssischen Aristoteliker - zuerst durch Sinne, Erfahrungen und Beobachtungen des Schlusatzes versichert und dann nach analytischer Methode, wie es in demonstrativen Wissenschaften gewhnlich geschieht, die Beweisgrnde aufgesucht, die geeignet sind, den Satz a priori zu sttzen. In dem letzten Gedanken liegt die Ergnzung. Galilei begngt sich nicht mit zusammenhanglosen Einzelerfahrungen, sondern er will nach Keplers Ausdruck die wahren Ursachen der Dinge entdecken und findet sie, noch bestimmter als jener, im Gesetz, das jeder theologische oder animistische Erklrung der Natur, etwa die des Magnetismus durch Sympathie, vllig ausschliet. Noch fr Kopernikus bildete die Vollkommenheit der geometrischen Gestalt die letzte Ursache und den letzten Beweisgrund des Universums. Das hat bei Galilei aufgehrt, ja er spottet gelegentlich darber. Auch ihn leitet zwar bei seinen Entdeckungen das Prinzip der Einfachheit der Natur, allein um diese, die nur von Gott unmittelbar erschaut wird, zu begreifen, bedarf es fr uns oft mhseliger Untersuchungen.

Das Hilfsmittel aber, dessen sich die Wissenschaft hierbei bedienen mu, ist ihm wie Kepler, mit dem er in freundschaftlichem Briefwechsel gestanden hat, nicht mehr die aristotelische Logik, sondern die Mathematik. Wohl ist die Natur, das Universum, das groe, offen vor uns aufgeschlagene Buch, in dem wir lesen sollen, aber dies Buch kann nur der verstehen, der die Lettern kennt, in denen es geschrieben ist. Es ist in mathematischer Sprache geschrieben, und die Schriftzge sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren, ohne deren Hilfe es unmglich ist, nur ein Wort davon zu verstehen. Die Logik ist wohl dazu geeignet, den Gedankengang zu korrigieren und zu regeln, aber kein Mittel zur Erkenntnis neuer Wahrheiten. Beweise lernen wir nicht aus den logischen, sondern aus den mathematischen Bchern. Die Geometrie ist das mchtigste Instrument, den Geist zu schrfen und zum vollkommenen Schlieen und Nachdenken tchtig zu machen, whrend die formale Logik nur erkennen lehrt, ob die schon fertigen und gefundenen Schlsse und Beweise folgerecht sind. Wer es auch nur einmal erprobt hat, eine einzige Sache vollkommen zu verstehen und in Wahrheit gekostet hat, was Wissen heit (come fatto il sapere), der wird erkennen, von wie unendlich Vielem er nichts wei. Extensiv wei der Mensch fast nichts, dagegen, intensiv genommen, kommt unsere Erkenntnis in Geometrie und Arithmetik der gttlichen an objektiver Gewiheit gleich, da sie zulangt, die Notwendigkeit zu begreifen, ber die es eine grere Gewiheit nicht gibt Wahre Naturwissenschaft besteht demnach in der Verbindung des Experiments mit mathematischem Denken.

Das fhrt uns weiter zu der Rolle, die der Verstand (bei Galilei gewhnlich: discorso, seltener intelletto oder ragione) bei dem Zustandekommen wissenschaftlicher Erkenntnis spielt. Was wahr und notwendig ist, wei sogar ein mittelmiger Verstand. Durch ihn lernen wir, weshalb etwas so ist: das aber ist von viel grerem Werte als die bloe Kenntnis der Tatsachen. Der Verstand dringt weiter als die Sinneswahrnehmung, er ergnzt den Mangel der Erfahrung. Die Sinneswahrnehmung allein, ohne die Kontrolle des Verstandes, trgt, wobei jedoch der Irrtum im Urteilen liegt (ganz so spter Kant). Der aus sich selbst schpfende Verstand erst hilft die Realitt der Erscheinungen feststellen oder ihre Trglichkeit entdecken. Das beste Beispiel fr die berwindung des Sinnenscheins durch das berichtigende Urteil des Verstandes liegt in der Lehre des Kopernikus. Dieser gehrte nicht zu den puren, blo rechnenden, sondern zu den philosophischen Astronomen; er wollte die wahre Verfassung des Weltganzen ergrnden, die unmglich anders sein kann Den philosophischen Zug in Kopernikus sieht Galilei in dem Kriterium der gewissen und notwendigen Ordnung, in die durch jenen das Weltall kam, sodass nun das Ganze mit den Teilen auf die wunderbarste Weise zusammenstimmte. sthetisch-religise Motive (der Sparsamkeit, Weisheit des Schpfers und hnliches) fehlen zwar auch bei Galilei nicht ganz, aber sie treten bei ihm noch strker als bei Kepler zurck gegen die rein wissenschaftlichen. Gott und die Natur werden einander fast gleich gesetzt. Jene Ordnung und Einfachheit ist fr ihn zwar von groer berzeugungskraft, aber doch nicht so strikt beweisend, wie eine notwendige Demonstration.

Galilei legt ausdrcklich und hufig das Gesetz der Urschlichkeit aller Wissenschaft zugrunde. Die wahre Ursache mu sich in allen Folgerungen besttigen. Die Kennzeichen letzter Ursachen sind Gleichfrmigkeit, Einfachheit, Identitt. So ist das hchste Ziel der Naturwissenschaft Einheit des Gesichtspunktes, aber in strenger Anlehnung an die sorgfltig beobachteten Tatsachen der Erfahrung und in mathematisch-straffer Schlufolgerung. berall sind die verwickelten Erscheinungen der sinnlichen Wahrnehmung in ihre einfachsten Elemente zu zerlegen (metodo risolutivo, d.h. analytische Methode), um dann aus ihnen die Erfahrungsvorgnge zu erklren, eigentlich zusammenzusetzen (metodo compositivo, wir: synthetische Methode). Dagegen kann die bloe Summierung von Einzelfllen niemals einen Beweis abgeben.

