
3. Das alte Epigramm
Deshalb lt sich denn auch das Lehren und Beschreiben nicht in dieser Einseitigkeit, durch welche die Kunst ganz wrde aufgehoben sein, festhalten, und wir sehen die uere Realitt mit dem innerlich als Bedeutung Erfaten, das abstrakt Allgemeine mit seiner konkreten Erscheinung ebensosehr wieder in Verhltnis gebracht.
a) Des Lehrgedichts haben wir in dieser Hinsicht schon erwhnt. Ohne Schilderung uerer Zustnde und einzelner Erscheinungen, ohne episodisches Erzhlen von mythologischen und sonstigen Beispielen kann es selten auskommen. Durch solches Parallelgehen aber des geistig Allgemeinen und uerlich Einzelnen ist statt einer vollstndig durchgebildeten Vereinigung nur eine ganz beilufige Beziehung gesetzt, welche auerdem nicht einmal den totalen Inhalt und dessen gesamte Kunstform, sondern nur einzelne Seiten und Zge betrifft.
b) Mehr schon findet eine solche Bezglichkeit zum groen Teil bei der beschreibenden Poesie statt, insofern sie ihre Schilderungen mit Empfindungen begleitet, welche der Anblick der landschaftlichen Natur, der Wechsel der Tageszeiten, der Naturabschnitte des Jahres, ein waldbewachsener Hgel, ein See oder murmelnder Bach, ein Kirchhof, ein freundlich gelegenes Dorf, eine stille, trauliche Htte erregen knnen. Wie im Lehrgedicht treten deshalb auch in der beschreibenden Poesie Episoden als belebende Staffage ein, besonders die Schilderung rhrender Gefhle, der sen Melancholie z. B., oder kleiner Vorfallenheiten aus dem Kreise des menschlichen Lebens in untergeordneten Sphren. Dieser Zusammenhang aber der geistigen Empfindung und ueren Naturerscheinung kann auch hier noch ganz uerlich sein. Denn das Naturlokal ist fr sich als selbstndig vorhanden vorausgesetzt, der Mensch tritt zwar hinzu und empfindet dieses und jenes dabei, aber die uere Gestalt und die innere Empfindsamkeit im Mondschein, in Wldern und Tlern bleiben einander uerlich. Ich bin dann nicht der Ausleger, Begeisterer der Natur, sondern empfinde nur bei dieser Gelegenheit eine ganz unbestimmte Harmonie meines soundso erregten Innern und der vorliegenden Gegenstndlichkeit. Bei uns Deutschen besonders ist dies die allerbeliebteste Form: Naturschilderungen und daneben, was einem bei dergleichen Naturszenen eben an schnen Gefhlen und Herzensergssen einfallen kann. Es ist dies ein allgemeiner Heerstraenweg, den jeder entlangzugehen vermag. Selbst mehrere Klopstocksche Oden haben diesen Ton angestimmt.
c) Fragen wir deshalb drittens nach einer tieferen Beziehung beider Seiten in ihrer vorausgesetzten Trennung, so knnen wir dieselbe in dem alten Epigramm finden.
α) Das ursprngliche Wesen des Epigramms spricht schon der Name aus: es ist eine Aufschrift. Allerdings steht auch hier noch auf der einen Seite ein Gegenstand, und auf der anderen wird etwas ber ihn gesagt; aber in den ltesten Epigrammen, deren schon Herodot einige aufbewahrt hat, erhalten wir nicht die Schilderung eines Objekts in Begleitung irgendeiner Empfindsamkeit, sondern wir haben die Sache selber in gedoppelter Weise: einmal die uere Existenz und sodann deren Bedeutung und Erklrung, als Epigramm zu den schrfsten, treffendsten Zgen zusammengedrngt. Diesen ursprnglichen Charakter jedoch hat auch unter den Griechen das sptere Epigramm verloren und ist mehr und mehr dazu fortgegangen, ber einzelne Vorflle, Kunstwerke, Individuen flchtig hingeworfene geistreiche, witzige, anmutige, rhrende Einfalle festzuhalten und aufzuschreiben, welche nicht so sehr den Gegenstand selbst als subjektive sinnvolle Beziehungen in Rcksicht auf denselben herausstellen.
β) Je weniger nun der Gegenstand selber gleichsam in diese Art der Darstellung eintritt, desto unvollkommener wird sie dadurch. In dieser Rcksicht lassen sich auch neuere Kunstformen noch beilufig erwhnen. In Tieckschen Novellen z. B. handelt es sich hufig um spezielle Kunstwerke oder Knstler, um eine bestimmte Gemldegalerie oder Musik, und daran knpft sich dann irgendein Romnchen. Diese bestimmten Gemlde nun aber, die der Leser nicht gesehen, die Musiken, die er nicht gehrt hat, kann der Dichter nicht anschaulich und hrbar machen, und die ganze Form, wenn sie sich gerade um dergleichen Gegenstnde dreht, bleibt von dieser Seite her mangelhaft. Ebenso hat man auch in greren Romanen ganze Knste und deren schnste Werke zum eigentlichen Inhalt genommen, wie [Wilhelm] Heinse in seiner Hildegard von Hohenthal [1795/96] die Musik. Wenn nun das ganze Kunstwerk seinen wesentlichen Gegenstand nicht zu angemessener Darstellung zu bringen vermag, so behlt es seinem Grundcharakter nach eine unangemessene Form.
γ) Die Forderung, welche aus den angegebenen Mngeln entspringt, ist einfach diese, da die uere Erscheinung und ihre Bedeutung, die Sache und ihre geistige Erklrung, ebensowenig, wie es zuletzt der Fall war, zu einer durchgngigen Trennung auseinandertreten mssen, als ihre Einigung eine symbolische oder erhabene und vergleichende Verknpfung bleiben darf. Die echte Darstellung wird deshalb nur da zu suchen sein, wo die Sache durch ihre uere Erscheinung und in derselben die Erklrung ihres geistigen Inhalts gibt, indem das Geistige sich vollstndig in seiner Realitt entfaltet und das Krperliche und uere somit nichts als die geme Explikation des Geistigen und Inneren selber ist.
Um die vollendete Erfllung dieser Aufgabe zu betrachten, mssen wir aber von der symbolischen Kunstform Abschied nehmen, da der Charakter des Symbolischen gerade darin bestand, die Seele der Bedeutung mit ihrer leiblichen Gestalt immer nur unvollendet zu vereinigen.