a. Vergleich mit den bildenden Knsten und der Poesie

In Ansehung des ersten Punktes mssen wir die Musik, wenn wir sie in ihrer spezifischen Besonderheit klar herausstellen wollen, nach drei Seiten mit den anderen Knsten vergleichen.
α) Erstens steht sie zur Architektur, obschon sie derselben entgegengesetzt ist, dennoch in einem verwandtschaftlichen Verhltnis.
αα) Wenn nmlich in der Baukunst der Inhalt, der sich in architektonischen Formen ausprgen soll, nicht wie in Werken der Skulptur und Malerei ganz in die Gestalt hereintritt, sondern von ihr als eine uere Umgebung unterschieden bleibt, so ist auch in der Musik als eigentlich romantischer Kunst die klassische Identitt des Inneren und seines uerlichen Daseins in der hnlichen, wenn auch umgekehrten Weise wieder aufgelst, in welcher die Architektur als symbolische Darstellungsart jene Einheit zu erreichen noch nicht imstande war. Denn das geistige Innere geht aus der bloen Konzentration des Gemts zu Anschauungen und Vorstellungen und deren durch die Phantasie ausgebildeten Formen fort, whrend die Musik mehr nur das Element der Empfindung auszudrcken befhigt bleibt und nun die fr sich ausgesprochenen Vorstellungen des Geistes mit den melodischen Klngen der Empfindung umzieht, wie die Architektur auf ihrem Gebiet um die Bildsule des Gottes in freilich starrer Weise die verstndigen Formen ihrer Sulen, Mauern und Geblke umherstellt.
ββ) Dadurch wird nun der Ton und seine Figuration in einer ganz anderen Art ein erst durch die Kunst und den blo knstlerischen Ausdruck gemachtes Element, als dies in der Malerei und Skulptur mit dem menschlichen Krper und dessen Stellung und Physiognomie der Fall ist. Auch in dieser Rcksicht kann die Musik nher mit der Architektur verglichen werden, welche ihre Formen nicht aus dem Vorhandenen, sondern aus der geistigen Erfindung hernimmt, um sie teils nach den Gesetzen der Schwere, teils nach den Regeln der Symmetrie und Eurhythmie zu gestalten. Dasselbe tut die Musik in ihrem Bereich, insofern sie einerseits unabhngig vom Ausdruck der Empfindung den harmonischen Gesetzen der Tne folgt, die auf quantitativen Verhltnissen beruhen, andererseits sowohl in der Wiederkehr des Taktes und Rhythmus als auch in weiteren Ausbildungen der Tne selbst vielfach den Formen der Regelmigkeit und Symmetrie anheimfllt. Und so herrscht denn in der Musik ebensosehr die tiefste Innigkeit und Seele als der strengste Verstand, so da sie zwei Extreme in sich vereinigt, die sich leicht gegeneinander verselbstndigen. In dieser Verselbstndigung besonders erhlt die Musik einen architektonischen Charakter, wenn sie sich, losgelst von dem Ausdruck des Gemts, fr sich selber ein musikalisch gesetzmiges Tongebude erfindungsreich ausfhrt.
γγ) Bei aller dieser hnlichkeit bewegt sich die Kunst der Tne jedoch ebensosehr in einem der Architektur ganz entgegengesetzten Reiche. In beiden Knsten geben zwar die quantitativen und nher die Maverhltnisse die Grundlage ab, das Material jedoch, das diesen Verhltnissen gem geformt wird, steht sich direkt gegenber. Die Architektur ergreift die schwere sinnliche Masse in deren ruhigem Nebeneinander und rumlicher uerer Gestalt, die Musik dagegen die aus der rumlichen Materie sich freiringende Tonseele in den qualitativen Unterschieden des Klangs und in der fortstrmenden zeitlichen Bewegung. Deshalb gehren auch die Werke beider Knste zwei ganz verschiedenen Sphren des Geistes an, indem die Baukunst ihre kolossalen Bildungen fr die uere Anschauung in symbolischen Formen dauernd hinsetzt, die schnell vorberrauschende Welt der Tne aber unmittelbar durch das Ohr in das Innere des Gemts einzieht und die Seele zu sympathischen Empfindungen stimmt.
