
Fnftes Kapitel.
[Vollkommenheit und Selbstgengsamkeit]
Kommen wir nun wieder auf das fragliche Gut zurck, um zu ermitteln, was es sein mge. Wir sehen, dass es in jeder Ttigkeit und Kunst immer ein anderes ist: ein anderes in der Medizin, in der Strategik u. s. w. Was ist nun also das eigentmliche Gut einer jeden? Doch wohl das, wegen dessen in jeder alles andere geschieht. Das wre in der Medizin die Gesundheit, in der Strategik der Sieg, in der Baukunst das Haus, in anderen Knsten wieder ein anderes, und bei allem Handeln und Wollen das Ziel. Dieses ist es immer, wegen dessen man das brige tut. Wenn es daher fr alles, was unter die menschliche Handlung fllt, ein gemeinsames Ziel gibt, so ist dieses das durch Handeln erreichbare Gut, und wenn mehrere, diese. So ist denn unsere Errterung auch auf diesem Wege wieder zu dem gleichen Ergebnis gelangt. Jedoch mssen wir versuchen, dasselbe noch besser zu verdeutlichen.
Da der Ziele zweifellos viele sind und wir deren manche nur wegen anderer Ziele wollen, so leuchtet ein, dass sie nicht alle Endziele sind, whrend doch das hchste Gut ein Endziel und etwas Vollendetes sein mu. Wenn es daher nur ein Endziel gibt, so mu dieses das Gesuchte sein, und wenn mehrere, dasjenige unter ihnen, welches im hchsten Sinne Endziel ist. Als Endziel in hherem Sinne gilt uns das seiner selbst wegen Erstrebte gegenber dem eines andern wegen Erstrebten und das, was niemals wegen eines anderen gewollt wird, gegenber dem, was ebenso wohl deswegen wie wegen seiner selbst gewollt wird, mithin als Endziel schlechthin und als schlechthin vollendet, was allezeit seinetwegen und niemals eines anderen wegen gewollt wird. Eine solche Beschaffenheit scheint aber vor allem die Glckseligkeit zu besitzen. (1097b) Sie wollen wir immer wegen ihrer selbst, nie wegen eines anderen, whrend wir die Ehre, die Lust, den Verstand und jede Tugend zwar auch ihrer selbst wegen wollen (denn wenn wir auch nichts weiter von ihnen htten, so wrden uns doch alle diese Dinge erwnscht sein), doch wollen wir sie auch um der Glckseligkeit willen in der berzeugung eben durch sie ihrer teilhaftig zu werden. Die Glckseligkeit dagegen will keiner wegen jener Gter und berhaupt um keines anderen willen.
Zu demselben Ergebnis mag uns der Begriff des Gengens fhren. Das vollendet Gute mu sich selbst gengen. Wir verstehen darunter ein Gengen nicht blo fr den Einzelnen, der fr sich lebt, sondern auch fr seine Eltern, Kinder, Weib, Freunde und Mitbrger berhaupt, da der Mensch von Natur fr die staatliche Gemeinschaft bestimmt ist. Indessen mu hier eine Grenze gezogen werden. Denn wollte man dies noch weiter auf die Vorfahren und Nachkommen und auf die Freunde der Freunde ausdehnen, so kme man an kein Ende. Dies soll spter in Betracht genommen werden. Als sich selbst gengend gilt uns demnach das, was fr sich allein das Leben begehrenswert macht und keines weiteren bedarf. Fr etwas Derartiges aber halten wir die Glckseligkeit, ja, fr das Allerbegehrenswerteste, ohne dass sie mit anderem, was man auch begehrt, von gleicher Art wre. Denn wre sie das, so wrde sie offenbar durch den Hinzutritt des kleinsten Gutes noch in hherem Grade begehrenswert werden, da das Hinzugefgte ein Mehr des Guten bedeutet und das grere Gut auch naturgem immer mehr begehrt wird.
Also: die Glckseligkeit stellt sich dar als ein Vollendetes und sich selbst Gengendes, da sie das Endziel alles Handelns ist.