
Drittes Kapitel.
[Erluterung und Diskussion der gngigen Meinungen
zur Enthaltsamkeit]
Man knnte es aber bedenklich finden, dass einer trotz richtiger Ansichten sollte unenthaltsam sein knnen. Und daher behaupten Einige, bei Einem, der ein wahres Wissen in einer Sache habe, sei dieses unmglich. So meinte Sokrates, es sei entsetzlich, wenn Jemanden wirkliches Wissen inne wohnte, und doch etwas anderes strker wre und ihn wie einen Sklaven hin- und herzge. Sokrates nmlich bekmpfte berhaupt den Begriff, wie wenn es Unmigkeit gar nicht gbe. Niemand sollte ihm zufolge wissentlich gegen das Beste handeln, sondern immer nur aus Unwissenheit. Allein diese Vorstellung ist mit den klaren Tatsachen entzweit, und man mu nur sein Augenmerk auf den Affekt, die Leidenschaft, richten und wenn wirklich unwissentlich gefehlt wird, die Frage stellen, in welcher Art die Unwissenheit entsteht. Liegt es doch auf der Hand, dass der Unenthaltsame erst dann meint, das Verbotene tun zu sollen, wenn die Leidenschaft ihn bermannt.
Einige pflichten nun dem sokratischen Standpunkt in einer Hinsicht bei, in anderer nicht. Sie geben zu, dass nichts strker sei als die Wissenschaft, dass aber niemand gegen das nach seiner Meinung Bessere handele, geben sie nicht zu, und deshalb behaupten sie, wenn der Unenthaltsame von seinen Lsten bermannt werde, so habe er keine Wissenschaft, sondern nur eine Meinung. Aber, sollte uns bednken, wenn es sich um Meinen, nicht um Wissen handelt, und die der Lust ungnstige Annahme nicht auf starken, (1146a) sondern auf schwachen Fen steht und dem Zweifel nahe kommt, so verdient es Nachsicht, wenn man einer solchen Meinung bei starken Begierden nicht treu bleibt. Nun aber gebhrt der Schlechtigkeit wie allem, was sonst Tadel verdient, keine Nachsicht.
So wre es also die Klugheit, die hier Einspruch erhbe; denn sie ist im Besitze der sichersten und festesten Meinung. Aber das ist ungereimt; denn da wrde einer klug und unenthaltsam zugleich sein; und doch wrde niemand es fr des klugen Mannes Art ausgeben, freiwillig das schlechteste zu tun. Zudem ist vorhin gezeigt worden, dass der Kluge sich im Handeln zeigt; denn er ist ein Mann, der es mit dem Letzten, dem Einzelnen, zu tun hat und auerdem die anderen Tugenden, die sittlichen, besitzt.
Ferner, wenn man darum enthaltsam sein soll, weil man starke und schlechte Begierden hat, so wird der Mige nicht enthaltsam und der Enthaltsame nicht mig sein. Denn es ist weder des migen Mannes Art, heftige Begierden zu haben noch schlechte. Und doch mte dies so sein. Denn wenn die Begierden gut sind, so ist der Habitus, der uns abhlt, ihnen Folge zu geben, schlecht, so dass also nicht jede Enthaltsamkeit gut wre; wenn sie aber schwach und nicht schlecht sind, so ist es kein Ruhm, sie zu berwinden, und wenn sie schlecht und schwach sind, so ist es nichts groes, ihnen zu widerstehen.
Ferner, wenn die Enthaltsamkeit macht, dass man bei jeder Meinung beharrt, so ist sie schlecht, wenn sie einen z. B. auch bei einer falschen Meinung beharren lt; und wenn umgekehrt die Unenthaltsamkeit macht, dass man bei keiner Meinung beharrt, so mu es eine gute Unenthaltsamkeit geben, wie die des Neoptolemus im Philoktet des Sophokles eine war. Denn er verdiente Lob, weil er aus Abscheu vor der Lge nicht bei dem blieb, wozu er von Odysseus berredet werden war. Auch mu der sophistische Trugschlu fr den, der den gedachten Standpunkt vertritt, eine Schwierigkeit sein. Weil man nmlich etwas Paradoxes zu erweisen sucht, um sich, wenns gert, einen groen Schein zu geben, so bringt der Schlu, der herauskommt, den Hrer in Verlegenheit; denn das Denken findet sich alsdann gebunden, weil es sich einerseits bei der milichen Folgerung nicht beruhigen, und doch auch wieder, unvermgend den vorgebrachten Grund zu entkrften, nicht von der Stelle kommen kann. Auch wrde es eine Erwgung geben, die zu der Folgerung fhrte, dass Unverstand gepaart mit Unenthaltsamkeit Tugend wre. Man tut nmlich das Gegenteil von dem vermeintlich Rechten aus Unenthaltsamkeit, meint aber, das Gute sei schlecht und drfe nicht geschehn, und so wird man denn das Gute, nicht das Bse, tun.
Ferner, wer in gutem Glauben handelt und so das Lustbringende erstrebt und whlt, darf wohl als besser gelten denn jener, der das nicht in gutem Glauben, sondern aus Unenthaltsamkeit tut. Denn er ist leichter zu heilen, weil es mglich ist, dass er sich eines besseren belehren lt. Dagegen pat auf den Unenthaltsamen das Sprichwort, worin wir sagen: Wenn das Wasser wrgt, was soll man drauf trinken? (1146b) Denn wenn er von der Verkehrtheit seines Tuns nicht berzeugt gewesen wre, so htte er bei besserer berzeugung davon abgelassen; so aber wei er es besser, und handelt doch anders.
Ferner, wenn es in allem Unenthaltsamkeit und Enthaltsamkeit gibt, wer ist dann der Unenthaltsame an sich, und doch sagen wir von gewissen Leuten, dass sie schlechthin unenthaltsam sind.