Diese Vereinigung von induktiver und deduktiver Methode wendet Galilei nun zur Begrndung seiner neuen Theorie der Bewegung an, einer ganz neuen Wissenschaft von einem sehr alten Gegenstand. Die Ableitung seiner Fall- und Wurfgesetze geschieht durch Zurckfhrung der zusammengesetzten Wirkungen auf einfache, unzerstrbare, bestndig und gleichfrmig wirkende Ursachen. Die Bewegung wird zur berechenbaren Gre, deren Einheit durch kleinste Zeitteilchen bestimmt wird (Vorbereitung der Differentialrechnung eines Leibniz und Newton).

Gegenstand der Naturforschung - und durch unsere Forschung wird die Natur erst entdeckt! - ist das mathematisch Bestimmbare (Mebare), das Quantitative. Ursachen sind nicht mehr, wie bei den Scholastikern, die Dinge (Substanzen), sondern die Bewegung, die eins ist mit der Ruhe, der Sto und Gegensto der Korpuskeln. So erhalten die obersten Grundbegriffe der Naturwissenschaft, Kraft und Substanz, erst durch die Forschung Galileis einen streng wissenschaftlichen Sinn, indem sie mathematisch mebar werden. Seitdem erst beginnen die aristotelisch-scholastischen Formen, Zweckursachen, verborgenen Qualitten allmhlich aus den physikalischen Lehrbchern zu verschwinden. Was jenseits der quantitativen Bestimmbarkeit liegt, das sogenannte Wesen der Kraft, bleibt uns unbekannt. Dass durch eine solche qualitas occulta nichts erklrt wird, ist fr Galilei selbstverstndlich. Selbst die Schwere ist fr ihn nur ein Name. Das Problem der extensiven Gre hat er weniger verfolgt, ihn hat wesentlich das der intensiven Realitt beschftigt. Die Kraft ist Intensitt, das Unendlich-Kleine intensive Gre. Ein unvernderlich Beharrendes ist die Grundlage des Vernderlichen; nur in Beziehung auf ein unbewegt Angenommenes fassen wir die Bewegung auf. Es gibt keine Verwandlung des Stoffes, sondern nur eine Umlagerung seiner Teile. Die neue Wissenschaft lehrt die Erhaltung des Stoffes wie die der Bewegung.

Auf Galileis Lehre von der Subjektivitt der Sinnesqualitten in seinem Saggiatore (1623) hat Natorp (a. a. O. S. 134 ff.) zuerst aufmerksam gemacht, whrend man bis dahin Descartes (1637) und Hobbes (1650) als die ersten Verknder derselben betrachtete. Geruch, Geschmack, Farbe- und Wrme-, ja selbst die Widerstandsempfindungen haben allein im empfindenden Krper ihren Sitz, sodass sie, wenn man sich diesen wegdenkt, ebenfalls wegfallen; sie sind daher bloe Namen und entstehen nur durch die Bewegung zwischen den Sinnesorganen und den Gegenstnden. Die ersten und realen Eigenschaften, die wir den Dingen notwendig beilegen mssen, sind vielmehr: Gestalt, Zahl und Bewegung.

So werden wir bei Galilei von allen Seiten auf die mechanische Grundauffassung der gesamten Natur gefhrt. Wenn einer unserer vorzglichsten Physiker (Helmholtz) es als das Endziel der Naturwissenschaft erklrt hat, alle elementaren Krfte in Bewegungskrfte, also sich selbst in Mechanik aufzulsen, so hat Galilei dazu den Grund gelegt und dadurch auch fr die Entwicklung der Philosophie als Wissenschaft tatschlich weit mehr geleistet als diejenigen seiner Zeitgenossen, die sich als Philosophen ausgaben, aber nicht in seine Fernrohre schauen wollten, um sich nicht von den Bewegungen der Planeten berzeugen zu mssen. Wir haben nicht zum wenigsten deswegen Galilei ausfhrlicher behandelt, als es in den philosophiegeschichtlichen Darstellungen zu geschehen pflegt, weil wir ihn als den eigentliche Wegbahner der neueren Philosophie betrachten, und nicht Baco von Verulam.

 

Literatur: Aus der ziemlich umfangreichen Spezialliteratur ber Galilei seien hier nur die beiden deutschen Hauptwerke ber seinen Proze: v. Gebler, Galilei und die rmische Kurie, 2 Bde., Stuttgart 1876 f., und Wohlwill, Galilei und s. Kampf. Bd. I, 1909, ferner die lehrreiche Abhandlung von P. Natorp, Galilei als Philosoph, Philos. Monatsh. 1882, S. 193-229, und de Portu, Galileis Begriff der Wissenschaft, Diss. Marb. 1904 hervorgehoben. Galileis Werke sind oft herausgegeben worden, zum letztenmal 1842-1858 in 17 Bnden zu Florenz. Seit 1887 erscheint auf Staatskosten eine neue Ausgabe unter der Leitung von Favaro, der auch eine Monographie G. G. (Modena 1910) verffentlicht hat. Der interessante Briefwechsel mit Kepler findet sich im 2. Bande von Keplers Werken. Eine deutsche bersetzung der Unterredungen und mathemat. Demonstrationen in Ostwalds Klass. d. exakten Wissensch. Bdch. 11, 24 und 25 (hrsg. von A. von Oettingen).


 © textlog.de 2004 06.09.2026 13:34:05
Seite zuletzt aktualisiert: 31.10.2006 
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