Einleitung
Vom Symbol berhaupt

 

Das Symbol in der Bedeutung, in welcher wir das Wort hier gebrauchen, macht dem Begriffe wie der historischen Erscheinung nach den Anfang der Kunst und ist deshalb gleichsam nur als Vorkunst zu betrachten, welche hauptschlich dem Morgenlande angehrt und uns erst nach vielfachen bergngen, Verwandlungen und Vermittlungen zu der echten Wirklichkeit des Ideals als der klassischen Kunstform hinberfhrt. Wir mssen deshalb von vornherein sogleich das Symbol in seiner selbstndigen Eigentmlichkeit, in welcher es den durchgreifenden Typus fr die Kunstanschauung und Darstellung abgibt, von derjenigen Art des Symbolischen unterscheiden, das nur zu einer bloen, fr sich unselbstndigen ueren Form herabgesetzt ist. In dieser letzteren Weise nmlich finden wir das Symbol auch in der klassischen und romantischen Kunstform ganz ebenso wieder, wie einzelne Seiten auch im Symbolischen die Gestalt des klassischen Ideals annehmen oder den Beginn der romantischen Kunst hervorkehren knnen. Dergleichen Herber- und Hinberspielen betrifft dann aber nur immer Nebengebilde und einzelne Zge, ohne die eigentliche Seele und bestimmende Natur ganzer Kunstwerke auszumachen.

Wo das Symbol sich dagegen in seiner eigentmlichen Form selbstndig ausbildet, hat es im allgemeinen den Charakter der Erhabenheit, weil zunchst berhaupt nur die in sich noch malose und nicht frei in sich bestimmte Idee zur Gestalt werden soll und deshalb in den konkreten Erscheinungen keine bestimmte Form zu finden imstande ist, welche vollstndig dieser Abstraktion und Allgemeinheit entspricht. In diesem Nichtentsprechen aber berragt die Idee ihr uerliches Dasein, statt darin aufgegangen oder vollkommen beschlossen zu sein. Dies Hinaussein ber die Bestimmtheit der Erscheinung macht den allgemeinen Charakter des Erhabenen aus.

Was nun vorerst das Formelle betrifft, so haben wir jetzt nur ganz im allgemeinen eine Erklrung von dem zu geben, was unter Symbol verstanden wird.

Symbol berhaupt ist eine fr die Anschauung unmittelbar vorhandene oder gegebene uerliche Existenz, welche jedoch nicht so, wie sie unmittelbar vorliegt, ihrer selbst wegen genommen, sondern in einem weiteren und allgemeineren Sinne verstanden werden soll. Es ist daher beim Symbol sogleich zweierlei zu unterscheiden: erstens die Bedeutung und sodann der Ausdruck derselben. Jene ist eine Vorstellung oder ein Gegenstand, gleichgltig von welchem Inhalte, dieser ist eine sinnliche Existenz oder ein Bild irgendeiner Art.

1. Das Symbol ist nun zunchst ein Zeichen. Bei der bloen Bezeichnung aber ist der Zusammenhang, den die Bedeutung und deren Ausdruck miteinander haben, nur eine ganz willkrliche Verknpfung. Dieser Ausdruck, dies sinnliche Ding oder Bild stellt dann so wenig sich selber vor, da es vielmehr einen ihm fremden Inhalt, mit dem es in gar keiner eigentmlichen Gemeinschaft zu stehen braucht, vor die Vorstellung bringt. So sind in den Sprachen z. B. die Tne Zeichen von irgendeiner Vorstellung, Empfindung usw. Der berwiegende Teil der Tne einer Sprache ist aber mit den Vorstellungen, die dadurch ausgedrckt werden, auf eine dem Gehalte nach zufllige Weise verknpft, wenn sich auch durch eine geschichtliche Entwicklung zeigen liee, da der ursprngliche Zusammenhang von anderer Beschaffenheit war; und die Verschiedenheit der Sprachen besteht vornehmlich darin, da dieselbe Vorstellung durch ein verschiedenes Tnen ausgedrckt ist. Ein anderes Beispiel solcher Zeichen sind die Farben (les couleurs), welche in den Kokarden und Flaggen gebraucht werden, um auszudrcken, zu welcher Nation ein Individuum oder Schiff gehrt. Eine solche Farbe enthlt gleichfalls in ihr selber keine Qualitt, welche ihr gemeinschaftlich wre mit ihrer Bedeutung - der Nation nmlich, welche durch sie vorgestellt wird. In dem Sinne einer solchen Gleichgltigkeit von Bedeutung und Bezeichnung derselben drfen wir deshalb in betreff auf die Kunst das Symbol nicht nehmen, indem die Kunst berhaupt gerade in der Beziehung, Verwandtschaft und dem konkreten Ineinander von Bedeutung und Gestalt besteht.

