Elftes Kapitel.
[Das Glck und der Tod]


Sollen wir nun auch sonst keinen Menschen glcklich nennen, so lange er lebt, sondern nach dem Ausspruche des Solon sein Ende abwarten? Und wenn dies gelten soll, wre der Mensch vielleicht auch dann glckselig, wenn er gestorben ist? Oder ist das letztere nicht durchaus ungereimt, besonders fr uns, die wir die Glckseligkeit fr eine Ttigkeit erklren? Wenn wir aber nicht den Verstorbenen glckselig nennen und auch Solon es so nicht meint, sondern nur, da man erst dann einen Menschen mit Sicherheit glcklich nennen kann, weil er dann allem bel und Ungemach enthoben ist, so hat auch das sein Bedenken. Denn es scheint auch noch fr den Verstorbenen, so gut wie fr den Lebenden, der nichts davon erfhrt, bel und Gter zu geben, z. B. Ehrungen und Diffamationen, Glck und Unglck der Kinder und der Nachkommen berhaupt. Aber auch dabei findet sich ein Bedenken. Ein Mensch, der bis in sein hohes Alter glcklich gelebt hat und ebenso gestorben ist, kann noch mancherlei Vernderungen in seinen Nachkommen erleiden; die einen knnen tugendhaft sein und ein dem entsprechendes Lebenslos genieen, die anderen umgekehrt, und sonst knnen sie noch auf alle mgliche Weise von ihren Eltern sich unterscheiden. Und da wre es nun ungereimt, wenn der Tote sich mit vernderte und bald glcklich bald unglcklich wrde. Ungereimt wre es aber auch, wenn die Schicksale der Nachkommen nicht einmal fr gewisse Zeit die Eltern oder Vorfahren mit berhren sollten.

Kommen wir indessen auf das erste Bedenken zurck. Denn mit ihm findet gleichzeitig vielleicht auch dieses zweite seine Erledigung.

Soll man wirklich das Ende abwarten mssen und dann erst einen Menschen glcklich preisen drfen, nicht als wre er es dann, sondern weil er es vorher war, wie wre es da nicht ungereimt, dass zur Zeit seines Glcks dieses Wirkliche nicht mit Wahrheit von ihm soll ausgesagt werden, (1100b) weil man die Lebenden wegen der Wechselflle des Schicksals nicht glcklich preisen mag, und weil die Glckseligkeit fr etwas Bleibendes und sehr schwer Wandelbares gilt, whrend die Geschicke sich oft bei denselben Menschen im Kreise bewegen? Offenbar mte man, wenn man sich so nach den Schicksalen richten wollte, denselben Menschen oftmals glckselig und wieder unglckselig nennen und so den Glckseligen fr eine Art Chamleon erklren und fr einen Mann, der auf schwachen Fen steht. Ist es nicht vielmehr ganz und gar verkehrt, hier auf die Schicksale zu sehen, da in ihnen nicht das Heil und Unheil liegt, sondern das menschliche Leben, wie wir gesagt haben, der Glcksgter nur wie einer Zugabe bedarf, whrend fr die Glckseligkeit die tugendhaften Handlungen entscheidend sind und fr die Unglckseligkeit die entgegengesetzten?

brigens erhlt unsere Definition auch durch dieses Bedenken eine erneute Besttigung. Bei keinem menschlichen Dinge ist eine solche Bestndigkeit zu finden wie in den tugendhaften Ttigkeiten. Sie erscheinen ja noch bestndiger als das Wissen, und unter ihnen selbst sind wieder die vornehmsten die bestndigsten, insofern der Glckliche am meisten und am anhaltendsten in ihnen lebt. Denn daher kommt es wohl, da sie nicht in Vergessenheit geraten. So wird denn das Geforderte sich wirklich bei dem wahrhaft Glcklichen finden, und sein Leben lang wird er sein, was sein Name besagt. Denn stets oder hufiger als alles andere wird die Tugend der Gegenstand seiner Ttigkeit und seiner Betrachtung sein, und stets wird die Unglcksflle aufs beste und in alle Weise wrdiglich zu tragen wissen der wahrhaft tugendhafte Mann, der Mann der feste Mann ohne Fehl.

Da aber vieles von der Laune des Glcks abhngt, Groes und Kleines, so leuchtet ein, da die kleinen Glcks- wie Unglcksflle fr das Leben keinen Ausschlag geben; groe und viele Ereignisse dagegen machen, wenn sie glcklich ausfallen, das Dasein noch glcklicher (denn sie selbst sind naturgem des Lebens Schmuck, und der Gebrauch, den man von ihnen macht, wird lobenswert und tugendgem sein); fallen sie aber umgekehrt aus, so sind sie fr das Lebensglck wie ein Druck und eine Trbung, da sie schmerzen und an mancher Ttigkeit verhindern. Allein auch hier wird die sittliche Schnheit durchleuchten, wenn man viele schwere Schlge des Schicksals gelassen ertrgt, nicht aus Gefhllosigkeit, sondern aus edler und hoher Gesinnung.