β) Was nun zweitens das nhere Verhltnis der Musik zu den beiden anderen bildenden Knsten betrifft, so ist die hnlichkeit und Verschiedenheit, die sich angeben lt, zum Teil schon in dem begrndet, was ich soeben angedeutet habe. αα) Am weitesten steht die Musik von der Skulptur ab, sowohl in Rcksicht auf das Material und die Gestaltungsweise desselben als auch in Ansehung der vollendeten Ineinsbildung von Innerem und uerem, zu welcher es die Skulptur bringt. Zu der Malerei hingegen hat die Musik schon eine nhere Verwandtschaft, teils wegen der berwiegenden Innerlichkeit des Ausdrucks, teils auch in bezug auf die Behandlung des Materials, in welcher, wie wir sahen, die Malerei bis nahe an das Gebiet der Musik heranzustreifen unternehmen darf. Dennoch aber hat die Malerei in Gemeinschaft mit der Skulptur immer die Darstellung einer objektiven rumlichen Gestalt zu ihrem Ziel und ist durch die wirkliche, auerhalb der Kunst bereits vorhandene Form derselben gebunden. Zwar nimmt weder der Maler noch der Bildhauer ein menschliches Gesicht, eine Stellung des Krpers, die Linien eines Gebirgszuges, das Gezweig und Bltterwerk eines Baumes jedesmal so auf, wie er diese ueren Erscheinungen hier oder dort in der Natur unmittelbar vor sich sieht, sondern hat die Aufgabe, dies Vorgefundene sich zurechtzulegen und es einer bestimmten Situation sowie dem Ausdruck, der aus dem Inhalt derselben notwendig folgt, gem zu machen. Hier ist also auf der einen Seite ein fr sich fertiger Inhalt, der knstlerisch individualisiert werden soll, auf der anderen Seite stehen ebenso die vorhandenen Formen der Natur schon fr sich selber da, und der Knstler hat, wenn er nun diese beiden Elemente, wie es sein Beruf ist, ineinander bilden will, in beiden Haltpunkte fr die Konzeption und Ausfhrung. Indem er von solchen festen Bestimmungen ausgeht, hat es teils das Allgemeine der Vorstellung konkreter zu verkrpern, teils die menschliche Gestalt oder sonstige Formen der Natur, die ihm in ihrer Einzelheit zu Modellen dienen knnen, zu generalisieren und zu vergeistigen. Der Musiker dagegen abstrahiert zwar auch nicht von allem und jedem Inhalt, sondern findet denselben in einem Text, den er in Musik setzt, oder kleidet sich unabhngiger schon irgendeine Stimmung in die Form eines musikalischen Themas, das er dann weiter ausgestaltet; die eigentliche Region seiner Kompositionen aber bleibt die formellere Innerlichkeit, das reine Tnen, und sein Vertiefen in den Inhalt wird statt eines Bildes nach auen vielmehr ein Zurcktreten in die eigene Freiheit des Innern, ein Ergehen seiner in ihm selbst und in manchen Gebieten der Musik sogar eine Vergewisserung, da er als Knstler frei von dem Inhalte ist. Wenn wir nun im allgemeinen schon die Ttigkeit im Bereiche des Schnen als eine Befreiung der Seele, als ein Lossagen von Bedrngnis und Beschrnktheit ansehen knnen, indem die Kunst selbst die gewaltsamsten tragischen Schicksale durch theoretisches Gestalten mildert und sie zum Gensse werden lt, so fhrt die Musik diese Freiheit zur letzten Spitze. Was nmlich die bildenden Knste durch die objektive plastische Schnheit erreichen, welche die Totalitt des Menschen, die menschliche Natur als solche, das Allgemeine und Ideale, ohne die Harmonie in sich selbst zu verlieren, in der Partikularitt des Einzelnen herausstellt, das mu die Musik in ganz anderer Weise ausfhren. Der bildende Knstler braucht nur dasjenige, was in der Vorstellung eingehllt, was schon von Hause aus darin ist, hervor-, d. h. herauszubringen, so da alles einzelne in seiner wesentlichen Bestimmtheit nur eine nhere Explikation der Totalitt ist, welche dem Geiste bereits durch den darzustellenden Inhalt vorschwebt. Eine Figur z. B. in einem plastischen Kunstwerke fordert in dieser oder jener Situation einen Krper, Hnde, Fe, Leib, einen Kopf mit solchem Ausdrucke, solcher Stellung, solche andere Figuren, sonstige Zusammenhnge usf., und jede dieser Seiten fordert die anderen, um sich mit ihnen zu einem in sich selbst begrndeten Ganzen zusammenzuschlieen. Die Ausbildung des Themas ist hier nur eine genauere Analyse dessen, was dasselbe schon an sich selbst enthlt, und je ausgearbeiteter das Bild wird, das dadurch vor uns steht, desto mehr konzentriert sich die Einheit und verstrkt sich der bestimmtere Zusammenhang der Teile. Der vollendeteste Ausdruck des Einzelnen mu, wenn das Kunstwerk echter Art ist, zugleich die Hervorbringung der hchsten Einheit sein. Nun darf allerdings auch einem musikalischen Werke die innere Gliederung und Abrundung zum Ganzen, in welchem ein Teil den anderen ntig macht, nicht fehlen; teils ist aber hier die Ausfhrung ganz anderer Art, teils haben wir die Einheit in einem beschrnkteren Sinne zu nehmen.
