
IV. Die Lehre von den Geisteswissenschaften.
Die Methode der Induktion gilt fr alle Wissenschaften, - nur nicht fr das Gebiet der Theologie, die auf gttlicher Inspiration beruht. Die Heilsoffenbarungen des Christentums stehen so undiskutierbar fest wie die obersten Regeln des Schachspiels!
Leichtes Kosten von dem Tranke der Wissenschaft kann zum Atheismus fhren; tiefere Zge fhren zur Religion zurck. Der Glaube ist edler als die Wissenschaft, Aberglaube allerdings noch unmoralischer und irreligiser als Unglaube. Je unglaublicher ein Mysterium ist, desto religiser ist es, daran zu glauben. Ganz in der Weise der vorgeschrittenen Scholastik werden also Philosophie und Theologie scharf voneinander geschieden.
In der Einteilung und Errterung der einzelnen Wissenschaften entwickelt das Werk De augmentis (s. o.) viele fruchtbare und fr das Zeitalter neue Gedanken, ohne dass die philosophischen Grundlagen befriedigen. Die gesamte menschliche Wissenschaft, der globus intellectualis, zerfllt in drei Teile: Geschichte, Poesie und Philosophie, entsprechend den drei Grundvermgen der menschlichen Seele: Gedchtnis, Phantasie und Vernunft. Die auf das Gedchtnis (!) gegrndete Geschichte umfat als historia naturalis die Naturgeschichte, wobei der Gedanke einer vergleichenden Anatomie und Botanik, - als historia civilis die Geschichte aller Geisteswissenschaften, wobei die Idee einer nationalen Staaten-, sowie einer selbstndigen Philosophie und Literaturgeschichte zum erstenmal angeregt wird. Die auf die Phantasie gegrndete Poesie wird von Baco, in dem man neuerdings den Verfasser der Shakespeare- Dramen hat sehen wollen, sehr prosaisch als willkrlich erdichtete Geschichte definiert. Sie ist entweder epische oder dramatische oder parabolische (lehrhafte) Poesie, von denen er die letztgenannte am hchsten stellt! Die Lyrik wird nicht bercksichtigt. Satire, Epigramm und Ode aber gehren zur Philosophie und Rhetorik.
Die Philosophie teilt Baco in die Lehre von Gott, der Natur und dem Menschen ein. Allen dreien liegt als ihr Fundament eine philosophia prima zugrunde, eine erst zu schaffende Lehre von den allen Wissenschaften gemeinsamen Grundstzen, wie z.B.: Gleiches zu Ungleichem gibt Ungleiches; was mit dem Dritten, bereinstimmt, stimmt untereinander berein; alles ndert sich, nichts vergeht und dergl.: Stze, die von Baco durch Induktion gewonnen und doch unbedenklich als deren Grundlage und Voraussetzung benutzt werden. - Die Philosophie von Gott oder natrliche Theologie mu sich begngen, den Atheismus zu widerlegen; das brige, was nicht durch Wahrnehmung und Vernunft gefunden werden kann, berlt sie der Theologie (s. o.). - Die Naturphilosophie zerfllt in operative (technische, experimentale) und spekulative, die letztere wieder in Physik (Lehre von der Materie und den wirkenden Ursachen) und Metaphysik (Lehre von den Formen und Zweckursachen), die wir oben schon kennen gelernt haben; die Mathematik (reine und angewandte) bildet nur einen Anhang. In der Astronomie verwirft er die Lehre des Kopernikus; und die Kreisbewegung der Gestirne begrndet er damit, dass sie daran ihre Freude haben, weil dies allein eine ewige und unendliche Bewegung ist. - Die Wissenschaft vom Menschen (Anthropologie) zerfllt in die Lehre vom einzelnen Menschen (philosophia humanitatis) und die Staatslehre (philos. civilis); jene wieder in Somatologie (Medizin), Psychologie, Logik und Ethik, diese in die Lehre vom geselligen, geschftlichen und staatlichen Leben: alle diese Zweige wieder mit vielen Unterabteilungen, aber ohne originale Prinzipien.