2. Anders ist es daher bei einem Zeichen, welches ein Symbol sein soll. Der Lwe z. B. wird als ein Symbol der Gromut, der Fuchs als Symbol der List, der Kreis als Symbol der Ewigkeit, das Dreieck als Symbol der Dreieinigkeit genommen. Der Lwe nun aber, der Fuchs besitzen fr sich die Eigenschaften selbst, deren Bedeutung sie ausdrcken sollen. Ebenso zeigt der Kreis nicht das Unbeendigte oder willkrlich Begrenzte einer geraden oder anderen nicht in sich zurckkehrenden Linie, welches gleichfalls irgendeinem beschrnkten Zeitabschnitte zukommt; und das Dreieck hat als ein Ganzes dieselbe Anzahl von Seiten und Winkeln, als sich an der Idee Gottes ergeben, wenn die Bestimmungen, welche die Religion in Gott auffat, dem Zhlen unterworfen werden.

In diesen Arten des Symbols daher haben die sinnlichen vorhandenen Existenzen schon in ihrem eigenen Dasein diejenige Bedeutung, zu deren Darstellung und Ausdruck sie verwendet werden; und das Symbol, in diesem weiteren Sinne genommen, ist deshalb kein bloes gleichgltiges Zeichen, sondern ein Zeichen, welches in seiner uerlichkeit zugleich den Inhalt der Vorstellung in sich selbst befat, die es erscheinen macht. Zugleich aber soll es nicht sich selbst als dies konkrete einzelne Ding, sondern in sich nur eben jene allgemeine Qualitt der Bedeutung vor das Bewutsein bringen.

3. Weiter ist drittens zu bemerken, da das Symbol, obschon es seiner Bedeutung, nicht wie das blo uerliche und formelle Zeichen, gar nicht adquat sein darf, sich ihr dennoch umgekehrt, um Symbol zu bleiben, auch nicht ganz angemessen machen mu. Denn wenn einerseits auch der Inhalt, welcher die Bedeutung ist, und die Gestalt, welche zu deren Bezeichnung gebraucht wird, in einer Eigenschaft bereinstimmen, so enthlt die symbolische Gestalt andererseits dennoch auch fr sich noch andere, von jener gemeinschaftlichen Qualitt, welche sie das eine Mal bedeutete, durchaus unabhngige Bestimmungen; ebenso wie der Inhalt nicht blo ein abstrakter, wie die Strke, die List, zu sein braucht, sondern ein konkreter sein kann, der nun auch seinerseits wieder eigentmliche - von der ersteren Eigenschaft, welche die Bedeutung seines Symbols ausmacht, und ebenso noch mehr von den brigen eigentmlichen Beschaffenheiten dieser Gestalt verschiedene - Qualitten enthalten kann. - So ist der Lwe z. B. nicht nur stark, der Fuchs nicht nur listig, besonders aber hat Gott noch ganz andere Eigenschaften als diejenigen, welche in einer Zahl, einer mathematischen Figur oder Tiergestalt knnen aufgefat werden. Der Inhalt bleibt daher gegen die Gestalt, welche ihn vorstellt, auch gleichgltig, und die abstrakte Bestimmtheit, welche er ausmacht, kann ebensogut in unendlich vielen anderen Existenzen und Gestaltungen vorhanden sein. Gleichfalls hat ein konkreter Inhalt viele Bestimmungen an ihm, zu deren Ausdruck andere Gestaltungen, in denen dieselbe Bestimmung liegt, dienen knnen. Fr die uere Existenz, in welcher sich irgendein Inhalt symbolisch ausdrckt, gilt ganz dasselbe. Auch sie hat als konkretes Dasein ebenso mehrere Bestimmungen in ihr, deren Symbol sie sein kann. So ist etwa das nchstbeste Symbol der Strke allerdings der Lwe, ebensosehr aber auch der Stier, das Hrn, und umgekehrt hat wieder der Stier eine Menge anderer symbolischer Bedeutungen. Vollends unendlich aber ist die Menge von Gestaltungen und Gebilden, welche, um Gott vorzustellen, als Symbole gebraucht worden sind.

Hieraus folgt nun, da das Symbol seinem eigenen Begriff nach wesentlich zweideutig bleibt.

a) Erstens fhrt der Anblick eines Symbols berhaupt sogleich den Zweifel herbei, ob eine Gestalt als Symbol zu nehmen ist oder nicht, wenn wir auch die weitere Zweideutigkeit in Rcksicht auf den bestimmten Inhalt beiseite lassen, welchen eine Gestalt unter mehreren Bedeutungen, als deren Symbol sie oft durch entferntere Zusammenhnge gebraucht werden kann, bezeichnen solle.

