Die Symbolik der Brcke

(1921)


Bei der Feststellung der symbolischen Beziehung eines Objektes oder einer Ttigkeit zu einer unbewuten Phantasie ist man zunchst auf Mutmaungen angewiesen, die sich durch sptere Erfahrung vielfache Modifikationen, oft gnzliche Umgestaltung gefallen lassen mssen. Besttigungen, die einem oft von den verschiedensten Gebieten der Erkenntnis zustrmen, haben hier den Wert von bedeutsamen Indizien, so da alle Zweige der Individual- und der Massenpsychologie an der Feststellung einer speziellen symbolischen Relation beteiligt sein knnen; Traumdeutung und Neurosenanalyse bleiben aber nach wie vor die verllichsten Grundlagen jeder Symbolik, weil wir an ihnen auch die Motivierung, berhaupt die ganze Genese solcher psychischen Gebilde in anima vili beobachten knnen. Das Gefhl der Sicherheit einer symbolischen Beziehung kann man meiner Ansicht nach berhaupt nur in der Psychoanalyse gewinnen. Symbolische Deutungen auf anderen Wissensgebieten (Mythologie, Mrchenkunde, Folklore usw.) haben immer den Charakter des Oberflchlichen, des Flchenhaften; es verbleibt einem dabei immer das unsichere Gefhl, da die Deutung ebensowohl auch anders htte lauten knnen, wie denn auch diese Wissenszweige dazu neigen, denselben Inhalten immer wieder neue Bedeutungen unterzulegen. Das Fehlen der Tiefendimension mag es auch sein, was die wesenlose Allegorie von dem Symbol, das von Fleisch und Blut ist, unterscheidet.  

Brcken spielen in Trumen oft eine auffallende Rolle. Bei der Deutung der Trume von Neurotikern wird man hufig vor die Frage der typischen Bedeutung der Brcke gestellt, besonders wenn dem Patienten zur Traumbrcke nichts Historisches einfallen will. Der Zufall des Krankenmaterials mag es mit sich gebracht haben, da ich in einer ganzen Anzahl von Fllen folgende sexualsymbolische Deutung an Stelle der Brcke einsetzen konnte: Die Brcke ist das mnnliche Glied, und zwar das mchtige Glied des Vaters, das zwei Landschaften (das riesenhaft, weil vom infantilen Wesen gedachte Elternpaar) miteinander verbindet. Diese Brcke ist ber ein groes und gefhrliches Wasser gelegt, aus dem alles Leben stammt, in das man sich zeitlebens zurcksehnt und als Erwachsener, wenn auch nur durch einen Krperteil vertreten, periodisch auch wirklich zurckkehrt. Da man sich auch im Traum nicht direkt, sondern auf einer sttzenden Planke diesem Gewsser nhert, ist bei dem besonderen Charakter der Trumenden verstndlich; sie litten ausnahmslos an sexueller Impotenz und schtzten sich durch die Schwche ihrer genitalen Exekutivorgane vor der gefhrlichen Nhe des Weibes. Diese symbolische Deutung der Brckentrume bewhrte sich nun, wie gesagt, in mehreren Fllen; auch fand ich in einem volkstmlichen Mrchen und der obsznen Zeichnung eines franzsischen Knstlers die Besttigung meiner Annahme; in beiden handelte es sich um das riesenhafte mnnliche Glied, das, ber einen breiten Flu gelegt, im Mrchen sogar stark genug war, ein schweres Pferdegespann zu tragen.  

Die letzte Besttigung, zugleich die eigentliche, bisher vermite Vertiefung meines Verstndnisses fr dieses Symbol brachte mir aber ein Patient, der an Brckenangst und Ejaculatio retardata litt. Nebst mancherlei Erfahrungen, die die Kastrations- und Todesangst dieses Kranken zu wecken und zu steigern geeignet waren (er war ein Schneiderssohn), ergab die Analyse folgendes erschtternde Erlebnis aus seinem neunten Lebensjahr: die Mutter (eine Hebamme!), die ihn abgttisch liebte, wollte die Nhe ihres Kindes auch in der schmerzvollen Nacht nicht vermissen, in der sie einem Mdchen das Leben gab, so da der kleine Knabe von seinem Bette aus den ganzen Proze der Geburt, wenn auch nicht mitansehen, so doch mitanhren mute und aus den uerungen der Pflegepersonen auch Einzelheiten ber das Kommen und das zeitweilige Wiederverschwinden des kindlichen Krpers entnehmen konnte. Der Angst, die sich dem Zeugen einer Geburtsszene unweigerlich mitteilt, kann sich der Knabe nicht entzogen haben; er fhlte sich in die Lage des Kindes ein, das eben die erste und grte Angst, das Vorbild jeder spteren, durchmachte, stundenlang zwischen Mutterleib und Auenwelt hin und her schwankte. Dieses Hin und Her, diese Verbindungsstelle zwischen Leben und Nochnicht- (oder Nichtmehr-) Leben gab nun der Angsthysterie des Kranken die spezielle Form der Brckenangst. Das gegenberliegende Ufer der Donau bedeutete fr ihn das Jenseits, das, wie gewhnlich, nach dem Bild des Lebens vor der Geburt gestaltet war.1) Nie in seinem Leben ist er noch zu Fu ber die Brcke gegangen, nur in Fahrzeugen, die sehr rasch fahren und in Begleitung einer starken, ihm imponierenden Persnlichkeit. Als ich ihn - nach gengender Erstarkung der bertragung - zum erstenmal dazu brachte, mit mir nach langer Zeit wieder einmal die Fahrt zu machen, klammerte er sich krampfhaft an mich an, alle seine Muskeln waren straff gespannt, der Atem angehalten. Auf der Rckfahrt ging es ebenso, doch nur bis zur Mitte der Brcke; als das diesseitige Ufer, das fr ihn das Leben bedeutete, sichtbar wurde, lste sich der Krampf, er wurde lustig, laut und redselig, die Angst war verschwunden.  

