
c. Die Melodie
Blicken wir auf das zurck, was uns zunchst in Ansehung der besonderen musikalischen Ausdrucksmittel beschftigt hat, so betrachteten wir erstens die Gestaltungsweise der zeitlichen Dauer der Tne in Rcksicht auf Zeitma, Takt und Rhythmus. Von hier aus gingen wir zu dem wirklichen Tnen fort, und zwar erstens zum Klang der Instrumente und menschlichen Stimme, zweitens zur festen Mabestimmung der Intervalle und zu deren abstrakter Reihenfolge in der Skala und den verschiedenen Tonarten; drittens zu den Gesetzen der besonderen Akkorde und ihrer Fortbewegung zueinander. Das letzte Gebiet nun, in welchem die frheren sich in eins bilden und in dieser Identitt die Grundlage fr die erst wahrhaft freie Entfaltung und Einigung der Tne abgeben, ist die Melodie.
Die Harmonie nmlich befat nur die wesentlichen Verhltnisse, welche das Gesetz der Notwendigkeit fr die Tonwelt ausmachen, doch nicht selber schon, ebensowenig wie Takt und Rhythmus, eigentliche Musik, sondern nur die substantielle Basis, der gesetzmige Grund und Boden sind, auf dem die freie Seele sich ergeht. Das Poetische der Musik, die Seelensprache, welche die innere Lust und den Schmerz des Gemts in Tne ergiet und in diesem Ergu sich ber die Naturgewalt der Empfindung mildernd erhebt, indem sie das prsente Ergriffensein des Inneren zu einem Vernehmen seiner, zu einem freien Verweilen bei sich selbst macht und dem Herzen eben dadurch die Befreiung von dem Druck der Freuden und Leiden gibt - das freie Tnen der Seele im Felde der Musik ist erst die Melodie. Dies letzte Gebiet, insofern es die hhere poetische Seite der Musik, das Bereich ihrer eigentlich knstlerischen Erfindungen im Gebrauch der bisher betrachteten Elemente ausmacht, ist nun vornehmlich dasjenige, von welchem zu sprechen wre. Dennoch aber treten uns hier gerade die schon oben erwhnten Schwierigkeiten in den Weg. Einerseits nmlich gehrte zu einer weitlufigen und begrndenden Abhandlung des Gegenstandes eine genauere Kenntnis der Regeln der Komposition und eine ganz andere Kennerschaft der vollendetesten musikalischen Kunstwerke, als ich sie besitze und mir zu verschaffen gewut habe, da man von den eigentlichen Kennern und ausbenden Musikern - von den letzteren, die hufig die geistlosesten sind, am allerwenigsten - hierber selten etwas Bestimmtes und Ausfhrliches hrt. Auf der anderen Seite liegt es in der Natur der Musik selbst, da sich in ihr weniger als in den brigen Knsten Bestimmtes und Besonderes in allgemeinerer Weise festhalten und herausheben lt und lassen soll. Denn wie sehr die Musik auch einen geistigen Inhalt in sich aufnimmt und das Innere dieses Gegenstandes oder die inneren Bewegungen der Empfindung zum Gegenstande ihres Ausdruckes macht, so bleibt dieser Inhalt, eben weil er seiner Innerlichkeit nach gefat wird oder als subjektive Empfindung widerklingt, unbestimmter und vager, und die musikalischen Vernderungen sind nicht jedesmal zugleich auch die Vernderung einer Empfindung oder Vorstellung, eines Gedankens oder einer individuellen Gestalt, sondern eine blo musikalische Fortbewegung, die mit sich selber spielt und dahinein Methode bringt. Ich will mich deshalb nur auf folgende allgemeine Bemerkungen, die mir interessant scheinen und aufgefallen sind, beschrnken.
