
Zum 70. Geburtstage Sigmund Freuds
Eine Begrung
(6. Mai 1926)
Mir fiel die Aufgabe zu, Sigmund Freud aus Anla seines 70. Geburtstages festlich zu begren und ihm die Glckwnsche unserer Zeitschrift darzubringen. Es ist nicht leicht, dieser ehrenvollen Pflicht zu gengen. Seine Gestalt ist viel zu hervorragend, als da ein ihm Nahestehender, einer seiner Anhnger und Mitarbeiter, es zustande bringen knnte, sie im Verhltnis mit anderen Groen der Geistesgeschichte und im Verhltnis zu seinen Zeitgenossen darzustellen. Auch spricht sein Werk fr sich selbst und bedarf keiner Kommentare, insbesondere keiner Lobpreisung. Es mifiele gewi dem Schpfer einer unnachsichtig ehrlichen, aller Heuchelei feindlichen Wissenschaft, die Dithyramben zu hren, die bei solchen Anlssen den Fhrer einer groen Bewegung zu preisen pflegen. Die objektive Darstellung seines Lebenswerkes aber, eine verlockende Aufgabe fr einen eifrigen Schler, erbrigt sich hier, da ja diesem Zweck der Meister selbst mehrere Essays von unnachahmlicher Sachlichkeit gewidmet hat. Er hat der ffentlichkeit nichts vorenthalten, was er ber die Entstehung seiner Ideen wei, er erzhlte uns alles, was ber die Schicksale seiner Lehre, ber die Reaktionsweise der Mitwelt zu sagen war. Dem modernen Persnlichkeitsforscher gar, der mit Hilfe von Einzelheiten aus dem Privatleben neue Einblicke in die Entwicklungswege eines Forschers zu gewinnen trachtet, hat Freud, bezglich seiner Person, den Wind aus den Segeln genommen. In seiner Traumdeutung, in der Psychopathologie des Alltagslebens besorgte er das selber in einer bisher nicht gekannten Art, die nicht nur dieser Forschungsweise neue Wege wies, sondern fr alle Zeiten ein Beispiel der auch gegen sich selber schonungslosen Aufrichtigkeit gibt. Auch die sonst so sorgsam gehteten Ateliergeheimnisse, die unvermeidlichen Schwankungen und Unsicherheiten, gab er unbedenklich preis.
Das Konsequenteste wre wohl nach alledem, auf jede Art Manifestation zu verzichten. Ich wei bestimmt, da es dem Meister am liebsten wre, wenn wir uns um knstlich geschaffene Zsuren, um eine runde Zahl, die an und fr sich nichts bedeutet, nicht kmmerten und ruhig weiter arbeiteten. Wir, seine Schler, wissen ja gerade von ihm, da alle modernen Feste exaltierte Huldigungen sind, die die Gefhlsregungen einseitig zum Ausdruck bringen. Es war nicht immer so; es gab Zeiten, in denen man dem auf den Thron Erhobenen auch die feindseligen Absichten nicht verhehlte; Freud lehrte uns, da dem Hchstgeehrten, wenn auch nur unbewut, auch heute noch auch Ha, nicht nur Liebe entgegengebracht wird.
Trotz alledem konnten wir der Versuchung nicht widerstehen, uns ausnahmsweise und gegen besseres Wissen vor der Konvention zu beugen und den Geburtstag zum Anla zu nehmen, dieses Heft sowie das am gleichen Tage erscheinende Heft der Imago ausdrcklich unserem Herausgeber zu widmen. Wer aber die zwlf Jahrgnge unserer Zeitschrift durchblttert, dem wird sofort klar, da eigentlich alle bisherigen Hefte ihm gewidmet waren; die Arbeiten, sofern sie nicht vom Meister selbst stammten, enthielten nur die Fortsetzung, die Nachprfung oder Wrdigung seiner Lehren. Auch das heutige, feierlicher als sonst auftretende Heft ist also im Wesen nichts anderes als alle vorherigen Hefte, nur da sich die Mitarbeiter in einer etwas stattlicheren Zahl prsentieren. Statt einer formellen Einleitung derselben aber gestatte ich mir, in loser Folge, gleichsam als freie Assoziation, die Gefhle und Gedanken wiederzugeben, die in mir bei dieser Gelegenheit auftauchen. Ich darf voraussetzen, da diese Einflle auch vielen der Gleichstrebenden eignen.
