I. Mibrauch der Assoziationsfreiheit


Auf der psychoanalytischen Grundregel Freuds, der Pflicht des Patienten, alles mitzuteilen, was ihm im Laufe der Analysenstunde einfllt, beruht die ganze Methode. Von dieser Regel darf man unter keinen Umstnden eine Ausnahme gestatten und mu unnachsichtig alles ans Tageslicht ziehen, was der Patient, mit welcher Motivierung immer, der Mitteilung zu entziehen sucht. Hat man aber den Patienten, mit nicht geringer Mhe, zur wrtlichen Befolgung dieser Regel erzogen, so kann es vorkommen, da sich sein Widerstand gerade dieser Grundregel bemchtigt und den Arzt mit der eigenen Waffe zu schlagen versucht:  

Zwangsneurotiker greifen manchmal zum Auskunftsmittel, da sie die Aufforderung des Arztes, alles, auch das Sinnlose mitzuteilen, wie absichtlich miverstehend, nur sinnloses Zeug assoziieren. Lt man sie ruhig gewhren und unterbricht sie nicht, in der Hoffnung, da sie dieses Vorgehens mit der Zeit mde werden, so wird man oft in seiner Erwartung getuscht; bis man schlielich zur berzeugung gelangt, da sie unbewut die Tendenz verfolgen, den Arzt ad absurdum zu fhren. Sie liefern bei dieser Art oberflchlicher Assoziation zumeist eine ununterbrochene Reihe von Worteinfllen, deren Auswahl natrlich auch jenes unbewute Material, vor dem der Patient sich flchtet, durchschimmern lt. Zu einer eingehenden Analyse der einzelnen Einfalle kann es aber berhaupt nicht kommen, denn wenn wir etwa auf gewisse auffllige, versteckte Zge hinweisen, bringen sie statt der Annahme oder Ablehnung unserer Deutung einfach - weiteres sinnloses Material. Es bleibt uns da nichts anderes brig, als den Patienten auf das Tendenzise seines Vorgehens aufmerksam zu machen, worauf er nicht ermangeln wird, uns gleichsam triumphierend vorzuwerfen: Ich tue ja nur, was Sie von mir verlangen, ich sage einfach jeden Unsinn, der mir einfllt. Zugleich macht er etwa den Vorschlag, man mge von der strengen Einhaltung der Grundregel abstehen, die Gesprche systematisch ordnen, an ihn bestimmte Fragen richten, nach dem Vergessenen methodisch oder gar mittels Hypnose forschen. Die Antwort auf diesen Einwand fllt uns nicht schwer; wir fordern vom Patienten allerdings, da er jeden Einfall, auch den unsinnigen, mitteile, verlangen aber durchaus nicht, da er ausschlielich unsinnige oder unzusammenhngende Worte hersage. Dieses Benehmen widerspricht - so erklren wir ihm - gerade jener psychoanalytischen Regel, die jede kritische Auswahl unter den Einfllen verbietet. Der scharfsinnige Patient wird darauf erwidern, er knne ja nichts dafr, da ihm lauter Unsinn eingefallen sei, und kommt etwa mit der unlogischen Frage, ob er von nun an das Unsinnige verschweigen solle. Wir drfen uns nicht rgern, sonst htte ja der Patient seinen Zweck erreicht, sondern mssen den Patienten zur Fortsetzung der Arbeit verhalten. Die Erfahrung zeigt, da unsere Mahnung, mit der freien Assoziation keinen Mibrauch zu treiben, meist den Erfolg hat, da dem Patienten von da an nicht nur Unsinn einfllt.  

Eine einmalige Auseinandersetzung hierber gengt in den seltensten Fllen; gert der Patient wieder in Widerstand gegen den Arzt oder die Kur, so beginnt er nochmals sinnlos zu assoziieren, ja er stellt uns vor die schwierige Frage, was er wohl tun soll, wenn ihm nicht einmal ganze Worte, sondern nur unartikulierte Laute, Tierlaute, oder statt der Worte Melodien einfallen. Wir ersuchen den Patienten, jene Laute und Melodien wie alles andere getrost laut werden zu lassen, machen ihn aber auf die bse Absicht, die in seiner Befrchtung steckt, aufmerksam.  

