Gott als vollkommenes Wesen


Da ich nun weiter bedachte, dass ich zweifelte und also mein Wesen nicht ganz vollkommen wre, denn ich sah klar, dass es vollkommener sei, zu erkennen als zu zweifeln, so verfiel ich auf die Untersuchung, woher mir der Gedanke an ein vollkommneres Wesen als ich selbst gekommen, und ich sah ohne weiteres ein (je connus videmment), dass er von einem Wesen herrhren msse, das in der Tat vollkommner sei. Was jene Gedanken betrifft, die ich von einer Menge auer mir befindlicher Wesen hatte, wie vom Himmel, der Erde, dem Licht, der Wrme und tausend anderen Dingen, so war ich ber deren Ursprung nicht so sehr in Verlegenheit; denn da ich in ihnen nichts bemerkte, was mir berlegen war, so konnte ich glauben, wenn sie wahr wren, dass sie einen Zubehr meiner Natur bildeten, sofern diese eine gewisse Vollkommenheit htte, und wenn sie nicht wahr wren, dass sie fr Ausgeburten des Nichts zu halten, das heit, dass sie in mir wren wegen der Mangelhaftigkeit meines Wesens. Aber das konnte sich nicht ebenso verhalten mit der Idee eines vollkommnern Wesens als das meinige, denn offenbar war es unmglich, diese Idee aus dem Nichts zu ziehen. Dass das vollkommenste Wesen Folge und Zubehr des weniger vollkommenen sein solle, ist kein geringerer Widerspruch, als dass aus nichts etwas hervorgehe. Darumkonnte ich jene Idee auch nicht fr ein Geschpf meiner selbst halten. Und so blieb nur brig, dass sie in mich gesetzt war durch ein in Wahrheit vollkommneres Wesen als ich, welches alle Vollkommenheiten, von denen ich eine Idee haben konnte, in sich enthielt, das heit, um es mit einem Worte zu sagen, durch Gott.

Dazu kam die Einsicht: weil ich einige Vollkommenheiten erkannte, die ich nicht hatte, so war ich nicht das einzige Wesen, das existierte (ich werde hier mit eurer Erlaubnis so frei sein, die Schultermini zu brauchen), sondern es mute notwendig ein anderes vollkommneres Wesen geben, von dem ich abhing und von dem ich alles, was ich besa, empfangen hatte; denn wre ich allein und von jedem anderen Wesen unabhngig gewesen, so dass ich von mir selbst die wenige mir eigene Vollkommenheit gehabt htte, so htte ich ebensogut von mir den ganzen berschu, von dem ich einsah, dass er mir fehlte, haben und somit selbst unendlich, ewig, unwandelbar, allwissend, allmchtig sein und endlich alle Vollkommenheiten besitzen knnen, die ich im Wesen Gottes erkannte. Denn nach den Gedankengngen, die ich eben vorgetragen habe, brauchte ich, um die Natur Gottes nach dem Vermgen der meinigen zu erkennen, nur bei allen Dingen, von denen ich eine Idee in mir fand, zu erwgen, ob ihr Besitz Vollkommenheit sei oder nicht; und ich war sicher, dass keine von denen, die eine Unvollkommenheit bezeichneten, wohl aber alle anderen in ihm enthalten waren. Denn ich sah, dass Zweifel, Unbestndigkeit, Trauer und hnliche Dinge nicht in ihm sein konnten, da ich ja selbst froh gewesen wre, von ihnen frei zu sein. Dann hatte ich weiter Ideen von einer Menge sinnlicher und krperlicher Dinge. Obwohl ich nmlich annahm, dass ich trumte und dass alles, was ich sah oder mir einbildete, falsch wre, so konnte ich doch nicht leugnen, dass die Ideen davon wirklich in meinem Denken vorhanden wren. Aber ich hatte schon an mir sehr klar eingesehen, dass die denkende Natur von der krperlichen unterschieden sei; da nun, wie ich erwog, jede Zusammensetzung Abhngigkeit, und jede Abhngigkeit offenbar (manifestement) ein Mangel war, so urteilte ich von hier aus, dass es in Gott keine Vollkommenheit sein knnte, aus diesen beiden Naturen zusammengesetzt zu sein, und dass er es folglich nicht wre; aber wenn es in der Welt einige Krper oder Geister oder andere Naturen gbe, die nicht ganz vollkommen wren, so mte ihr Wesen von der Macht Gottes dergestalt abhngen, dass sie ohne ihn nicht einen einzigen Augenblick sein knnten.


 © textlog.de 2004 06.09.2026 13:33:51
Seite zuletzt aktualisiert: 21.12.2006 
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