ββ) In einem musikalischen Thema ist die Bedeutung, die es ausdrcken soll, bereits erschpft; wird es nun wiederholt oder auch zu weiteren Gegenstzen und Vermittlungen fortgefhrt, so erweisen sich diese Wiederholungen, Ausweichungen, Durchbildungen durch andere Tonarten usf. fr das Verstndnis leicht als berflssig und gehren mehr nur der rein musikalischen Ausarbeitung und dem Sicheinleben in das mannigfaltige Element harmonischer Unterschiede an, die weder durch den Inhalt selbst gefordert sind, noch von ihm getragen bleiben, whrend in den bildenden Knsten dagegen die Ausfhrung des Einzelnen und ins einzelne nur eine immer genauere Heraushebung und lebendige Analyse des Inhalts selber wird. Doch lt sich freilich nicht leugnen, da auch in einem musikalischen Werke durch die Art und Weise, wie ein Thema sich weiterleitet, ein anderes hinzukommt und beide nun in ihrem Wechsel oder in ihrer Verschlingung sich forttreiben, verndern, hier unterzugehen, dort wieder aufzutauchen, jetzt besiegt scheinen, dann wieder siegend eintreten, sich ein Inhalt in seinen bestimmteren Beziehungen, Gegenstzen, Konflikten, bergngen, Verwicklungen und Lsungen explizieren kann. Aber auch in diesem Falle wird durch solche Durcharbeitung die Einheit nicht wie in der Skulptur und Malerei vertiefter und konzentrierter, sondern ist eher eine Ausweitung, Verbreitung, ein Auseinandergehen, eine Entfernung und Zurckfhrung, fr welche der Inhalt, der sich auszusprechen hat, wohl der allgemeinere Mittelpunkt bleibt, doch das Ganze nicht so fest zusammenhlt, als dies in den Gestalten der bildenden Kunst, besonders wo sie sich auf den menschlichen Organismus beschrnkt, mglich ist.
γγ) Nach dieser Seite hin liegt die Musik, im Unterschiede der brigen Knste, dem Elemente jener formellen Freiheit des Inneren zu nahe, als da sie sich nicht mehr oder weniger ber das Vorhandene, den Inhalt, hinaus wenden knnte. Die Erinnerung an das angenommene Thema ist gleichsam eine Erinnerung des Knstlers, d. h. ein Innewerden, da er der Knstler ist und sich willkrlich zu ergehen und hin- und herzutreiben vermag. Doch wird das freie Phantasieren in dieser Rcksicht ausdrcklich von einem in sich geschlossenen Musikstck unterschieden, das wesentlich ein gegliedertes Ganzes ausmachen soll. In dem freien Phantasieren ist die Ungebundenheit selber Zweck, so da nun der Knstler unter anderem auch die Freiheit zeigen kann, bekannte Melodien und Passagen in seine augenblickliche Produktion zu verweben, ihnen eine neue Seite abzugewinnen, sie in mancherlei Nuancen zu verarbeiten, zu anderen berzuleiten und von da aus ebenso auch zum Heterogensten fortzuschreiten.