Eine andere uerungsform des Assoziationswiderstandes ist bekanntlich die, da dem Patienten berhaupt nichts einfllt. Diese Mglichkeit kann auch ohne weiteres zugegeben werden. Schweigt aber der Patient lngere Zeit, so bedeutet das zumeist, da er etwas verschweigt. Das pltzliche Stillwerden des Kranken mu also stets als passagres Symptom gedeutet werden.  

Langandauerndes Schweigen erklrt sich oft dadurch, da der Auftrag, alles mitzuteilen, immer noch nicht wrtlich genommen wird. Befragt man den Patienten nach einer lngeren Pause ber seine psychischen Inhalte whrend des Schweigens, so antwortet er vielleicht, er htte nur einen Gegenstand im Zimmer betrachtet, eine Empfindung oder Parsthesie in diesem oder jenem Krperteil gehabt usw. Es bleibt uns oft nichts anderes brig, als dem Patienten nochmals auseinanderzusetzen, alles, was in ihm vorgeht, also Sinneswahrnehmungen ebenso wie Gedanken, Gefhle, Willensimpulse, anzugeben. Da aber diese Aufzhlung nie vollstndig sein kann, wird der Patient, wenn er im Widerstand rckfllig wird, immer noch eine Mglichkeit finden, sein Schweigen und Verschweigen zu rationalisieren. Manche sagen z. B., sie htten geschwiegen, da sie keinen klaren Gedanken, sondern nur undeutliche, verschwommene Sensationen gehabt htten. Natrlich beweisen sie damit, da sie ihre Einfalle trotz gegenteiligen Auftrags immer noch kritisieren.  

Sieht man dann, da die Aufklrungen nichts fruchten, so mu man annehmen, da der Patient uns nur zu umstndlichen Aufklrungen und Erklrungen verlocken und dadurch die Arbeit aufhalten will. In solchen Fllen tut man am besten, dem Schweigen des Patienten das eigene Schweigen entgegenzusetzen. Es kann vorkommen, da der grte Teil der Stunde vergeht, ohne da Arzt oder Patient auch nur ein Wort gesprochen htten. Das Schweigen des Arztes kann der Patient schwer ertragen; er bekommt die Empfindung, da ihm der Arzt bse ist, das heit, er projiziert sein schlechtes Gewissen auf den Arzt, und das bringt ihn schlielich dazu, nachzugeben und mit dem Negativismus zu brechen.  

Selbst durch die Drohung des einen oder anderen Patienten, vor Langweile einzuschlafen, drfen wir uns nicht beirren lassen; allerdings schlief in einigen Fllen der Patient fr kurze Zeit wirklich ein, doch aus dem raschen Erwachen mute ich darauf schlieen, da das Vorbewute auch whrend des Schlafens an der Kursituation festgehalten hatte. Die Gefahr, da der Patient die ganze Stunde verschlft, besteht also nicht.1) 

Mancher Patient erhebt den Einwand gegen das freie Assoziieren, da ihm zu vieles auf einmal einfllt und er nicht wei, was er davon zuerst mitteilen soll. Gestattet man ihm, die Reihenfolge selbst zu bestimmen, so antwortet er etwa, er knnte sich nicht entschlieen, dem einen oder dem anderen Einfall den Vorzug zu geben. In einem solchen Falle mute ich zum Auskunftsmittel greifen, vom Patienten alles in der Reihenfolge erzhlen zu lassen, wie es ihm eingefallen ist. Der Patient antwortete mit der Befrchtung, es knnten so, whrend er den ersten Gedanken der Reihe verfolgt, die anderen in Vergessenheit geraten. Ich beruhigte ihn mit dem Hinweis, da alles, was wichtig ist - auch wenn es zunchst vergessen scheint - spter von selbst zum Vorschein kommen wird.2)  