α) Die Melodie in ihrer freien Entfaltung der Tne schwebt zwar einerseits unabhngig ber Takt, Rhythmus und Harmonie, doch hat sie andererseits keine anderen Mittel zu ihrer Verwirklichung als eben die rhythmisch-taktmigen Bewegungen der Tne in deren wesentlichen und in sich selbst notwendigen Verhltnissen. Die Bewegung der Melodie ist daher in diese Mittel ihres Daseins eingeschlossen und darf nicht gegen die der Sache nach notwendige Gesetzmigkeit derselben in ihnen Existenz gewinnen wollen. In dieser engen Verknpfung mit der Harmonie als solcher bt aber die Melodie nicht etwa ihre Freiheit ein, sondern befreit sich nur von der Subjektivitt zuflliger Willkr in launenhaftem Fortschreiten und bizarren Vernderungen und erhlt gerade hierdurch erst ihre wahre Selbstndigkeit. Denn die echte Freiheit steht nicht dem Notwendigen als einer fremden und deshalb drckenden und unterdrckenden Macht gegenber, sondern hat dies Substantielle als das ihr selbst einwohnende, mit ihr identische Wesen, in dessen Forderungen sie deshalb so sehr nur ihren eigenen Gesetzen folgt und ihrer eigenen Natur Genge tut, da sie sich erst in dem Abgehen von diesen Vorschriften von sich abwenden und sich selber ungetreu werden wrde. Umgekehrt aber zeigt es sich nun auch, da Takt, Rhythmus und Harmonie fr sich genommen nur Abstraktionen sind, die in ihrer Isolierung keine musikalische Gltigkeit haben, sondern nur durch die Melodie und innerhalb derselben, als Momente und Seiten der Melodie selber, zu einer wahrhaft musikalischen Existenz gelangen knnen. In dem auf solche Weise in Einklang gebrachten Unterschied von Harmonie und Melodie liegt das Hauptgeheimnis der groen Kompositionen.
β) Was nun in dieser Rcksicht zweitens den besonderen Charakter der Melodie angeht, so scheinen mir folgende Unterschiede von Wichtigkeit zu sein.
αα) Die Melodie kann sich erstens in Ansehung ihres harmonischen Verlaufes auf einen ganz einfachen Kreis von Akkorden und Tonarten beschrnken, indem sie sich nur innerhalb jener gegensatzlos zueinanderstimmenden Tonverhltnisse ausbreitet, welche sie dann blo als Basis behandelt, um in deren Boden nur die allgemeineren Haltpunkte fr ihre nhere Figuration und Bewegung zu finden. Liedermelodien z. B., die darum nicht etwa oberflchlich werden, sondern von tiefer Seele des Ausdrucks sein knnen, lassen sich gewhnlich so in den einfachsten Verhltnissen der Harmonie hin und her gehen. Sie setzen die schwierigeren Verwicklungen der Akkorde und Tonarten gleichsam nicht ins Problem, insofern sie sich mit solchen Gngen und Modulierungen begngen, welche, um ein Zueinanderstimmen zu bewirken, sich nicht zu scharfen Gegenstzen weitertreiben und keine vielfachen Vermittlungen erfordern, ehe die befriedigende Einheit herzustellen ist.
Diese Behandlungsart kann allerdings auch zur Seichtigkeit fhren, wie in vielen modernen italienischen und franzsischen Melodien, deren Harmonienfolge ganz oberflchlicher Art ist, whrend der Komponist, was ihm von dieser Seite her abgeht, nur durch einen pikanten Reiz des Rhythmus oder durch sonstige Wrzen zu ersetzen sucht. Im allgemeinen aber ist die Leerheit der Melodie nicht eine notwendige Wirkung der Einfachheit ihrer harmonischen Basis.
ββ) Ein weiterer Unterschied besteht nun zweitens darin, da die Melodie sich nicht mehr wie in dem ersten Falle blo in einer Entfaltung von einzelnen Tnen auf einer relativ fr sich als bloer Grundlage sich fortbewegenden Harmonienfolge entwickelt, sondern da sich jeder einzelne Ton der Melodie als ein konkretes Ganzes zu einem Akkord ausfllt und dadurch teils einen Reichtum an Tnen erhlt, teils sich mit dem Gange der Harmonie so eng verwebt, da keine solche bestimmtere Unterscheidung einer sich fr sich auslegenden Melodie und einer nur die begleitenden Haltpunkte und den festeren Grund und Boden abgebenden Harmonie mehr zu machen ist. Harmonie und Melodie bleiben dann ein und dasselbe kompakte Ganze, und eine Vernderung in der einen ist zugleich eine notwendige Vernderung in der anderen Seite. Dies findet z. B. besonders in vierstimmig gesetzten Chorlen statt. Ebenso kann sich auch ein und dieselbe Melodie mehrstimmig so verweben, da diese Verschlingung einen Harmoniengang bildet, oder es knnen auch selbst verschiedene Melodien in der hnlichen Weise harmonisch ineinandergearbeitet werden, so da immer das Zusammentreffen bestimmter Tne dieser Melodien eine Harmonie abgibt, wie dies z. B. hufig in Kompositionen von Sebastian Bach vorkommt. Der Fortgang zerlegt sich dann in mannigfach voneinander abweichende Gnge, die selbstndig neben- und durcheinander hinzuziehen scheinen, doch eine wesentlich harmonische Beziehung aufeinander behalten, die dadurch wieder ein notwendiges Zusammengehren hereinbringt.
