
Achtes Kapitel.
[Unmigkeit und Unenthaltsamkeit.
Unterarten der Unenthaltsamkeit]
Zu den auf dem Gefhl und dem Geschmack beruhenden Arten von Lust und Unlust, Begehren und Fliehen, die weiter oben als die Sphre der Unmigkeit und der Migkeit bezeichnet worden sind, kann man sich einesteils so verhalten, dass man denjenigen Regungen unterliegt, worber die Mehrzahl Herr bleibt, anderseits so, dass man ber die Herr bleibt, denen die Mehrzahl unterliegt. Hier heit der, der es mit der Lust zu tun hat, unenthaltsam oder enthaltsam, und der es mit der Unlust zu tun hat, weichlich oder abgehrtet. In der Mitte hlt sich der Habitus der meisten, wenn sie auch mehr nach der schlechten Seite neigen.
Da aber die verschiedenen Arten der Lust teils notwendig sind teils nicht, und die notwendigen es bis zu einem gewissen Grade sind, whrend das berma und der Mangel es nicht ist, und da es sich ebenso mit den verschiedenen Arten des Begehrens und der Unlust verhlt, so ist derjenige, der dem berma der Lust nachgeht oder der Lust auf bermige Weise, falls er es vorstzlich, um ihrer selbst willen, nicht wegen eines auer ihr liegenden Zweckes tut unmig und ledig der Zucht. Denn er ist der Reue unfhig und mithin unheilbar. Denn wo keine Reue, da keine Mglichkeit der Besserung. Das Gegenteil ist wer darin zu wenig tut, und in der Mitte steht der Mige, der Mann der Selbstzucht. Ihm steht gleich wer die krperliche Unlust flieht, nicht aus Schwche, sondern vorstzlich. Von denen, die nicht vorstzlich handeln, wird der eine durch die Lust verleitet, der andere durch die Scheu vor der Unlust der nicht gestillten Begierde, und so unterscheiden sie sich denn voneinander.
Jedermann aber hlt den fr schlimmer, der ohne Begierde oder mit schwacher Begierde Schndliches tut, als den, der es im Zustande heftiger Begierde tut, und den, der ohne Zorn schlgt, fr schlimmer als den, der es im Zorn tut. Denn was tte er erst in der Leidenschaft? Daher ist der Unmige schlimmer als der Unenthaltsame.
Von den Unterarten dieser Klasse ist die eine mehr weichlich, die andere mehr unenthaltsam. Dem Unenthaltsamen steht der Enthaltsame, dem Weichling der Abgehrtete gegenber. Die Abgehrtetheit zeigt sich nmlich im Widerstehen, die Enthaltsamkeit im Beherrschen. Das Widerstehen ist aber vom Beherrschen wie das nicht Unterliegen vom Siegen verschieden; daher ist auch die Enthaltsamkeit begehrenswerter als die Abgehrtetheit. (1150b) Wer sich in Dingen schwach zeigt, in denen die meisten widerstehen und widerstehen knnen, ist weichlich und verzrtelt denn auch die Verzrtelung ist eine Art Weichlichkeit , ist ein Mensch, der sein Gewand auf dem Boden schleifen lt, um nicht die Beschwerde des Aufhebens zu erleiden, der sich krank und leidend stellt und sich nicht fr elend hlt, wenn er dem Elenden hnlich ist. Ebenso verhlt es sich mit der Enthaltsamkeit und der Unenthaltsamkeit. Nicht wenn einer von starker und bermiger Lust oder Unlust berwltigt wird, liegt ein Grund zur Verwunderung vor, vielmehr ist solches verzeihlich, wenn man eine Zeitlang Widerstand geleistet hat, wie der von der Natter gebissene Philoktet des Theodektes oder Kerkyon in der Alope des Karkinus oder einer, der das Lachen verbeien will und dann auf einmal ausplatzt, wie es dem Xenophantus widerfuhr; wohl aber ist es verwunderlich und unverzeihlich, wenn einer in Dingen, denen sonst jedermann Widerstand zu leisten vermag, unterliegt und nicht zu widerstehen wei, vorausgesetzt, dass nicht die Natur des Geschlechtes oder Krankheit daran Schuld ist, wie den szythischen Knigen die Weichlichkeit durch Abstammung anhaftet, oder wie das weibliche Geschlecht im Verhltnis zum mnnlichen geartet ist.
Auch der ausgelassen Lustige ist scheinbar unmig; in Wirklichkeit ist er weichlich, da die Lustigkeit als Erholung eine Art der Ausspannung ist und das Zuviel in letzterer eben den ausgelassen Lustigen kennzeichnet.
Die Unenthaltsamkeit ist teils bereilung, teils Schwche. Die einen berlegen zwar, beharren aber in folge der Leidenschaft nicht bei ihrem Entschlusse, die anderen werden mangels vorheriger berlegung von der Leidenschaft fortgerissen. Wollten sie sich besser beraten, so widerfhre ihnen dieses nicht. Einige nmlich machen es wie die, die sich selbst vorher kitzeln, um keinen Kitzel zu empfinden, sie verstehen sich darauf, im voraus zu merken und zu sehen, und dann sich selbst und ihren Verstand wachzurufen, und so kann sie die Empfindung, sei sie lieb oder leid, nicht berwltigen.
Vorzglich trifft man die Unenthaltsamkeit aus bereilung bei den cholerischen und melancholischen Charakteren. Die einen warten wegen ihrer Raschheit, die anderen wegen ihrer Heftigkeit den Ausspruch der Vernunft nicht ab, weil sie gewohnt sind, sich von ihrer Einbildungskraft leiten zu lassen.