Zur Psychogenese der Mechanik
Kritische Bemerkungen ber eine Studie von Ernst Mach
(1919)

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Der Psychoanalytiker, der der fast einmtigen Ablehnung seiner Erkenntnisse durch die in ihrer Seelenruhe gestrte Menschheit einen gewissen Fatalismus entgegenzubringen gelernt hat, wird in groen Zeitabstnden von gewissen Erfahrungen vorbergehend aus dieser Stimmung aufgerttelt. Whrend die tonangebenden Gelehrten unausgesetzt damit beschftigt sind, unsere Wissenschaft zum soundsovielten Male zu vernichten und zu begraben, meldet sich bald aus dem fernsten Indien, bald aus Mexiko, Peru oder Australien ein einsamer Denker, Arzt oder Menschenbeobachter, und erklrt sich als Anhnger Freuds. Noch berraschender ist es, wenn es sich herausstellt, da in unserer nchsten Nhe im stillen ein Psychoanalytiker gearbeitet hat und mit dem jahrelang gesammelten psychoanalytischen Wissen pltzlich vor die ffentlichkeit tritt. Am allerseltensten kommt man aber in die Lage, in den Werken der anerkannten Gren der heutigen Wissenschaft Spuren des psychoanalytischen Einflusses oder einen Parallelismus ihrer Denkrichtung mit jener der Psychoanalytiker zu entdecken.
Bei diesem Stand der Dinge wird es wohl jeder verzeihlich und verstndlich finden, da ich bei der Lektre des Vorwortes von Ernst Machs Arbeit: Kultur und Mechanik die natrlich immer nur notgedrungene und schwer zu ertragende resignierte Einstellung fr einen Moment wieder fallen lie und mich der optimistischen Idee hingab, in einem der bedeutendsten der jetzt lebenden Denker und Gelehrten1) einen Gleichgesinnten begren und verehren zu knnen.
Meine - wie sich bald herausstellte - irrige Erwartung wird mir jeder Psychoanalytiker nachempfinden, der dieses Vorwort, dessen Inhalt ich hier zum Teile wiedergebe, liest.
In der Einleitung der 1883 erschienenen Mechanik des Verfassers ist die Anschauung vertreten, - heit es am Anfang des Vorwortes - da sich die Lehren der Mechanik aus den Erfahrungsschtzen des Handwerks durch intellektuelle Luterung ergeben haben.
Es bot sich nun die Mglichkeit, noch einen Schritt weiter zu gehen, indem es meinem in frhester Kindheit mechanisch sehr veranlagten Sohne Ludwig auf meine Veranlassung gelang, durch immer neu einsetzende Erinnerungsversuche seine damalige Entwicklung mit vielen Einzelheiten im wesentlichen zu reproduzieren, wobei es sich zeigte, da die gewaltigen, unauslschlichen dynamischen Empfinditngserfahrungen jener Zeit uns mit einem Male auch dem instinktiven Ursprnge aller Behelfe, wie Werkzeuge, Waffen und Maschinen, nahercken.
Von der berzeugung geleitet, da ein weiteres Verfolgen solcher Erfahrungen eine unvergleichliche Vertiefung der Urgeschichte der Mechanik ermglichen, auerdem aber auch noch zur Begrndung einer allgemeinen genetischen Technologie fhren knnte, habe ich diese Studie als bescheidenen Schritt in dieser Richtung unternommen...2)
In diesen Stzen findet der Psychoanalytiker ihm lngst vertraute Ideen und gelufige Arbeitsweisen wieder.
Die eigentlichen Grundlagen eines hochzusammengesetzten psychischen Gebildes mittels immer neu einsetzender Erinnerungsversuche aus primitiven abzuleiten und ihre Wurzel schlielich im infantilen Erleben zu finden, ist das Wesentliche an der psychoanalytischen Methode und ihr wichtigstes Ergebnis. Seit mehr als zwanzig Jahren wurde Freud nicht mde, diese Methode mit dem gleichen Ergebnis an den verschiedenartigsten psychischen Gebilden: an neurotischen Symptomen der Kranken, an komplizierten psychischen Leistungen des Gesunden, ja auch an gewissen sozialen und knstlerischen Schpfungen der Menschheit zu erproben. Einige Schler Freuds verffentlichten bereits sogar psychogenetisdie Theorien und Erfahrungsstze, die auf das Spezialgebiet Machs, die Entwicklung der Mechanik, einiges Licht werfen.
In den einleitenden Stzen Machs sind aber auch andere, bisher fast nur von der Psychoanalyse befrwortete oder zuerst von ihr ausdrcklich betonte Anschauungen subsumiert. Die Worte unauslschliche Empfindungserfahrungen der ersten Kindheit klingen wie der Freudsche Satz von der Unzerstrbarkeit und Zeitlosigkeit des Infantilen und Unbewuten. Der Plan, die Urgeschichte der Mechanik statt durch Ausgrabungen durch methodische genealogische Untersuchungen des individuellen Seelenlebens zu frdern, wiederholt nur die psychoanalytische These, wonach im Unbewuten des Erwachsenen nicht nur psychische Tendenzen und Inhalte der eigenen Kindheit, sondern auch solche der stammesgeschichtlichen Vorfahren nachzuweisen sind. Die Machsche Idee, die Kulturgeschichte der Menschheit - auf der Grundlage des biogenetischen Grundgesetzes - individualpsychologisch zu frdern, ist in der Psychoanalyse gang und gbe. Ich verweise nur auf die epochemachende Arbeit Freuds Totem und Tabu (1913), in der das Wesen dieser bisher unerklrten sozialen Institutionen mit Hilfe individueller, bis auf die Kindheit zurckreichender Seelenanalysen dem Verstndnis nher gebracht wurde.3)
1) Seit der Niederschrift dieser Zeilen ist Ernst Mach gestorben
2) Die Hervorhebungen stammen vom Referenten.
3) Siehe auch die Arbeiten von Storfer (Zur Sonderstellung des Vatermordes), die Arbeiten Sperbers ber die Psychogenese der Sprache [ber den Einflu sexueller Momente auf Entstehung und Entwicklung der Sprache], Gieses Untersuchungen ber die der Werkzeuge [Sexualvorbilder bei einfachen Erfindungen], Abrahams [Traum und Mythus], Ranks [Beitrge zur Symbolik in der Dichtung] Arbeiten ber die Genese von Mythen und Dichterwerken und die noch nicht publizierten Untersuchungen von Sachs ber die Pflugkultur und ihren symbolischen Niederschlag im Seelenleben des Menschen. - Einen Versuch, das besondere Interesse der Menschen am Gelde ontogenetisch zu erklren, habe ich selbst unternommen:
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