Dreizehntes Kapitel.
[Die Tugend und die Teile der Seele]


Da aber die Glckseligkeit eine der vollendeten Tugend geme Ttigkeit der Seele ist, so haben wir die Tugend zum Gegenstande unserer Untersuchung zu machen, da wir dann auch die Glckseligkeit besser werden verstehen lernen. Um die Tugend scheint auch der wahre Staatsmann sich am meisten zu bemhen, da er die Brger tugendhaft und den Gesetzen gehorsam machen will. Ein Beispiel dafr haben wir an den Gesetzgebern der Kreter und Lakedmonier und wohl noch an einigen anderen dieser Art. Wenn sonach diese Betrachtung zur Staatskunst gehrt, so bleibt unsere Untersuchung zweifellos dem eingangs bezeichneten Plan treu. Die Tugend aber, der unsere Betrachtung gilt, kann selbstverstndlich nur die menschliche sein. Wir wollten ja auch nur das menschliche Gut und die menschliche Glckseligkeit zu ermitteln suchen.

Unter menschlicher Tugend verstehen wir aber nicht Tchtigkeit des Leibes, sondern solche der Seele, wie wir ja auch unter der Glckseligkeit eine Ttigkeit der Seele verstehen. Ist aber dem also, so mu der Staatsmann und der Lehrer der Staatswissenschaft bis zu einem gewissen Grade mit der Seelenkunde vertraut sein, grade wie wer die Augen oder sonst einen Leibesteil heilen will, deren Beschaffenheit kennen mu, und zwar jener noch vielmehr als dieser, weil die Staatskunst viel wrdiger und besser ist als die Heilkunst. In der Tat machen sich die tchtigen rzte mit der Untersuchung des Krpers sehr viel zu schaffen. So mu nun auch der Lehrer der Staatskunst die Seele zum Gegenstande seiner Betrachtung machen, aber immer nur um der angegebenen Zwecke willen und soweit, als es fr diese Zwecke gengt; noch genauer darauf einzugehen, ist wohl fr die vorliegende Aufgabe nicht ntig.

Einiges aus der Seelenlehre ist nun in den exoterischen Schriften ausreichend behandelt und mag hier Verwendung finden. So, dass die Seele einen unvernnftigen und einen vernnftigen Teil hat. Ob diese beiden Teile sich so von einander unterscheiden wie die Teile des Krpers und alles Teilbare, oder ob sie ihrer Natur nach untrennbar und nur dem Begriffe nach zwei sind wie die innere und uere Seite der Kreisperipherie, ist fr unseren Zweck gleichgltig. In dem unvernnftigen Vermgen ist wieder ein Teil wie ein allem Lebendigen Gemeinsames, nmlich das vegetative Vermgen, das Prinzip der Ernhrung und des Wachstums. (1102b) Denn ein solches Seelenvermgen ist wohl in allem, was sich ernhrt, schon fr die Embryonen anzunehmen und ebenso fr die ausgebildeten Individuen, und zwar mit grerer Wahrscheinlichkeit als irgendein anderes. Dasselbe hat nun offenbar eine generelle, nicht die spezifisch menschliche Vollkommenheit. Denn dieser Teil und dieses Vermgen scheint ganz besonders im Schlafe ttig zu sein; im Schlafe aber sind der Gute und der Schlechte am wenigsten zu erkennen. Daher auch das Sprichwort: Zwischen den Glcklichen und den Unglcklichen ist ihr halbes Leben lang kein Unterschied. Dies ist auch nicht auffallend. Denn der Schlaf ist eine Unttigkeit der Seele, insofern sie tugendhaft und schlecht genannt wird, nur dass manche von den im wachen Zustande vorausgegangenen Bewegungen sich allmlich im Schlafe einigermaen zur Geltung bringen und in dieser Hinsicht die Trume tugendhafter Menschen besser werden als die beliebiger Leute.

Doch genug hiervon und lassen wir das vegetative Vermgen, da es von Natur an der menschlichen Tugend keinen Teil hat. Es scheint aber auch ein anderer Teil der Seele ohne Vernunft zu sein, jedoch in gewisser Beziehung an der Vernunft teil zu nehmen. Wir loben nmlich an dem Enthaltsamen und Unenthaltsamen die Vernunft und den vernnftigen Seelenteil. Denn er ermahnt richtig und zum Guten. Aber die Erfahrung lehrt, dass den Genannten noch ein anderes Prinzip auer der Vernunft eingepflanzt ist, das dieser widerstrebt und widerstreitet. Wie gelhmte Leibesteile, wenn man sie nach rechts bewegen will, umgekehrt sich nach links drehen, so und nicht anders verhlt es sich mit der Seele: die Begierden des Unenthaltsamen gehen auf das Gegenteil von dem, was die Vernunft gebietet, nur dass man die Verkehrung am Leibe sieht, dagegen an der Seele nicht. Trotzdem mgen wir berzeugt sein, dass auch in der Seele etwas auer der Vernunft vorhanden ist, was dieser entgegensteht und widerstreitet. In wie weit dasselbe von der Vernunft verschieden ist, ist hier gleichgltig. Und doch scheint es wie gesagt an der Vernunft teil zu nehmen. Es gehorcht ihr ja beim Enthaltsamen. Noch gehorsamer aber ist es beim Migen und Starkmtigen, bei denen alles mit der Vernunft im Einklang steht.

Es erweist sich also auch das unvernnftige Vermgen als zweifach: das pflanzliche hat gar nichts mit der Vernunft gemein, das sinnlich begehrende dagegen und berhaupt das strebende Vermgen nimmt an ihr in gewisser Weise teil, insofern es auf sie hrt und ihr Folge leistet. Das wre also etwa in der Art, wie wir uns in praktischen Dingen nach dem Rate des Vaters und der Freunde, nicht wie in der Wissenschaft nach den Stzen der Mathematik richten. Dass aber der unvernnftige Teil gewissermaen von der Vernunft berredet wird, beweisen auch die Ermahnungen, alle Zurechtweisung und Ermunterung. (1103a) Soll man aber diesem Teil ebenfalls Vernunft zuschreiben, so ist auch das vernnftige Vermgen zweifach: das eine hat eigentlich Vernunft und hat sie in sich selbst, das andere hat sie wie ein Kind, das auf seinen Vater hrt.

Nach diesem Unterschiede wird auch die Tugend eingeteilt. Von den Tugenden nennen wir die einen dianotische oder Verstandestugenden, die anderen ethische oder sittliche Tugenden. Verstandestugenden sind Weisheit, Verstand und Klugheit, sittliche Tugenden Freigebigkeit und Migkeit. Denn wenn wir von dem sittlichen Charakter sprechen, sagen wir nicht, dass einer weise oder verstndig, sondern dass er sanft und mig ist. Wir loben aber auch den Habitus der Weisheit. Ein lobenswerter Habitus wird aber Tugend genannt.


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