Was wir zunchst vor uns haben, ist berhaupt eine Gestalt, ein Bild, die fr sich nur die Vorstellung einer unmittelbaren Existenz geben. Ein Lwe z. B., ein Adler, eine Farbe stellt sich selbst vor und kann als fr sich gengend gelten. Deshalb entsteht die Frage, ob ein Lwe, dessen Bild vor uns gebracht ist, nur sich selbst ausdrcken und bedeuten oder ob er auerdem auch noch etwas Weiteres, den abstrakteren Inhalt der bloen Strke oder den konkreteren eines Helden oder einer Jahreszeit, des Ackerbaus vorstellen und bezeichnen soll; ob solches Bild, wie man es nennt, eigentlich oder zugleich uneigentlich oder auch etwa nur uneigentlich genommen werden soll. - Letzteres ist z. B. bei symbolischen Ausdrcken der Sprache, bei Wrtern wie begreifen, schlieen usf. der Fall. Wenn sie geistige Ttigkeiten bezeichnen, haben wir nur unmittelbar diese ihre Bedeutung einer geistigen Ttigkeit vor uns, ohne uns etwa zugleich auch der sinnlichen Handlungen des Begreifens, Schlieens zu erinnern. Aber bei dem Bilde eines Lwen steht uns nicht nur die Bedeutung, die er als Symbol haben kann, sondern auch diese sinnliche Gestalt und Existenz selber vor Augen.

Eine solche Zweifelhaftigkeit hrt deshalb nur dadurch auf, da jede der beiden Seiten, die Bedeutung und deren Gestalt, ausdrcklich genannt und dabei zugleich ihre Beziehung ausgesprochen ist. Dann ist aber auch die vorgestellte konkrete Existenz nicht mehr ein Symbol im eigentlichen Sinne des Worts, sondern ein bloes Bild, und die Beziehung von Bild und Bedeutung erhlt die bekannte Form der Vergleichung,

Ein' feste Burg ist unser Gott,

oder wenn es heit:

In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jngling, Still auf gerettetem Boot treibt in den Hafen der Greis -

ist ber die Bedeutung von Schutz bei der Burg, von Welt der Hoffnungen und Plne bei dem Bilde des Ozeans und der tausend Masten, von dem beschrnkten Zwecke und Besitz, dem kleinen sicheren Flecke beim Bilde des Bootes, des Hafens kein Zweifel. Ebenso wenn im Alten Testament gesagt wird: Gott, zerbrich ihre Zhne in ihrem Maul, zerstoe, Herr, die Backzhne der jungen Lwen! - so erkennt man sogleich, die Zhne, das Maul, die Backzhne der jungen Lwen seien nicht fr sich gemeint, sondern nur Bilder und sinnliche Anschauungen, die uneigentlich zu verstehen seien und bei denen es sich nur um ihre Bedeutung handle.

Diese Zweifelhaftigkeit nun aber tritt um so mehr bei dem Symbol als solchem ein, als ein Bild, das eine Bedeutung hat, vornehmlich nur dann Symbol genannt wird, wenn diese Bedeutung nicht wie bei der Vergleichung fr sich ausgedrckt oder sonst schon klar ist. Zwar wird auch dem eigentlichen Symbol seine Zweideutigkeit dadurch genommen, da sich um dieser Ungewiheit selbst willen die Verbindung des sinnlichen Bildes und der Bedeutung zu einer Gewohnheit macht und etwas mehr oder weniger Konventionelles wird - wie dies in Ansehung auf bloe Zeichen unumgnglich erforderlich ist -, wohingegen das Gleichnis sich als etwas nur zu augenblicklichem Behufe Erfundenes, Einzelnes gibt, das fr sich klar ist, weil es seine Bedeutung selbst mit sich fhrt. Doch wenn auch denjenigen, die sich in solchem konventionellen Kreise des Vorstellens befinden, das bestimmte Symbol durch Gewohnheit deutlich ist, so verhlt es sich mit allen brigen dagegen, die sich nicht in dem gleichen Kreise bewegen oder fr welche derselbe eine Vergangenheit ist, durchaus in anderer Weise. Ihnen ist zunchst nur die unmittelbare sinnliche Darstellung gegeben, und es bleibt fr sie jedesmal zweifelhaft, ob sie sich mit dem, was vor ihnen liegt, zu begngen haben oder damit auf noch andere Vorstellungen und Gedanken angewiesen sind. Wenn wir z. B. in christlichen Kirchen das Dreieck an einer ausgezeichneten Stelle der Wand erblicken, so erkennen wir daraus gleich, da hier nicht die sinnliche Anschauung dieser Figur als eines bloen Dreiecks gemeint, sondern da es um eine Bedeutung derselben zu tun sei. In einem anderen Lokal dagegen ist es uns ebenso klar, da dieselbe Figur nicht solle als Symbol oder Zeichen der Dreieinigkeit genommen werden. Andere, nichtchristliche Vlker aber, welchen die gleiche Gewohnheit und Kenntnis abgeht, werden in dieser Beziehung in Zweifel schweben, und auch wir selbst knnen nicht berall mit gleicher Sicherheit bestimmen, ob ein Dreieck als eigentliches Dreieck oder ob es symbolisch zu fassen sei.

 


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Seite zuletzt aktualisiert: 28.10.2006 
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