In einer Arbeit, in der ich Freuds Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie zu wrdigen versuchte, komme ich zum Schlu, da diesem Werk eine wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung zukommt: es ri die Grenzen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften nieder. In einer anderen Arbeit mute ich die Entdeckung und Erforschung des Unbewuten durch Freud als einen Fortschritt in der Menschheitsgeschichte hinstellen, als das erstmalige Funktionieren eines neuen Sinnesorgans. Man mag diese Behauptungen als bertreibungen von vornherein abweisen und sie als unkritische uerungen eines enthusiastischen Jngers hinstellen; Tatsache bleibt, da sie nicht etwa einer Jubilumsstimmung entsprangen, sondern als Konsequenz aus einer langen Reihe neuer Erkenntnisse gezogen wurden.
Ob und wann sich meine Voraussage, da einstmals alle Welt von einer Vor- und einer Nach-Freudschen Epoche sprechen wird, in Erfllung geht, kann ich natrlich nicht sagen; die zwanzig Jahre, die ich seinen Fustapfen folge, haben an dieser berzeugung nichts gendert. Zweifellos aber teilt sich das Leben eines Neurologen, der das groe Glck hatte, als Zeitgenosse Freuds zu leben, und das grere, seine Bedeutung frh erkannt zu haben, in eine Vor- und Nach-Freudsche Periode, Lebensabschnitte, die im schrfsten Gegensatz zueinander stehen. Mir wenigstens war vor Freud der Beruf des Neurologen eine ausnahmsweise zwar interessante Beschftigung mit dem Nervenfaserverlauf, sonst aber eine schauspielerische Leistung, eine fortwhrende Freundlichkeits- und Wissensheuchelei den Hunderten von Neurotikern gegenber, von deren Symptomen wir nicht das mindeste verstanden. Man schmte sich - ich wenigstens schmte mich -, fr diese Leistung sich auch noch belohnen zu lassen. Auch heute knnen wir nicht jedem helfen, doch sicher sehr vielen, und auch in den negativen Fllen bleibt uns das beruhigende Gefhl, uns redlich, mit wissenschaftlichen Mitteln um das Verstndnis der Neurosen bemht und die Ursachen der Unmglichkeit des Helfens durchschaut zu haben. Der peinlichen Aufgabe, mit der Miene des allwissenden Doktors Trost und Hilfe zu versprechen, sind wir enthoben, so da wir diese Kunst schlielich ganz verlernten. Die Psychiatrie, frher ein Rarittenkabinett von Abnormitten, die wir verstndnislos anstaunten, wurde durch Freuds Entdeckungen ein fruchtbares, einheitlichem Verstndnis zugngliches Wissensgebiet. Ist es da eine bertreibung zu behaupten, da uns Freud den Beruf verschnt und veredelt hat? Und ist es nicht glaubhaft, da wir von steter Dankbarkeit erfllt sind gegen einen Mann, dessen Wirken dies ermglichte? Den siebzigsten oder achtzigsten Geburtstag zu feiern, mag eine konventionelle Frmlichkeit sein, fr Freuds Schler ist ein solcher Tag sicherlich nur eine Gelegenheit, lngst gehegten Gefhlen einmal Ausdruck zu geben. Hiee es nicht, dem in Gefhlssachen eher zu Schamhaftigkeit neigenden Zeitgeist eine Konzession machen, wenn wir diese Gefhle unausgesetzt unterdrckten? Folgen wir lieber dem Beispiel der Antike und schmen wir uns nicht, unserem Meister einmal offen und herzlich zu danken fr alles, was er uns geschenkt hat.