Auch kleine Eigenheiten in der Art des Assoziierens haben ihre Bedeutung. Solange der Patient jeden Einfall mit dem Satze einleitet: Ich denke daran, da ..., zeigt er uns an, da er zwischen Wahrnehmung und Mitteilung des Einfalles eine kritische Prfung einschaltet. Manche ziehen es vor, unliebsame Einfalle in die Form einer Projektion auf den Arzt zu kleiden, indem sie etwa sagen: Sie denken sich jetzt, ich meine damit, da ..., oder: Natrlich werden Sie das so deuten, da ... Auf die Aufforderung, die Kritik auszuschalten, replizieren manche: Kritik sei schlielich auch ein Einfall, was man ihnen ohne weiteres zugeben mu, nicht ohne sie darauf aufmerksam zu machen, da, wenn sie sich streng an die Grundregeln halten, es nicht vorkommen kann, da die Mitteilung der Kritik der des Einfalls vorausgeht oder sie gar ersetzt.  

In einem Falle war ich gentigt, der psychoanalytischen Regel direkt widersprechend, den Patienten dazu zu verhalten, den angefangenen Satz immer zu Ende zu erzhlen. Ich merkte nmlich, da, sobald der begonnene Satz eine unangenehme Wendung nahm, er ihn nie zu Ende sagte, sondern mit einem Apropos mitten im Satze auf etwas Unwichtiges, Nebenschliches ausglitt. Es mute ihm erklrt werden, da die Grundregel zwar nicht das Zuendedenken eines Einfalles, wohl aber das Zuendesagen des einmal Gedachten fordert. Es hatte aber zahlreicher Mahnungen bedurft, bis er das lernte.  

Auch sehr intelligente und sonst einsichtsvolle Patienten versuchen manchmal, die Methode der freien Assoziation dadurch ad absurdum zu fhren, da sie uns vor die Frage stellen: was aber, wenn ihnen einfiele, pltzlich aufzustehen und wegzulaufen, oder den Arzt krperlich zu mihandeln, totzuschlagen, ein Mbelstck zu zertrmmern usw. Wenn man ihnen dann erklrt, da sie nicht den Auftrag bekamen, alles zu tun, was ihnen einfllt, sondern nur alles zu sagen, so antworten sie zumeist mit der Befrchtung, sie knnten Denken und Handeln nicht so scharf trennen. Wir knnen solche berngstliche beruhigen, da diese Befrchtung nur eine Reminiszenz aus der Kinderzeit ist, wo sie solcher Unterscheidung tatschlich noch nicht fhig waren.  

In selteneren Fllen werden allerdings die Patienten von einem Impuls frmlich berwltigt, so da sie, anstatt weiter zu assoziieren, ihre psychischen Inhalte zu agieren anfangen. Nicht nur, da sie statt der Einfalle passagere Symptome produzieren, sondern sie fhren manchmal bei vollem Bewutsein komplizierte Handlungen aus, ganze Szenen, von deren bertragungs- oder Wiederholungsnatur sie nicht die geringste Ahnung haben. So sprang ein Patient bei gewissen aufregenden Momenten der Analyse vom Sofa auf, ging im Zimmer auf und ab und stie dabei Schimpfworte aus. Die Bewegungen sowohl als die Schimpfworte fanden dann in der Analyse ihre historische Begrndung.  

Eine hysterische Patienten vom infantilen Typus berraschte mich, nachdem es mir gelungen war, sie zeitweilig von ihren kindlichen Verfhrungstechniken (fortwhrendes flehentliches Anschauen des Arztes, auffllige oder exhibitionistische Toiletten) abzubringen, mit einer unerwarteten direkten Attacke; sie sprang auf, verlangte gekt zu werden, wurde schlielich auch handgreiflich. Es versteht sich von selbst, da den Arzt auch derartigen Vorkommnissen gegenber die wohlwollende Geduld nicht verlassen darf. Er mu immer und immer wieder auf die bertragungsnatur solcher Aktionen hinweisen, denen gegenber er sich ganz passiv zu verhalten hat. Die entrstete moralische Zurckweisung ist in einem solchen Falle ebensowenig am Platze, wie etwa das Eingehen auf irgend eine Forderung. Es zeigt sich dann, da die Angriffslust der Kranken bei solchem Empfang rasch ermdet und die - brigens analytisch zu deutende - Strung bald beseitigt ist.

In einem Aufsatz ber obszne Worte3 stellte ich bereits die Forderung, da man den Patienten die Mhe der berwindung des Widerstandes gegen das Aussprechen gewisser Worte nicht ersparen darf. Erleichterungen, wie das Aufschreibenlassen gewisser Mitteilungen, widersprechen den Zwecken der Kur, die ja im Wesen gerade darin besteht, da der Patient durch konsequente und immer fortschreitende bung ber innere Widerstnde Herr wird. Auch wenn der Patient sich anstrengt, etwas zu erinnern, was der Arzt wohl wei, darf ihm nicht ohne weiteres geholfen werden, sonst kommt man um die eventuell wertvollen Ersatzeinflle.  

Natrlich darf dieses Nichthelfen des Arztes kein durchgngiges sein. Wenn es uns momentan weniger um das turnerische ben der Seelenkrfte des Kranken, sondern um die Beschleunigung gewisser Aufklrungen zu tun ist, so werden wir Einflle, die wir im Patienten vermuten, die aber jener nicht mitzuteilen wagt, einfach vor ihm aussprechen und ihm auf diese Art ein Gestndnis abgewinnen. Die Situation des Arztes in der psychoanalytischen Kur erinnert eben vielfach an die des Geburtshelfers, der sich ja auch mglichst passiv zu verhalten, sich mit der Rolle des Zuschauers bei einem Naturproze zu bescheiden hat, in kritischen Momenten aber mit der Zange bei der Hand sein mu, um den spontan nicht fortschreitenden Geburtsakt zum Abschlu zu bringen.  

 

1) Es gehrt zum Kapitel Gegenbertragung, da auch der Arzt in manchen Stunden an den Assoziationen der Kranken vorbeihrt und erst bei gewissen uerungen des Patienten aufhorcht; das Einnicken fr wenige Sekunden kann unter diesen Umstnden vorkommen. Die nachtrgliche Prfung fhrt meist zum Ergebnis, da wir unbewut auf die Leere und Wertlosigkeit der gerade gelieferten Assoziation mit dem Zurckziehen der bewuten Besetzung reagierten; beim ersten, die Kur irgendwie angehenden Einfall des Patienten werden wir wieder munter. Also auch die Gefahr, da der Arzt einschlft und den Patienten unbeachtet lt, ist gering anzuschlagen. (Einer mndlichen Aussprache mit Prof. Freud ber dieses Thema verdanke ich die volle Besttigung dieser Beobachtung.)  

2) Es ist wohl kaum ntig, ausdrcklich darauf hinzuweisen, da der Psychoanalytiker dem Patienten gegenber jede Unwahrheit meiden mu; dies gilt natrlich auch in Fragen, die sich auf die Methode oder auf die Person des Arztes beziehen. Der Psychoanalytiker sei wie Epaminondas, von dem uns Cornelius Nepos erzhlt, da er nec joco quidem mentiretur. Allerdings darf und mu der Arzt einen Teil der Wahrheit, z. B. den, dem der Patient noch nicht gewachsen ist, ihm zunchst vorenthalten, das heit, das Tempo der Mitteilungen selber bestimmen.


 © textlog.de 2004 06.09.2026 14:14:33
Seite zuletzt aktualisiert: 01.10.2005 
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