Grnde fr das Schreiben


Indessen bin ich spter aus anderen Grnden anderer Meinung geworden und zu der Ansicht gekommen, dass ich wirklich nicht aufhren drfte, alle Dinge, die ich fr einigermaen bedeutend hielt, niederzuschreiben, so wie ich ihre Wahrheit entdeckt, und dieselbe Sorgfalt darauf zu verwenden, als wenn ich sie drucken lassen wollte, aus zwei Absichten: einmal um desto mehr Gelegenheit zu ihrer Prfung zu haben, denn was mehrere sehen sollen, betrachtet man ohne Zweifel immer genauer, als was man nur fr sich macht, und was ich bei der ersten Konzeption oft fr wahr hielt, erschien mir falsch, wenn ich es niederschreiben wollte; dann, um keine Gelegenheit zu verlieren, nach meinen Krften gemeinntzig zu handeln, damit meine Schriften, wenn sie irgendeinen Wert haben, denen, welche sie nach meinem Tode besitzen werden, so viel Gewinn wie mglich bringen knnen. Ich selbst aber drfe nicht zulassen, dass sie whrend meines Lebens in die ffentlichkeit kmen, damit weder die Widersprche und Einwnde, die ihnen vielleicht widerfahren wrden, noch der Ruf, den sie mir vielleicht eintragen knnten, mir irgendeinen Anla geben, die meiner Belehrung gewidmete Zeit zu verlieren. Denn wiewohl es wahr ist, dass jeder Mensch nach seinen Krften fr das Wohl der anderen sorgen soll, und keinem ntzen soviel heit wie nichts wert sein, so ist es doch auch wahr, dass sich unsere Sorgfalt weiter als blo auf die Gegenwart erstrecken mu und dass es gut ist, manches, das vielleicht den Lebenden einigen Nutzen bringen kann, auer acht zu lassen, wenn man anderes leisten will, das unseren Enkeln mehr ntzen wird. Und so will ich es wissen lassen, dass die wenigen Einsichten, die ich bis jetzt erreicht habe, fast nichts sind im Vergleich mit dem, das ich nicht wei und das erlernen zu knnen ich die Hoffnung nicht aufgebe. Denn es verhlt sich mit denen, welche die Wahrheit in den Wissenschaften nach und nach entdecken, fast ebenso wie mit denen, die anfangen reich zu werden und nun weit leichter groe Erwerbungen machen als ehedem, da sie rmer waren. Man kann sie auch mit den Feldherren vergleichen, deren Krfte mit den Siegen zu steigen pflegen und die mehr Fhrungskunst ntig haben, um sich nach einer verlorenen Schlacht zu behaupten, als nach einer gewonnenen, um Stdte und Provinzen einzunehmen. Denn es kostet in der Tat Schlachten, wenn man alle Schwierigkeiten und Irrtmer zu besiegen unternimmt, die uns den Weg zur Erkenntnis der Wahrheit sperren, und es heit eine Schlacht verlieren, wenn man in einer etwas allgemeinen und bedeutenden Sache eine falsche Ansicht annimmt. Man bedarf dann, um sich in die frhere Geistesverfassung wieder zurckzubringen, einer weit greren Gewandtheit als zu groen Fortschritten ntig ist, wenn man sichere Prinzipien bereits hat.

Was mich betrifft, wenn ich vor dieser Zeit einige Wahrheiten in den Wissenschaften gefunden habe (und ich hoffe, aus dem Inhalt dieses Werks wird sich zeigen, dass ich deren einige gefunden habe), so kann ich sagen, es sind nur Folgen und Ableitungen von fnf oder sechs Hauptschwierigkeiten, die ich berwand und die ich fr ebenso viele Schlachten rechne, wo ich das Glck auf meiner Seite gehabt; ja, ich sage ohne Scheu, dass ich, wie mich dnkt, nur noch zwei oder drei solche Schlachten zu gewinnen brauche, um mit meinen Plnen vllig zustande zu kommen; und noch ist mein Alter nicht so vorgerckt, dass ich nach dem gewhnlichen Lauf der Natur nicht dazu noch Mue genug haben knnte. Um so mehr aber halte ich mich fr verpflichtet, mit der Zeit, die ich noch habe, sparsam umzugehen, als ich hoffen darf, sie gut anwenden zu knnen, und ich wrde ohne Zweifel viel Anla haben, sie zu verlieren, wenn ich die Grundlagen meiner Physik verffentlichte. Denn obgleich sie fast alle so einleuchtend sind, dass man sie nur zu hren braucht, um sie fr wahr zu halten, und obgleich ich sie in allen Stcken beweisen zu knnen meine, so knnen sie doch unmglich mit allen verschiedenen Ansichten anderer bereinstimmen, und ich sehe infolgedessen vorher, dass ich oft durch die Streitigkeiten wrde gestrt werden, welche die Folge wren.

Man kann sagen, dass solche Auseinandersetzungen ntzlich sein wrden, sowohl um mir meine Fehler zum Bewutsein zu bringen, als auch damit die anderen, wenn ich etwas Gutes htte, dadurch an Einsicht gewnnen; da nmlich viele immer mehr sehen knnen als einer, wrden jene sogleich anfangen, sich die Sache zunutze zu machen und dann auch mich mit ihren Erfindungen untersttzen. Indessen, obschon ich wei, wie sehr ich dem Irrtum unterworfen bin, und fast nie den ersten Gedanken, die mir einfallen, traue, so kenne ich doch aus Erfahrung die Einwnde, die man mir machen kann, genug, um davon irgendeinen Nutzen zu hoffen. Denn ich habe schon oft die Urteile sowohl derer erfahren, die ich fr meine Freunde gehalten, als auch anderer Leute, denen ich gleichgltig zu sein meinte, ja sogar einiger, deren Bosheit und Neid, wie ich wute, sich zur Genge anstrengte, das zu entdecken, was meinen Freunden ihre Neigung verbergen mochte. Aber selten war der Fall, dass man mir etwas eingewendet, das ich ganz und gar nicht vorausgesehen htte, es mte denn von meinem Thema sehr weit abgelegen haben. Und so habe ich fast nie einen Kritiker meiner Ansichten gefunden, der mir nicht entweder weniger streng oder weniger billig erschienen wre als ich selbst. Und ich habe auch nie bemerkt, dass man durch Schulstreitigkeiten eine vorher unbekannte Wahrheit entdeckt habe, denn whrend jeder sich zu siegen bemht, bt man sich weit mehr, das Wahrscheinliche gelten zu lassen, als die Grnde von beiden Seiten zu wgen, und solche, die lange Zeit gute Advokaten waren, sind deshalb nachher nicht bessere Richter.


 © textlog.de 2004 06.09.2026 15:51:12
Seite zuletzt aktualisiert: 17.12.2006 
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