Es wird nicht lange dauern, bis der ganze rztliche Stand zur Einsicht kommt, da zu solchen, meinetwegen lyrischen Gefhlsuerungen nicht nur die Nervenrzte, sondern alle, die sich um die Heilung von Menschen bemhen, vollen Grund htten. Die Erkenntnis der Rolle des psychischen Verhltnisses zum Arzt bei jeder Art von Therapie und die Mglichkeit ihrer methodischen Verwertung wird allmhlich Gemeingut aller rzte. Die von Spezialistentum zerklftete rztliche Wissenschaft wird, dank Freud, wieder zu einer Einheit integriert werden. Der Arzt wird aus einem trockenen Laboratoriums- und Seziersaaltechniker ein Kenner des gesunden und kranken Menschen, der Ratgeber, an den sich jeder mit berechtigter Hoffnung auf Verstndnis und vielleicht auf Hilfe wenden kann.
Es mehren sich aber die Zeichen, die dafr sprechen, da die rzte der Zukunft auf viel mehr Achtung und Anerkennung nicht nur seitens der Kranken, sondern der ganzen Gesellschaft werden rechnen knnen. Der Ethnologe und Soziologe, der Geschichtsschreiber und der Staatsmann, der sthetiker und der Philologe, der Pdagoge und der Kriminologe wendet sich schon jetzt an den Arzt als Kenner der menschlichen Seele um Auskunft, will er sein Spezialgebiet, das schlielich auf ein Stck Psychologie aufgebaut sein mu, vom schwankenden Boden willkrlicher Annahmen auf eine sichere Basis stellen. Es gab schon eine Zeit, in der der Arzt als der Mann der Wissenschaft geachtet war: er war der hochgelehrte Kenner aller Pflanzen und Tiere, aller Wirkungen der Elemente, so weit sie damals bekannt waren. Das Kommen einer hnlichen Zeitstrmung wage ich vorauszusagen, eine Zeit der Iatrophilosophie, zu der Freuds Wirken den Grundstein gelegt hat. Freud wartete auch nicht, bis alle Gelehrten die Psychoanalyse kennen; er war gezwungen, Probleme der Grenzwissenschaften, auf die er bei der Beschftigung mit Nervenkranken stie, mit Hilfe der Psychoanalyse selber zu lsen. Er schrieb sein Totem und Tabu, ein Werk, das der Ethnologie neue Wege weist; um seine Massenpsychologie wird keine knftige Soziologie herumkommen; sein Buch vom Witz ist der erste Versuch zu einer psychologisch begrndeten sthetik, und unzhlig sind seine Hinweise auf neue Arbeitsmglichkeiten auf dem Gebiet der Erziehungswissenschaft.
Brauche ich vor den Lesern dieser Zeitschrift viel Worte darber zu verlieren, was die Psychologie der Psychoanalyse zu verdanken hat? Ist es nicht vielmehr wahr, da vor Freud eigentlich alle wissenschaftliche Psychologie nur feinere Sinnesphysiologie gewesen ist, whrend die komplizierteren seelischen Erlebnisse das unbestrittene Gebiet der Belletristik waren? Und war es nicht Freud, der durch die Schaffung einer Trieblehre, der Anfnge einer Ichpsychologie, durch die Konstruktion eines brauchbaren metapsychologischen Schemas die Psychologie erst auf das Niveau einer Wissenschaft hob?
Es gengt diese bei weitem nicht vollstndige Aufzhlung, um es auch dem grten Skeptiker glaubhaft zu machen, da nicht nur seine Schler und seine Berufsgenossen, sondern die ganze Gelehrtenwelt allen Grund hat, sich darber zu freuen, da der Meister dieses Alter in voller Schaffenskraft erreicht hat, und zu wnschen, da ihm noch viel Zeit zur Fortfhrung seines groen Werkes gegnnt sein mge.
