
Fnftes Kapitel.
[Wissen und Unenthaltsamkeit]
Was nun die Ansicht betrifft, es sei wahre Meinung, nicht Wissen, was bei der Unenthaltsamkeit verleugnet wird, so ist dieses fr unsere Untersuchung ganz gleichgltig. Mancher meint nur und hat doch keinen Zweifel, sondern glaubt seiner Sache ganz sicher zu sein. Soll also der Meinende darum, weil seine berzeugung nur schwach ist, eher und leichter gegen seine Ansicht handeln, so kann zwischen Wissen und Meinen kein Unterschied sein. Denn mancher glaubt so fest an das, was er meint, wie andere an das, was sie wissen; das sieht man an Heraklit.
Man wird vielmehr, da Wissen ein doppelsinniger Ausdruck ist gilt doch als Wissender ebensowohl wer die Wissenschaft hat und sie nicht anwendet, als wer sie anwendet , unterscheiden mssen, ob jemand tut was er nicht soll, indem er zwar das Wissen hat, aber an das, was er wei, nicht denkt, oder indem er es hat und auch entsprechend denkt: das letztere erscheint schrecklich, nicht das erstere, wenn er an nichts denkt. (1147a) Da es ferner zwei Arten von Vorderstzen gibt, so steht nichts im Wege, dass man im Besitz beider dennoch gegen sein Wissen handelt, indem man nmlich den allgemeinen Vordersatz anwendet, den partikularen aber nicht; denn was zur Ausfhrung kommt, ist das einzelne. Aber auch beim allgemeinen ist ein Unterschied: man kann es nehmen, wie es fr sich und wie es in den Dingen ist; in der ersten Weise nimmt man es z. B. in dem Satz: allen Menschen frommt trockene Nahrung; in der zweiten in dem Satz: das ist ein Mensch, oder: diese Speise von dieser konkreten Beschaffenheit ist trocken. Dass aber dieses bestimmte Ding die und die Beschaffenheit hat, das wei man entweder nicht, oder man denkt nicht aktuell daran. So bekommen wir denn einmal gem diesen Arten der Geistesverfassung einen gar groen Unterschied, so dass es durchaus nicht ungereimt scheinen kann, wenn man sich in dem einen Fall verfehlt, desto verwunderlicher aber, wenn es in dem anderen geschehen sollte; sodann aber kann auch abgesehen von den jetzt angegebenen Weisen das Wissen noch in einer anderen Art im Besitz des Menschen angetroffen werden. Es tritt uns nmlich ein Unterschied des Habitus insofern entgegen, als man ihn zwar hat, aber nicht anwendet, so dass man ihn gleichsam hat und nicht hat, wie im Zustand des Schlafes, der Raserei und der Trunkenheit. In solcher Verfassung befindet sich nun eben der leidenschaftlich Erregte. Zorn, fleischliche Begierde und dergleichen verndern ja offenbar sogar den Krper und versetzen manche selbst in Raserei. So sieht man denn, dass der Zustand des Unenthaltsamen ganz hnlich aufzufassen ist. Dass man dabei Reden fhren kann, die aus dem Wissen stammen, ist kein Gegenbeweis. Es fhren ja wohl auch die, die sich in den bezeichneten Zustnden befinden, Sprche und Beweise des Empedokles an, und auch die Schler der Anfangsstufe reihen Worte an einander, wissen aber noch nicht, was sie bedeuten. Denn die Sache mu ihnen zuerst in Fleisch und Blut bergegangen sein, und das bedarf der Zeit. Man mu also annehmen, dass ein Mensch, der sich nicht beherrschen kann, Worte macht wie ein Schauspieler auf der Bhne.
Man kann sich die Ursache der Erscheinung, die uns beschftigt, auch in folgender Weise nach dem natrlichen Hergang in der Seele klar machen. Die eine das Handeln bestimmende Meinung ist allgemein, die andere geht auf das einzelne, das als solches der Sinnlichkeit untersteht. Wird nun aus den beiden Meinungen durch logische Verknpfung eine, so mu die Folgerung da, wo es sich blo um die Erkenntnis handelt, von der Seele bejaht, dagegen im Praktischen sogleich in die Handlung bersetzt werden; es mu z. B., wenn man alles Se verkosten mu und dieses bestimmte Ding, als ein im Allgemeinen befates Einzelnes, s ist, der Mensch, wenn er es kann und nicht gehindert oder abgehalten wird, dieses gleichzeitig auch tun. Wenn demnach zwar die eine allgemeine Meinung, die das Verkosten verbietet, in der Seele vorhanden ist, daneben aber eine andere, dass alles Se angenehm und dieses bestimmte Ding s ist und diese singulre Meinung wirkt , und wenn berdies die Begierde die Seele einnimmt, so heit zwar jene erste Meinung den Genu meiden, aber die Begierde treibt und fhrt zu ihm hin, da sie jeden Seelenteil zu bewegen vermag, (1147b) und so geschieht es, dass man gewissermaen durch Schuld der Vernunft und der Meinung unenthaltsam ist, einer Meinung aber, die nicht an sich, sondern mitfolgend mit der Vernunft entzweit ist; denn die Begierde, nicht die Meinung, ist mit der rechten Vernunft entzweit, daher die Tiere auch deswegen nicht unenthaltsam sind, weil sie keine Meinung von dem Allgemeinen haben, sondern nur Vorstellungsvermgen und Gedchtnis fr das Einzelne. Was die Weise betrifft, wie die Unwissenheit gehoben wird und der Unenthaltsame wieder zur Vernunft kommt, so verhlt es sich damit ebenso wie mit denen, die betrunken sind oder schlafen: es ist dies nicht etwas, was dem gedachten Seelenzustand eigentmlich wre, und man mu darber die Naturkundigen hren.
Da aber die zweite Prmisse im praktischen Schluverfahren eine Meinung ber etwas Sinnenflliges und Herrin der Handlungen ist, so ist der leidenschaftlich Erregte entweder nicht in ihrem Besitze oder doch nur so, dass dieser Besitz kein Wissen ist, sondern ein Reden in der Art, wie ein Betrunkener den Empedokles zitiert. Und weil der letzte Begriff, der das Handeln bestimmt, nicht allgemein und nicht hnlich wissenschaftlich wie ein allgemeiner erscheint, so gewinnt es auch das Ansehen, als ob das Philosophem des Sokrates zu recht bestnde. Denn nicht im Angesicht der eigentlich als solche erscheinenden Wissenschaft tritt die Leidenschaft auf, noch ist es Wissenschaft, die durch sie verkehrt wird, sondern nur der sinnlichen Erkenntnis gegenber kommt sie auf.
So viel sei denn gesagt ber die Frage, ob man wissend oder nicht wissend unenthaltsam ist, und bei welcher Art Wissen man es sein kann.