
Wahrheit, Schlaf und Traum
Nachdem nun so die Erkenntnis Gottes und der Seele uns von jener Regel berzeugt hat, ist es leicht einzusehen, dass die Traumbilder, die wir im Schlaf vorstellen, uns keineswegs drfen zweifeln lassen an der Wahrheit der Gedanken, die wir im Wachen haben. Denn wenn es sich sogar im Schlaf trfe, dass man eine sehr deutliche Idee htte, wie zum Beispiel, dass ein Geometer irgendeinen neuen Beweis fnde, so wrde sein Schlaf nicht hindern, dass sein Beweis wahr sei; und was den gewhnlichsten Irrtum unserer Trume betrifft, dass sie uns nmlich verschiedene Objekte ganz so wie unsere ueren Sinne vorstellen, so ist der Schlaf nicht die Ursache, die uns veranlat, der Wahrheit solcher Vorstellungen zu mitrauen, denn wir knnen uns oft genug ganz ebenso tuschen, ohne zu schlafen, wie wenn beispielsweise die Gelbschtigen alles gelb sehen, oder wenn die Sterne oder andere weit entfernte Krper uns kleiner erscheinen, als sie sind. Denn zuletzt, ob wir wachen oder schlafen, drfen wir doch nur der einleuchtenden Klarheit (vidence) unserer Vernunft vertrauen. Wohlgemerkt, ich sage unserer Vernunft (raison) und nicht unserer Einbildung (imagination) oder unseren Sinnen (sens), wie wir denn die Sonne zwar sehr klar sehen, aber deshalb nicht urteilen drfen, sie sei so gro, wie wir sie sehen, und wir uns einen Lwenkopf sehr deutlich auf einem Ziegenleibe vorstellen knnen, ohne deshalb schlieen zu drfen, es gebe in der Welt eine Schimre. Denn die Vernunft sagt nicht, dass alles, was wir sehen oder uns einbilden, wahr sei, wohl aber sagt sie, dass alle unsere Ideen oder Begriffe ihren Grund in etwas Wahrem haben mssen; denn sonst htte Gott, der absolut vollkommen und wahr ist, sie unmglich in uns gesetzt. Und weil unsere Urteile whrend des Schlafs nie so einleuchtend und vollstndig sind wie whrend des Wachens, wenn auch unsere Einbildungen bisweilen im Schlaf noch lebhafter und ausgeprgter sind, so sagt die Vernunft uns auch, dass unsere Gedanken zwar nicht alle wahr sein knnen, weil wir nicht ganz vollkommen sind, dass aber diese Wahrheit unfehlbar in unseren wachen Gedanken eher als in unseren Trumen anzutreffen sein wird.