Also doch nur Lobeserhebungen, werden sich viele denken, und wo bleibt die versprochene Aufrichtigkeit, die auch von den Schwierigkeiten und Kmpfen zwischen dem Meister und seinen Schlern etwas erzhlt? Auch hierber soll ich also einige Worte sagen, obzwar es mir unbehaglich ist, mich gleichsam als Kronzeugen dieser nicht uninteressanten, aber fr die Beteiligten recht peinlichen Ereignisse vorzudrngen. So sei denn gesagt, da es fast keinem von uns erspart geblieben ist, gelegentlich Winke und Mahnungen des Meisters zu hren, die manchmal prchtige Illusionen zerrissen und im ersten Augenblick Gefhle der Verletzung und der Benachteiligung aufkommen lieen. Doch mu ich bezeugen, da Freud uns oft sehr lange gewhren, der individuellen Eigenart viel Spielraum offen lt, bis er sich entschliet, migend einzugreifen oder gar von den ihm zu Gebote stehenden Abwehrmitteln Gebrauch zu machen das letztere nur, wenn er zur Oberzeugung kommt, da durch ein Nachgeben die Sache, ihm wichtiger als alles, gefhrdet werden knnte. Da allerdings kennt er keine Kompromisse und opfert, wenn auch schweren Herzens, liebgewonnene persnliche Beziehungen und Zukunftshoffnungen. Da wird er hart gegen sich wie gegen andere. Wohlwollend betrachtete er die Sonderentwicklung eines seiner begabtesten Schler, bis er mit dem Anspruch auftrat, mit dem lan vital alles verstanden zu haben. Auch ich kam vor vielen Jahren einmal mit der Entdeckung, der Todestrieb knne alles erklren. Das Zutrauen zu Freud lie mich vor seinem ablehnenden Urteil mich beugen - bis eines Tages das Jenseits des Lustprinzips erschien, in dem Freud mit dem Wechselspiel des Todes- und Lebenstriebes der Vielfltigkeit der psychologischen und biologischen Tatsachen um so viel mehr gerecht wurde, als es jene Einseitigkeiten vermochten. - Die Idee der Organminderwertigkeit interessierte ihn als vielversprechender Anfang zur somatischen Fundierung der Psychoanalyse. Jahrelang nahm er dafr die etwas eigenartige Denkweise ihres Autors mit in Kauf; doch als es ihm klar wurde, da jener die Psychoanalyse nur als Sprungbrett zu einer teleologischen Philosophie bentzt, lste er die Gemeinschaft der Arbeit. Sogar den wissenschaftlichen Bocksprngen eines seiner Schler sah er lange zu, da er seinen Sprsinn fr Sexualsymbolik schtzte. Die groe Mehrzahl seiner Schler aber hat die unvermeidlichen Empfindlichkeiten berwunden und ist berzeugt, da die Psychoanalyse Freuds allen berechtigten Sonderbestrebungen frher oder spter die ihnen zukommende Bedeutung einrumt.
Unsere znftige Abgeschlossenheit darf nicht so weit gehen, da wir an diesem Tage nicht auch der Gefhle jener gedenken, die Freud persnlich nahestehen, vor allem seiner Familie, in der Freud nicht als mythische Gestalt, sondern als Mensch lebt und wirkt, und die fr seine uns allen so teure Gesundheit Sorge trgt, der wir fr diese Sorgfalt so viel Dank schulden. Doch auch der weite Kreis der in seinem Sinne behandelten Kranken, die durch ihn die Kraft zum Leben wiederfanden, wird an seinem Festtage mit uns feiern, nicht minder aber jener noch weitere Kreis von gesund Leidenden, denen er durch seine Erkenntnisse viel sinnlos getragene Lebenslast abnahm.
Die Psychoanalyse wirkt letzten Endes durch Vertiefung und Erweiterung der Erkenntnis; die Erkenntnis aber (dies versuche ich gerade in einer auf den folgenden Blttern verffentlichten Arbeit nachzuweisen) l lt sich nur durch Liebe erweitern und vertiefen. Und wre es nur, weil es Freud gelungen ist, uns zum Ertragen von mehr Wahrheit zu erziehen, kann er versichert sein, da seiner am heutigen Tage ein groer und nicht wertloser Teil der Menschheit in Liebe gedenkt.
1) Das Problem der Unlustbejahung.