Wir knnen nun auch die ngstlichkeit des Patienten bei der Annherung ans weibliche Genitale und die Unfhigkeit zur vollkommenen Hingabe an das Weib verstehen, das fr ihn, wenn auch unbewut, immer noch ein gefahrdrohendes tiefes Wasser bedeutet, in dem er ertrinken mu, wenn ihn nicht ein Strkerer ber Wasser hlt.  

Ich denke, die zwei Deutungen: Brcke = Bindeglied zwischen den Eltern, und: Brcke = Verbindung zwischen Leben und Nichtleben (Tod), ergnzen sich auf die wirksamste Art; ist doch das vterliche Glied tatschlich die Brcke, die den Nochnichtgeborenen zum Leben befrdert hat. Doch erst diese letztere berdeutung gab dem Gleichnis jenen tieferen Sinn, ohne den es kein wirkliches Symbol gibt.  

Es liegt nahe, die Verwendung des Brckensymbols im Falle der neurotischen Brckenangst zur Darstellung des rein seelischen Zusammenhanges, der Verbindung, Verknpfung (Wortbrcke Freuds), mit einem Wort: einer psychischen oder logischen Relation, d.h. als auto-symbolisches, funktionales Phnomen im Sinne Silberers zu deuten. Doch gleichwie im gegebenen Beispiel diesen Phnomenen gutmateriale Vorstellungen ber die Vorgnge eines Geburtsaktes zugrunde liegen, so glaube ich, da es berhaupt kein funktionales Phnomen ohne eine materiale, d. h. sich auf Objektvorstellungen beziehende Parallele gibt. Allerdings mag bei narzitischer Betonung der Ich-Erinnerungs-Systeme2) die Assoziation mit den Objekterinnerungen in den Hintergrund treten und der Anschein eines reinen Autosymbolismus erweckt werden. Andererseits ist es mglich, da es auch kein materiales seelisches Phnomen gibt, dem nicht auch eine, wenn auch nur blasse Erinnerungsspur an die es begleitende Selbstwahrnehmung beigemengt wre. Schlielich sei daran erinnert, da - in ultima analysi - fast jedes, vielleicht gar berhaupt jedes Symbol auch eine physiologische Grundlage hat, d. h. irgendwie den ganzen Krper, ein Krperorgan oder dessen Funktion zum Ausdruck bringt.3)

In diesen Andeutungen sind, wie ich glaube, Hinweise fr eine zu gestaltende Topik der Symbolbildung enthalten, und da der dabei ttige Verdrngungs-Dynamismus bereits bei frherer Gelegenheit beschrieben wurde4), so fehlt uns zur metapsychologischen Einsicht in das Wesen der Symbole im Sinne Freuds nur die Kenntnis der Verteilung psychophysischer Quantitten bei diesem Krftespiel und genauere Daten ber Onto- und Phylogenese.5)  

Das in der Brckenangst zur Schau getragene psychische Material trat beim Patienten auch in einem konversionshysterischen Symptom zum Vorschein. Bei pltzlichem Schreck, beim Anblick von Blut oder irgend einem krperlichen Gebrechen neigt er zu Ohnmchten. Als Vorbild dieser Anflle diente ihm die Erzhlung der Mutter, da er nach einer schwierigen Geburt halbtot zur Welt kam und mit vieler Bemhung zum Atmen gebracht werden mute. Diese Erinnerung war das Urtrauma, an das sich das sptere (die Anwesenheit beim Gebren der Mutter) anlehnen konnte.  

Es braucht kaum besonders hervorgehoben zu werden, da die Brcke in Trumen auch ohne jeden symbolischen Sinn, aus historischem Traummaterial stammend, vorkommen kann.  

 

1) Vergleiche dazu Ranks vlkerpsychologisch gesttzte Ausfhrungen in der Lohengrinsage.  

2) Siehe dazu meine Abhandlung ber den Tic.  

3) Vergleiche damit die diesbezglichen Bemerkungen in der Arbeit: Hysterische Materialisationsphnomene.  

4) Siehe Zur Ontogenese der Symbole.

5) Vgl. dazu die Arbeit von Jones ber die Symbolik [Die Theorie der Symbolik].  


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Seite zuletzt aktualisiert: 02.01.2005 
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