Wenn aber wirklich, wie wir das vorhin ausgesprochen haben, die Ttigkeiten es sind, die ber das Leben entscheiden, so kann keiner, der glckselig ist, unglckselig werden, da er niemals hassenswertes und schlechtes tun wird. (1101a) Der wahrhaft Tugendhafte und Verstndige wird, das steht zu hoffen, jedes Geschick mit Wrde tragen und immer dasjenige tun, was unter den jedesmaligen Umstnden das beste ist, wie wir uns ja auch den guten Strategen als einen Mann vorstellen, der sein Heer, wie es eben ist, so gut als mglich zum Kriege verwendet, und den guten Schuster als einen Mann, der aus dem verfgbaren Leder so gute Schuhe wie mglich macht, und so weiter durch den ganzen Bereich der Knste. Ist dem aber so, dann kann der Glckselige zwar niemals ganz unglcklich werden, aber freilich auch nicht vollkommen glcklich sein, wenn ihm das Los eines Priamus beschieden ist. So ist denn auch sein Stand nicht etwa buntem Wechsel unterworfen. Denn einerseits wird er seiner Glckseligkeit nicht leicht und nicht durch die ersten besten Unflle, sondern nur durch schwere und zahlreiche Schicksalsschlge verlustig gehen, andererseits wird er aber auch nach solchen Heimsuchungen nicht in kurzer Zeit wieder glckselig werden knnen, sondern, wenn berhaupt, erst nach langer und geraumer Zeit, wenn er in derselben groer Gter teilhaftig geworden ist.

Was hindert uns demnach als glckselig zu bezeichnen denjenigen, der gem vollendeter Tugend ttig und dabei mit den ueren Gtern wohl ausgestattet ist, und das nicht blos eine kurze Zeit, sondern ein ganzes, volles Leben lang. Oder sollen wir noch hinzusetzen, dass er auch in Zukunft so leben und in diesen Verhltnissen sterben msse, da wir die Zukunft nicht kennen und doch von der Glckseligkeit behaupten, da sie Endziel und schlechthinnige Vollendung ist. Demgem werden wir diejenigen unter den Lebenden glckselig nennen, denen die genannten Dinge zukommen und zukommen werden, aber freilich glckselig nur als Menschen.

Hierber sei denn soviel festgestellt. Dass aber die Schicksale der Nachkommen und aller Freunde die Glckseligkeit ganz und gar nicht berhren sollen, erscheint doch allzu inhuman und den allgemeinen berzeugungen widersprechend. Da aber der Ereignisse so viele und so vielfach verschiedene sind und uns manche mehr, manche weniger berhren, so wre es eine langwierige, ja endlose Aufgabe, alle einzelnen Flle zu unterscheiden, und es wird gengen, wenn wir nur im allgemeinen und im Umri darber sprechen.

Da also, wie von den eigenen Unglcksfllen nur ein Teil von Belang und Gewicht ist, andere aber unbedeutender erscheinen, es sich grade so mit den Schicksalen aller Freunde verhlt, und da ferner der Unterschied, ob Unflle Lebende oder Verstorbene treffen, ungleich grer ist als der, ob gesetzwidrige und furchtbare Handlungen in den Tragdien vorkommen oder in der Wirklichkeit, so mu freilich auch dieser Unterschied in Rechnung gebracht werden, aber wohl noch mehr der Umstand, da man bezglich der Verstorbenen im Ungewissen darber ist, ob sie an den Gtern und beln dieses Lebens noch Anteil haben. (1101b) Denn aus den angefhrten Grnden ist wohl, wenn auch etwas Gutes oder Schlimmes die Toten noch berhrt, dasselbe nur etwas Schwaches und Geringes entweder an sich oder fr sie, oder doch nur von der Bedeutung und Beschaffenheit, dass es sie nicht glcklich macht, wenn sie es nicht sind, noch, wenn sie es sind, sie ihrer Glckseligkeit beraubt. Es mochte nun das Glck wie das Unglck ihrer Freunde fr die Hingeschiedenen wirklich von einiger Bedeutung sein, doch nur in der Art und so weit, da es weder die Glckseligen unselig machen, noch sonst ihren Zustand umgestalten kann.


 © textlog.de 2004 06.09.2026 16:08:06
Seite zuletzt aktualisiert: 15.10.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright