
Sonntagsneurosen
(1919)
Wir kennen aus der Psychiatrie Krankheitszustnde, deren Verlauf ausgesprochene Periodizitt zeigt; es gengt wohl, wenn ich an die periodische Manie und Melancholie erinnere. Auch wissen wir seit Freuds psychoanalytischer Feststellung, da die Psychoneurotiker - von denen bekanntlich so viele an verdrngten Erinnerungen leiden - gerne den Jahrestag oder die Jahreszeit gewisser fr sie kritischer oder bedeutsamer Erlebnisse mit der Steigerung ihrer Symptome feiern. Aber Ton Neurosen, deren Symptomschwankungen vom jeweiligen Wochentage abhngig wren, hat meines Wissens noch niemand etwas erwhnt.
Und doch glaube ich, die Existenz dieser eigenartigen Periodizitt behaupten zu knnen. Ich behandelte mehrere Neurotiker, deren spontan erzhlte oder whrend der Analyse reproduzierte Krankheitsgeschichte die Angabe enthielt, gewisse nervse Zustnde htten sich bei ihnen - zumeist in der Jugendzeit - an einem bestimmten Wochentage, dann aber regelmig eingestellt.
Die Mehrzahl versprte die periodische Wiederkehr der Strungen an Sonntagen. Zumeist handelte es ich um Kopfschmerzen oder Magen-Darmstrungen, die sich ohne besondere Ursache an diesem Tage einzustellen pflegten und den jungen Leuten den einzigen freien Tag der Woche oft grndlich verdarben. Ich brauche wohl nicht zu versichern, da ich dabei die Mglichkeit rationeller Ursachen nicht auer acht lie. Auch die Patienten selbst bemhten sich - scheinbar mit Erfolg - um eine sinngeme Erklrung dieser sonderbaren zeitlichen Bestimmtheit ihrer Zustnde und wollten sie mit der ditetischen Sonderstellung des Sonntags in Zusammenhang bringen. Am Sonntag schlft man lnger als sonst, darum hat man Kopfschmerzen, sagten die einen; Sonntags it man so viel und so gut, darum verdirbt man sich so leicht den Magen, sagten die anderen. Ich will auch die Wirksamkeit dieser rein somatischen Momente in der Hervorrufung der sonntglichen Periodizitt nicht in Abrede stellen.
Manches spricht aber dafr, da diese physiologischen Momente den Tatbestand nicht erschpfen. Der Kopfschmerz z. B. kommt auch, wenn die Schlafdauer am Sonntag von der der brigen Tage der Woche nicht verschieden war, und die Magenbeschwerden melden sich auch, wenn die Umgebung und der Patient selbst schon gewarnt waren und die Dit an diesem Tage prophylaktisch einschrnkten.
In einem der Flle, die mir bekannt wurden, bekam der kleine Junge jeden Freitag abend Schttelfrost und Erbrechen. (Es war ein Judenknabe, fr den am Freitag abend die Sonntagsruhe begann.) Er und die ganze Familie fhrten den Zustand auf den Fischgenu zurck; es gab nmlich fast keinen Freitagabend ohne ein Fischgericht. Es ntzte aber nicht, da er sich den Genu dieser Speise versagte; die Strungen meldeten sich nach wie vor; diesmal wurden sie vielleicht auf die Idiosynkrasie gegen den Anblick der gefhrlichen Speise zurckgefhrt.
Das psychologische Moment, das ich nun zur Erklrung dieser Bestimmtheit in der zeitlichen Wiederkehr der Symptome als Hilfsfaktor oder manchmal auch als alleinige Ursache heranziehen mchte, ist in den Verhltnissen gegeben, die den Sonntag, auch abgesehen vom lngeren Schlaf und dem besseren Essen, kennzeichnen.
Der Sonntag ist der Festtag der heutigen Kulturmenschheit. Man tuscht sich aber, wenn man glaubt, da der Festtag nur die Bedeutung eines krperlichen und seelischen Ruhetages hat; zur Erholung, die er uns gewhnlich verschafft, tragen Gemtsmomente eminent bei. Nicht nur, da wir an diesem Tage unsere eigenen Herren sind und uns von allen Fesseln, die uns die Pflichten und der Zwang von auen auferlegen, befreit fhlen; es geht in uns - damit parallel - auch eine Art innerliche Befreiung vor sich. Wir hrten von Freud, da die inneren Mchte, die unser Denken und Handeln in logisch, ethisch und sthetisch einwandfreie Bahnen lenken, nur triebhaft reproduzieren, was einst den Menschen uere Not aufgezwungen hatte. Was Wunder, wenn beim Nachla des aktuellen ueren Druckes auch ein Teil der sonst schon dauernd unterdrckten Triebe frei wird. Der Nachla der ueren Zensur zieht eben auch die innere in Mitleidenschaft.
Fr den Fernstehenden ist es immer merkwrdig zu beobachten, wie sich das Niveau einer Menschengruppe bei festlichen Anlssen verndert. Auf der Alm, da gibt's ka' Snd', sagt der Steirer und meint damit, da auf einem Sonntagsausflug auf die Alm eben alles erlaubt ist. Erwachsene benehmen sich wie Kinder, die Kinder aber geraten auer Rand und Band, und nicht selten lassen sie sich zu Streichen hinreien, die dann die Strafe der autoritativen Personen provozieren und der berguten Laune ein jhes und trauriges Ende bereiten. Nicht immer ist es so, denn die Erwachsenen sind bei solchen Anlssen von merkwrdiger Langmut, als fhlten sie sich von einer geheimen und unausgesprochenen Konvention gebunden, die den Schuldigen eine temporre Straffreiheit zusichert.
Aber es ist nicht jedem gegeben, seinen festlichen bermut so frei und natrlich auszutoben. Der neurotisch Veranlagte wird gerade bei solchen Anlssen zur Affektverkehrung geneigt sein, entweder weil er allzu gefhrliche Triebe zu bndigen hat, die er besonders dann scharf behten mu, wenn ihn das bse Beispiel der anderen lockt, oder weil sein berempfindliches Gewissen auch kleine Verfehlungen nicht passieren lt. Auer der zur Unzeit sich einstellenden Depression dieser Spielverderber knnen sich aber ihre durch das Fest aktivierten unterdrckten Regungen samt den dagegen mobilisierten Selbstbestrafungsphantasien in kleinen hysterischen Symptomen manifestieren. Und als solche mu ich auch die eingangs erwhnten sonntglichen Kopfschmerzen und Magenerscheinungen qualifizieren; der lange Schlaf, das viele Essen usw. sind nur Anlsse, deren sich diese kleine Neurose bedient und mit denen sie ihre wahren Beweggrnde rationell verhllt.
Ein Indizienbeweis fr die Richtigkeit dieser Auffassung ist, da es auer der periodischen, aber rasch vorbergehenden Sonntagsneurose auch protrahiertere Ferialneurosen gibt. Die damit Behafteten sind whrend ihrer Schul- oder Amtsferien stets von mehr oder minder lstigen psychischen Zustnden geplagt. Abgesehen von den oben erwhnten kleinen Hysterien, ist hier eine eigenartige Stimmungsvernderung recht hufig. Ich meine eine gewisse spannungsvolle Langeweile, die die Betreffenden mit keinerlei Zerstreuung hindern knnen, gepaart mit einer fr sie selbst qualvollen Arbeitsunfhigkeit. Faulheit mit Gewissensbissen, eine Faulheit, deren man sich nicht erfreuen kann, mit diesen Ausdrcken versuchte ein von ihr Betroffener diese Stimmung zu charakterisieren. Ein anderer sprach von einer Sehnsucht nach etwas Unbestimmtem und erinnerte sich, schon als Kind seine Mutter stundenlang mit der sehr allgemein gehaltenen Bitte geplagt zu haben: Mutter, gib' mir etwas! Was ihm damals die Mutter auch gab, lie ihn aber unbefriedigt, er raunzte weiter, bis er tchtig ausgeschimpft oder gar geprgelt wurde; dann gab er sich zufrieden.1) Sollten hinter den Sonntagsneurosen auch solche unbefriedigten Wunschregungen stecken? Und wenn ja, was ist wohl der Inhalt dieser Wnsche? Woher das schlechte Gewissen, die Straftendenz der Symptome und die merkwrdige, brigens den Eltern wohlbekannte therapeutische Wirksamkeit der Strafe?
Beim zuletzt erwhnten Patienten konnte die Psychoanalyse - beim besten Willen, endlich einmal etwas Abwechslung in die tiefsten Motive menschlichen Handelns zu bringen - wieder nur Komponenten der dipusphantasie als versteckten Inhalt der unbewuten strafbaren Wnsche detektieren: Gewaltttigkeit gegen die Autoritt und Bemchtigungsimpulse dem gegengeschlechtlichen Elternteil gegenber. Solange mich die Erfahrung nichts Besseres lehrt, mu ich auch fr die brigen Festtagsneurosen diese Motivierung der Symptome gelten lassen.
Bei dem Knaben mit den Magenstrungen am Freitag abend kann man der Determinierung der Symptome weiter nachgehen. Es ist bekannt, da fr fromme Juden am Freitag abend nicht nur das Fische-Essen, sondern - auch die eheliche Liebe obligat ist; so wird wenigstens von sehr vielen, besonders den rmeren Juden, die von der Bibel geforderte Heiligung des Sabbats ausgelegt. Wenn dann der Junge infolge Unachtsamkeit der Eltern hievon mehr als ihm zusagt erfahren oder erlauscht hat, so mag sich in ihm eine stabile Assoziation zwischen dem Fruchtbarkeitssymbol Fisch und jenen aufregenden Vorgngen gebildet haben. Seine Idiosynkrasie wre so erklrlich; aber auch das Erbrechen wre dann nur die Materialisation der Vorgnge, deren Zeuge er gewesen ist. Die Gestalt des Fisches gengt, um die Assoziationsbrcke hiezu abzugeben.
Die Sehnsucht der Menschen nach Festtagen ist nicht geringer als die nach Brot. Panem et circenses! Freud zeigte uns in seinem Totem und Tabu, warum die Totem-Clans an gewissen Tagen den Drang fhlen, ihr sonst mit heiliger Scheu angebetetes Totemtier in Stcke zu reien. Auch die Bacchanalien und Saturnalien haben bei allen Vlkern, auch den heute lebenden, ihre Analoga. Selbst die Kirchweihfeste und das Purimfest der Juden enthalten Zge davon. Wir knnen annehmen, da bescheidene Reste dieser atavistischen Befreiungstendenz sich auch in die allwchentliche Feiertagsstimmung einschleichen und bei besonders empfindlichen Gemtern die periodischen Sonntagsneurosen verursachen. Den den Festtagen auf den Fu folgenden Katzenjammer oder blauen Montag knnte man als Andeutung eines auch hier zutage tretenden zyklischen Ablaufes, d. h. als eine passagre Melancholie auffassen.
Wenn aber am Festtage beim Nachlassen des ueren Druckes der Lasten und Pflichten, der Mensch den Drang fhlt, sich auch sexuell zu entladen, so folgt er vielleicht nur der Spur der biologischen Vorgnge, die die Menschheit allezeit zu Festveranstaltungen ntigten.
Die Periodizitt der genitalen Vorgnge wre so das Ur- und Vorbild sowohl des normalen Bedrfnisses, die Plagen des Alltags zeitweise mit Freiheitsfeiern abwechseln zu lassen, als auch der periodischen Festtagsneurosen, mglicherweise auch des zyklisch alternierenden Krankheitsverlaufes beim manisch-depressiven Irresein.
1) Der ungarische Dichter Vrsmarty erzhlt in seinem kstlichen, humoristischen Gedicht Petike, wie sich die Mutter umsonst bemht, ihren von dsterer Traurigkeit befallenen Jungen mit Geschenken, Leckerbissen usw. aufzuheitern: erst bei der Erwhnung der Nachbarstochter Juliska sagt der bis dahin negativistische Kleine mrrisch: Sie mchte kommen! - Doch du durchschaut ihn die bisher besorgte Mutter, wscht ihm ein bichen den Kopf und schickt ihn in die Schule.