Im ganzen aber schliet ein Musikstck berhaupt die Freiheit ein, es gehaltener auszufhren und eine sozusagen plastischere Einheit zu beobachten oder in subjektiver Lebendigkeit von jedem Punkte aus mit Willkr in greren oder geringeren Abschweifungen sich zu ergehen, auf dieselbe Weise hin und her zu wiegen, kaprizis einzuhalten, dies oder das hereinbrechen und dann wieder in einem flutenden Strome sich fortrauschen zu lassen. Wenn man daher dem Maler, dem Bildhauer empfehlen mu, die Naturformen zu studieren, so besitzt die Musik nicht einen solchen Kreis schon auerhalb ihrer vorhandener Formen, an welche sie sich zu halten gentigt wre. Der Umkreis ihrer Gesetzmigkeit und Notwendigkeit von Formen fllt vornehmlich in das Bereich der Tne selbst, welche in einen so engen Zusammenhang mit der Bestimmtheit des Inhalts, der sich in sie hineinlegt, nicht eingehen und in Rcksicht auf ihre Anwendung auerdem fr die subjektive Freiheit der Ausfhrung meist einen weiten Spielraum briglassen.
Dies ist der Hauptgesichtspunkt, nach welchem man die Musik den objektiver gestaltenden Knsten gegenberstellen kann.
γ) Nach der anderen Seite drittens hat die Musik die meiste Verwandtschaft mit der Poesie, indem beide sich desselben sinnlichen Materials, des Tons, bedienen. Doch findet auch zwischen diesen Knsten, sowohl was die Behandlungsart der Tne, als auch was die Ausdrucksweise angeht, die grte Verschiedenheit statt. αα) In der Poesie, wie wir schon bei der allgemeinen Einteilung der Knste sahen, wird nicht der Ton als solcher mannigfaltigen, durch die Kunst erfundenen Instrumenten entlockt und kunstreich gestaltet, sondern der artikulierte Laut des menschlichen Sprechorgans wird zum bloen Redezeichen herabgesetzt und behlt deshalb nur den Wert, eine fr sich bedeutungslose Bezeichnung von Vorstellungen zu sein. Dadurch bleibt der Ton berhaupt ein selbstndiges sinnliches Dasein, das, als bloes Zeichen der Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken, seine ihm selbst immanente uerlichkeit und Objektivitt eben darin hat, da es nur dies Zeichen ist. Denn die eigentliche Objektivitt des Inneren als Inneren besteht nicht in den Lauten und Wrtern, sondern darin, da ich mir eines Gedankens, einer Empfindung usf. bewut b\r\, sie mir zum Gegenstande mache und so in der Vorstellung vor mir habe oder mir sodann, was in einem Gedanken, einer Vorstellung liegt, entwickle, die ueren und inneren Verhltnisse des Inhalts meiner Gedanken auseinanderlege, die besonderen Bestimmungen aufeinander beziehe usf. Wir denken zwar stets in Worten, ohne dabei jedoch des wirklichen Sprechens zu bedrfen. Durch diese Gleichgltigkeit der Sprachlaute als sinnlicher gegen den geistigen Inhalt der Vorstellungen usf., zu deren Mitteilung sie gebraucht werden, erhlt der Ton hier wieder Selbstndigkeit. In der Malerei ist zwar die Farbe und deren Zusammenstellung, als bloe Farbe genommen, gleichfalls fr sich bedeutungslos und ein gegen das Geistige selbstndiges sinnliches Element; aber Farbe als solche macht auch noch keine Malerei, sondern Gestalt und deren Ausdruck mssen hinzukommen. Mit diesen geistig beseelten Formen tritt dann die Frbung in einen bei weitem engeren Zusammenhang, als ihn die Sprachlaute und deren Zusammensetzung zu Wrtern mit den Vorstellungen haben. - Sehen wir nun auf den Unterschied in dem poetischen und musikalischen Gebrauch des Tons, so drckt die Musik das Tnen nicht zum Sprachlaut herunter, sondern macht den Ton selbst fr sich zu ihrem Elemente, so da er, insoweit er Ton ist, als Zweck behandelt wird. Dadurch kann das Tonreich, da es nicht zur bloen Bezeichnung dienen soll, in diesem Freiwerden zu einer Gestaltungsweise kommen, welche ihre eigene Form als kunstreiches Tongebilde zu ihrem wesentlichen Zweck werden lt. In neuerer Zeit besonders ist die Musik in der Losgerissenheit von einem fr sich schon klaren Gehalt so in ihr eigenes Element zurckgegangen, doch hat dafr auch desto mehr an Macht ber das ganze Innere verloren, indem der Genu, den sie bieten kann, sich nur der einen Seite der Kunst zuwendet, dem bloen Interesse nmlich fr das rein Musikalische der Komposition und deren Geschicklichkeit, eine Seite, welche nur Sache der Kenner ist und das allgemeinmenschliche Kunstinteresse weniger angeht.