Die Ethik insbesondere ist die Lehre, wie man sich den aufgestellten Musterbildern am besten nhert. Zwar ist das Christentum weit besser als alle dem natrlichen Lichte der Vernunft entstammende Moralphilosophie, doch halten sich Bacos eigene, brigens mehr aphoristische als zusammenhngende, Errterungen von Theologie frei. Sie stehen zumeist in den Essays, die in der Weise Montaignes manche feine Beobachtungen und geistvolle Winke geben. Das ttige Leben geht ihm ber das beschauliche, das allgemeine ber das Einzelwohl. Um die Seele mit Erfolg zu leiten, mu man die Charaktere und Affekte Studieren; auch die Macht der Gewohnheit, der Erziehung und Lektre, des Umganges, des Ehrgeizes, der Gesetze mu von der Ethik in Betracht gezogen werden. Einzelheiten s. in der ausfhrlichen Darstellung des zu 1 zitierten Werkes von F. Vorlnder S. 251-314. Auf die Staatslehre will Baco in seinem Hauptwerk, einem Meister der Regierungskunst wie Knig Jakob I. (!) gegenber, dem er es gewidmet hat, nicht nher eingehen, zumal da die Schwierigkeit der Sache eine wissenschaftliche, die Natur der Staatskunst eine offene Behandlung des Gegenstandes erschwere.
Zu den grundlegenden philosophischen Denkern gehrt Baco nicht. Dagegen ist er nicht ohne bedeutenden Einflu auf die Philosophie seiner Landsleute geblieben, insbesondere durch seine stete Betonung der Erfahrung, sodass er in der Regel als erster in der empiristischen Reihe oder als Vater der neueren Erfahrungsphilosophie dargestellt wird. Auch auf den bekannten Pdagogen Amos Comenius hat er anregend gewirkt. Sein Kernsatz von der Macht des Wissens, der in diesem Zeitalter der einander Schlag auf Schlag folgenden Entdeckungen und Erfindungen wohl auch einen nchterneren Kopf als Baco berauschen konnte, spiegelt sich auch in dem kurzen, uns erhaltenen Bruchstck seiner Utopie, der dem Knig Karl 1. gewidmeten Nova Atlantis, wider. Hier entwirft seine programmatische Phantasie Teleskope und Mikroskope, Telephone und Mikrophone, Dampfwagen und Luftschiffe, chemische konzentrierte Nahrungsmittel, Prservative gegen Krankheiten usw., kurz, die neugewonnene Naturerkenntnis versteht das Menschenleben so leicht und behaglich, so glcklich und genufhig wie mglich zu machen (Windelband). Alle neuen Erfindungen, von denen das ebenso kluge wie glckliche Inselvlkchen durch seine Sendboten alsbald Kunde erhlt, werden von ihm im Salomonischen Hause noch weiter vervollkommnet, alle sozialen Probleme mit Leichtigkeit gelst.
Die Frderung der Naturwissenschaften selbst und ihrer grundlegenden Methode aber war anderen als Baco zu verdanken.
Literatur: Die lteren Arbeiten von Kuno Fischer, Liebig und Sigwart siehe unten. Auerdem Heuler, Baco und seine geschichtliche Stellung, Breslau, 1889. Die vollstndigste Ausgabe seiner Werke inkl. Briefe nebst Kommentar und Biographie ist die lateinisch-englische von Spedding und zwei anderen englischen Gelehrten (London 1857-73 in 12 Bnden), von denen Spedding auch eine besondere Monographie ber Leben und Zeit F. Bacons (2 Bde. London 1879) geliefert hat. Ins Deutsche bersetzt ist Bacos Hauptwerk das Novum Organum, mit Einleitung und Erluterungen u. a. von J. H. von Kirchmann in der Philos. Bibliothek, Bd. 32, die Nova Atlantis von Walden, Berl. 1890.