Neuntes Kapitel.
[Der Unmige schlimmer als der Unenthaltsame]


Der Unmige fhlt, wie gesagt, keine Reue. Er bleibt bei seiner Willensrichtung. Der Unenthaltsame ist stets der Reue fhig. Es ist darum nicht so, wie wir zuvor in den Aporien meinten, sondern der eine ist unheilbar, der andere ist heilbar. Die Bosheit oder Schlechtigkeit gleicht nmlich solchen Krankheiten wie Wassersucht und Schwindsucht, die Unenthaltsamkeit der Epilepsie. Die eine ist dauernde, die andere nur zeitweilige Verkehrtheit. berhaupt aber gehrt die Unenthaltsamkeit und die Schlechtigkeit einer verschiedenen Gattung an. Denn die Schlechtigkeit wei nicht von sich, die Unenthaltsamkeit aber wohl.

(1151a) Unter den Unenthaltsamen selbst sind wieder die, die sofort aus dem Lot kommen, besser oder nicht so schlimm als die, die berlegen und an ihrem Entschlsse nicht festhalten. Denn die Leidenschaft, der letztere unterliegen, ist kleiner und kommt ihnen nicht unversehens wie jenen. Wer sich aus sittlicher Kraftlosigkeit nicht enthlt, gleicht einem Menschen, der rasch, von einem kleinen Quantum Wein und von weniger, als die meisten vertragen knnen, betrunken wird.

Dass also die Unenthaltsamkeit nicht Schlechtigkeit ist, leuchtet ein, sie mchte es jedoch beziehungsweise sein. Sie ist nmlich unvorstzlich, whrend die Schlechtigkeit vorstzlich ist; auf die Handlungen der Unenthaltsamkeit aber pat der Ausspruch des Demodokus ber die Milesier: die Milesier sind zwar keine Toren, handeln aber wie Toren. So ist auch der Unenthaltsame nicht ungerecht, tut aber unrecht. Da aber der eine von der Art ist, dass er nicht aus berzeugung, als ob es so gut wre, den bermigen und der rechten Vernunft zuwiderlaufenden Sinnesgenssen nachgeht, der andere dagegen wirklich meint, es sei so gut, und das eben darum, weil er so beschaffen ist, dass er der Lust nachgeht, so folgt, dass der erste leicht umzustimmen ist, der zweite nicht. Die Tugend und die Schlechtigkeit nmlich haben das an sich, dass diese das Prinzip verdirbt, jene es heil erhlt; bei den Handlungen aber ist der Zweck Prinzip, wie in der Mathematik die Voraussetzungen oder die obersten Axiome; nun ist aber weder dort, in der Mathematik, ein Grund, der die Prinzipien lehrte, noch hier, sondern Tugend, natrliche oder durch Gewhnung erworbene, lehrt recht ber das Prinzip des Handelns denken. Wer also so ist, wie ausgefhrt worden, ist mig, mit wem es umgekehrt steht, der ist unmig.

Mancher wird auch leidenschaftlich wider die rechte Vernunft erregt, den die Leidenschaft zwar so weit beherrscht, dass er nicht nach der rechten Vernunft handelt, aber nicht auch soweit, dass sie ihn zu einem Menschen machte, der berzeugt wre, man msse rckhaltlos den sinnlichen Lsten nachgehen. Das ist der Unenthaltsame, besser als der Unmige oder Zuchtlose, und nicht einfachhin schlecht. Denn er hat das Beste, das Prinzip, nicht verloren. Ein anderer ist das Gegenteil von ihm: wer fest bei der Vernunft bleibt und sich nicht von seinem Sinne bringen lt, wenigstens durch den Affekt nicht.

So sieht man denn hieraus, dass das eine der gute, das andere der schlechte Habitus ist.


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