γγ) In solcher Behandlungsweise nun darf nicht nur die tiefere Musik ihre Bewegungen bis an die Grenzen unmittelbarer Konsonanz herantreiben, ja dieselbe, um zu ihr zurckzukehren, vorher sogar verletzen, sondern sie mu im Gegenteil das einfache erste Zusammenstimmen zu Dissonanzen auseinanderreien. Denn erst in dergleichen Gegenstzen sind die tieferen Verhltnisse und Geheimnisse der Harmonie, in denen eine Notwendigkeit fr sich liegt, begrndet, und so knnen die tief eindringenden Bewegungen der Melodie auch nur in diesen tieferen harmonischen Verhltnissen ihre Grundlage finden. Die Khnheit der musikalischen Komposition verlt deshalb den blo konsonierenden Fortgang, schreitet zu Gegenstzen weiter, ruft alle strksten Widersprche und Dissonanzen auf und erweist ihre eigene Macht in dem Aufwhlen aller Mchte der Harmonie, deren Kmpfe sie ebensosehr beschwichtigen zu knnen und damit den befriedigenden Sieg melodischer Beruhigung zu feiern die Gewiheit hat. Es ist dies ein Kampf der Freiheit und Notwendigkeit: ein Kampf der Freiheit der Phantasie, sich ihren Schwingen zu berlassen, mit der Notwendigkeit jener harmonischen Verhltnisse, deren sie zu ihrer uerung bedarf und in welchen ihre eigene Bedeutung liegt. Ist nun aber die Harmonie, der Gebrauch aller ihrer Mittel, die Khnheit des Kampfes in diesem Gebrauch und gegen diese Mittel die Hauptsache, so wird die Komposition leicht schwerfllig und gelehrt, insofern ihr entweder die Freiheit der Bewegung wirklich abgeht oder sie wenigstens den vollstndigen Triumph derselben nicht heraustreten lt.
γ) In jeder Melodie nmlich drittens mu sich das eigentlich Melodische, Sangbare, in welcher Art von Musik es sei, als das Vorherrschende, Unabhngige zeigen, das in dem Reichtume seines Ausdrucks sich nicht vergit und verliert. Nach dieser Seite hin ist die Melodie zwar die unendliche Bestimmbarkeit und Mglichkeit in Fortbewegung von Tnen, die aber so gehalten sein mu, da immer ein in sich totales und abgeschlossenes Ganzes vor unserem Sinne bleibt. Dies Ganze enthlt zwar eine Mannigfaltigkeit und hat in sich einen Fortschritt, aber als Totalitt mu es fest in sich abgerundet sein und bedarf insofern eines bestimmten Anfangs und Abschlusses, so da die Mitte nur die Vermittlung jenes Anfangs und dieses Endes ist. Nur als diese Bewegung, die nicht ins Unbestimmte hinausluft, sondern in sich selbst gegliedert ist und zu sich zurckkehrt, entspricht die Melodie dem freien Beisichsein der Subjektivitt, deren Ausdruck sie sein soll, und so allein bt die Musik in ihrem eigentmlichen Elemente der Innerlichkeit, die unmittelbar uerung, und der uerung, die unmittelbar innerlich wird, die Idealitt und Befreiung aus, welche, indem sie zugleich der harmonischen Notwendigkeit gehorcht, die Seele in das Vernehmen einer hheren Sphre versetzt.